Ausgezeichnete Literatur
Das Gewinnerbuch des Schweizer Kinder- und Jugendbuchpreises ist alles andere als Kinderkram

Martin Panchaud erfindet mit seinem Debüt das Lesen neu. Dafür hat er am Samstag im Rahmen der Solothurner Literaturtage verdient den Schweizer Kinder- und Jugendbuchpreis erhalten.

Bettina Kugler
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Konsequent von oben herab zeigt Martin Panchaud seine Figuren nur als Scheiben.

Konsequent von oben herab zeigt Martin Panchaud seine Figuren nur als Scheiben.

Edition Moderne

Es sieht aus wie ein herkömm­liches Buch. Ein schönes, aufwendig gestaltetes: hochwertiges Papier und Lesebändchen, im Umfang gerade recht, kein auffälliges, spezielles Format. Für Büchermenschen aber, die gewohnt sind, sich in weiten Textwüsten leicht zurechtzufinden, liefert Martin Panchauds «Die Farbe der Dinge» den ­Beipackzettel vorsorglich mit, gleich auf dem Cover.

Der Genfer Grafikdesigner Martin Panchaud (links).

Der Genfer Grafikdesigner Martin Panchaud (links).

Boris Bürgisser

Handelt es sich um zeitgenössische Kunst? Ein wissenschaftliches Werk? Nein, «eine Graphic Novel zwischen Infografik und klassischer Erzählung». Solche Schlagworte stehen sonst in Verlagsprospekten. Hier sind sie Teil eines Dialogs zwischen drei Farbpunkten: ein Vorgeschmack auf das, was kommt, und auf die Art, wie es zu lesen ist – immer auch mit ­Augenzwinkern. Kein Vierzehnjähriger wird sich im Vorbei­gehen «Die Farbe der Dinge» schnappen und eine rasante Story auf Leben und Tod erwarten, ein Aussenseiter- und Familiendrama ums grosse Geld und das, was wirklich zählt. Oder doch?

Ein rasanter Wettlauf um die Zeit

Zum zweiten Mal hinterei­nander hat sich die Jury des Schweizer Kinder- und Jugendbuchpreises für einen Titel aus der Zürcher Edition Moderne entschieden, für ein künstlerisch herausragendes, kühn umgesetztes Buch, das sich eigensinnig vom Mainstream unterscheidet. War es 2020 Nando von Arbs aus Kleinkindperspektive skizziertes «3 Väter» über ziemlich chaotische Familienverhältnisse, so hat mit dem 1982 in Genf geborenen Martin Panchaud auch dieses Jahr ein junger Grafikdesigner gleich mit dem ersten Werk das Rennen gemacht. Völlig zu Recht, denn «Die Farbe der Dinge» ist ein grosser Wurf. Ein cooles Buch.

Ein Blick in das Buch.

Ein Blick in das Buch.

zvg

Erzählt wird, auf sehr verspielte und zeitgemässe Art, die haarsträubende Geschichte des 14-jährigen Simon Hope, Lieblingsopfer der Londoner Vorortbengel, immer in Geldnot und im Schwitzkasten seiner falschen Freude. Bis ihm die Wahrsagerin aus der Nachbarschaft einen millionenschweren Tipp fürs nächste Pferderennen gibt und Simon tatsächlich ein Vermögen gewinnt. Damit beginnen ein rasanter Wettlauf um die Zeit und ein Krimi, in dem es alles andere als zimperlich zugeht.

Grafisch erzählt – aus der Drohnenperspektive

Konsequent von oben herab zeigt Panchaud die Figuren: als blosse Farbpunkte aus Drohnenperspektive, wie in einem Videogame. Das Tempo ist hoch; für Atmosphäre, Schilderungen und Gefühle ist kein Platz vorgesehen. Dennoch kommt schnell so etwas wie Empathie auf für den vom Glück überrumpelten, in arge Not gebrachten Antihelden Simon. Vor allem aber fasziniert das Lesen selbst: das Spiel mit Erwartungen und Gewohnheiten, die Kunst des Cliffhangers, der wohldosierten Spannung.

Ganz neu ist die grafische Reduktion und Abstraktion als Erzählform nicht; man denke an die Märchenleporellos und den «Tell» der Künstlerin Warja Lavater (1913–2007) – noch bis Mitte Juni zeigt die Zürcher Zentralbibliothek eine Ausstellung über ihr Werk. Etwas Ähnliches hat Martin Panchaud schon 2016 erprobt: eine 123 Meter lange grafische «Star Wars»-Adaptation. «Star Wars» funkt auch in «Die Farbe der Dinge» hinein, als kleine Episode am Rande.

Aus der Drohnenperspektive erzählt.

Aus der Drohnenperspektive erzählt.

zvg

Es ist nur eines von vielen intelligenten Intermezzi, die aus dem «Hard Stuff» ein echtes ­Lesevergnügen machen, für Jugendliche wie für literarisch ­versierte Erwachsene. Gerade auch, wenn sie digitale Immigranten und überzeugte Nicht­gamer sind.

Die Wahl betont den erklärten Willen zur Avantgarde: Man kann nicht früh genug damit beginnen, das Besondere zu entdecken. Zu lange wurden Kinder- und Jugendbücher, wenige Klassiker ausgenommen, in ihrer künstlerischen Qualität unterschätzt. Verdient hätten auch die vier anderen nominierten Bücher den an den Solothurner Literaturtagen verliehenen, mit 10'000 Franken dotierten Preis. Alle befassen sich unter Verzicht auf Lieblichkeit mit ernsten Themen, mit denen Menschen von Anfang an zu tun haben. Ein Leben lang.

Martin Panchaud: Die Farbe der Dinge. Aus dem Französischen von Christoph Schuler, Edition Moderne, 224 Seiten.
https://www.editionmoderne.ch/buch/die-farbe-der-dinge/

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