Hörspiele
Globi und Kasperli sind offline – Spotify nimmt Kinderhelden aus dem Sortiment

Eine Kindheit ohne Globi und Kasperli? Undenkbar. Nur: Auf dem wichtigsten Streamingdienst sind die Folgen wieder verschwunden. Der Grund liegt in den kurzen Kapiteln.

Michael Graber
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Hatten auch einen gemeinsamen Auftritt: Kasperli und Globi.

Hatten auch einen gemeinsamen Auftritt: Kasperli und Globi.

Tra-tra trallala – tra tra trallala - De Kasperli isch wider da, de Kasperli isch do. Halt: Er ist eben nicht mehr da. Auf Spotify sind alle Folgen von dem Original-Kasperli von Jörg Schneider im digitalen Nirvana verschwunden. Pünktlich auf die beginnende Herbstferienzeit.

Potz Holzöpfel und Zipfelchappe, was ist da nur passiert? Und es kommt noch dicker: Auch Globi, die Ersatzdroge für hörspielsüchtige Kinder, ist bis auf ganz wenige Ausnahmen vom Streamingdienst verschwunden.

Nachfrage beim Label von Globi. «Wir haben Kenntnis von dieser Problematik und sind selbst auch irritiert», heisst es in einer Mail. Sie seien mit «Spotify in Kontakt, um schnellstmöglich eine Lösung des Problems herbeizuführen.»

Und weiter: Sie seien bestrebt «alles Mögliche» zu unternehmen, damit der «Globi Katalog in den nächsten Tagen und Wochen nach und nach wieder verfügbar sein wird». Damit wäre klar: Der Bösewicht in dieser Geschichte ist offenbar der schwedische Streamingdienst.

Die Folgen sind zu lange

Aber warum hat Spotify ein Interesse, dass die Globi und Kasperli-Abenteuer nicht mehr verfügbar sind? Darüber schweigen sich die Verantwortlichen für die Globi-Hörspiele aus. Und auch bei Spotify gibt es keine Antwort. Eine entsprechende Anfrage wurde nicht beantwortet.

Wladek Glowacz kennt die Antwort. Er ist Verantwortlicher bei Tudor, der Heimat der Kasperli-Geschichten. «Spotify will, dass alle Kapitel eine Mindestlänge von 3 Minuten haben», sagt ein hörbar geplagter Glowacz. Viele der legendären Geschichten des zipfelbemützten Tunichtgut erfüllen diese Vorgabe aber nicht.

In Schweden stösst dies auf Widerstand. Das hat mit dem Geschäftsmodell des Streamingdienstes zu tun. Bezahlt werden die Rechteinhaber nach einzelnen Plays. Hören die Kinder daheim das Kasperlitheater Nummer 6 («D Fee Schwäfelblitz im Dracheloch / Die drei goldige Schlösser»), dann sind dies 22 Kapitel bei einer Spieldauer von 57 Minuten.

Entsprechend bekommt der Rechteinhaber 22 Mal eine Vergütung. Das ist den Schweden ein Dorn im Auge: Bei einer Minimallänge von 3 Minuten wären es 3 Kapitel weniger.

«Wir haben diese Kapitel ja nicht so kurz gemacht, damit wir möglichst viel verdienen», sagt Glowacz. Diese sind schon seit Jahrzehnten so eingetragen und auch geschützt. «Das wurde damals so aus Gründen der Dramaturgie festgelegt», wie Glowacz ausführt. Das Gespräch mit Spotify sei unmöglich, sagt er. Es fehle an direkten Ansprechpartner.

Spotify hat zwar 2,2 Millionen Nutzerinnen und Nutzer in der Schweiz, aber kein Büro. Eine Studie ermittelte jüngst, dass in der Schweiz zwei Drittel der User ein kostenpflichtiges Abo haben. Damit dürfte der Konzern alleine in der Schweiz jährlich über 200 Millionen Franken erwirtschaften.

Alles neu einspielen

«Viele haben extra einen Account für ihre Kinder», sagt Glowacz. Er erhalte derzeit viele Anrufe von frustrierten Eltern, welche die Kasperli-Geschichten vermissen. Aber auch die Kriminalfälle von Philip Maloney. Die Abenteuer von Pumuckl. Und vieles mehr. «Alles ist offline», sagt Glowacz. Die Faust im Sack machen, ist für ihn aber keine Option.

Auch, weil Spotify längst der wichtigste Player im Geschäft ist. Laut Tudor macht Spotify alleine 75 Prozent aller Streaming-Einnahmen aus. «Es bleibt uns am Ende wohl nichts anderes übrig, als einfach noch einmal alles neu zu mastern und auf die gewünschte Länge zu schneiden», so Glowacz. Das wiederum wäre mit neuerlichen Kosten verbunden. «Aber Hauptsache es ist wieder online.»

Immerhin: Dem Streaming-Zwist kann er auch ein bisschen was Gutes abgewinnen. «Wir haben gerade eine schöne Bestellung für die Kasperli-CD-Boxen bekommen», sagt Glowacz. Auch den empörten Anrufern bietet er als Alternative die CDs an. «Viele haben aber mittlerweile gar kein Abspielgerät mehr.»

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