Literaturpreis
Bachmannpreis geht an iranisch-österreichische Autorin Nava Ebrahimi – Schweizer gehen leer aus

Auch dieses Jahr gingen die fünf Preis am Wettlesen in Klagenfurt an Texte, die Zeit- und Weltgeschichtliches mit originellen Erzählperspektiven zu einer Dringlichkeit verdichten.

Hansruedi Kugler
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Nava Ebrahimi, Bachmann-Preisträgerin 2021.

Nava Ebrahimi, Bachmann-Preisträgerin 2021.

Bild: ORF

Der mit 25 000 Euro dotierte Bachmannpreis für deutschsprachige Literatur geht an die 1978 in Teheran geborene, in Deutschland aufgewachsene und in Österreich lebende Autorin Nava Ebrahimi. Mehrere Jahre hatte sie nach ihrem Volkswirtschaftsstudium in Köln als Redakteurin gearbeitet, dann als Nahostreferentin für die deutschen Aussenwirtschaftsförderung. Sie sei eine der spannendsten Stimmen der Gegenwartsliteratur, hiess es vonseiten der Jury am Sonntag. Der komplizierte und schwierige Text «Der Cousin» über die Fluchtgeschichte eines schwulen Tänzers behandle auch eine der aktuellen Kernfragen, nämlich wie viel Show brauche es, damit Botschaften überhaupt noch wahrgenommen würden, so Klaus Kastberger in seiner Laudatio. Er hatte den Text der Autorin auch zum Bachmannpreis eingeladen.

Dana Vowinckel gewinnt den Deutschlandfunk-Preis.

Dana Vowinckel gewinnt den Deutschlandfunk-Preis.

Bild: ORF

Neben dem Hauptpreis wurden vier weitere Preise je in Jurysabstimmungen entschieden. Der mit 12 500 Euro dotierte Preis des Deutschlandfunks ging an die am diesjährigen Wettlesen jüngste Autorin, die 1996 geborene Dana Vowinckel. Komplex und doch unmittelbar erzählte sie von drei Generationen und drei jüdischen nichtorthodoxen Erfahrungswelten in Berlin, Chicago und Jerusalem und einer innigen Vater-Tochter-Beziehung.

Necati Öziri, Gewinner des Kelag-Preises:

Necati Öziri, Gewinner des Kelag-Preises:

Bild: ORF

Der mit 10 000 Euro dotierte Kelag-Preis ging an Necati Öziri. Der 1988 geborene Autor und Dramaturg schreibt unter anderem für das Schauspielhaus Zürich, das Maxim Gorki Theater und das Residenztheater München. Seine Texte drehen sich häufig um die Erfahrungen von Verlust und die Auswirkungen von politisch motivierter Gewalt auf Familien. Sein Bachmann-Text ist ein Drama einer imaginierten Vater-Sohn-Beziehung, die Öziri mit der Erinnerung an die destruktiven Folgen der Gründungsideologie der Türkei verbindet.

Timon Karl Kaleyta, Gewinner des 3sat-Preises.

Timon Karl Kaleyta, Gewinner des 3sat-Preises.

Bild: ORF

Der mit 7500 Euro dotierte 3sat-Prei ging an den deutschen, 1980 geborenen Berliner Autor Timon Karl Kaleyta. In seinem Text zeichnet er ein perfid-heiteres Psychogramm eines wohlstandsverwahrlosten Neurotikers. Die Geschichte dreht sich um den arglosen Julian, der an einem See wohnt und ein altes Sportboot aus DDR-Zeiten restaurierte. Sein neurotischer Freund begleitet ihn oft auf Ausfahrten am See und ist zugleich fasziniert als auch neidisch.

Keine Preise in die Schweiz

Julia Weber und Lukas Maisel, welche die Schweiz beim Bachmannpreis vertreten haben, gingen leer aus. Weber schaffte es zwar in die engere Auswahl, wurde aber dann mit keinem Preis belohnt. Ihr Text, den Anfang ihres nächsten Romans, schildert die mysteriöse Begegnung zweier Frauen, die schnell im Bett landen - wobei die Erzählerin eine Art Heilige zu sein scheint, die ihrer Bekanntschaft ein körperliches Erweckungserlebnis verschafft. Die Jury lobte ausdrücklich den Mut, das verminte Terrain der Sexszenen in der Literatur zu betreten und befand, Weber habe das bravourös gemeistert. Juror Klaus Kastberger konstatierte: «Best sex in fiction!» Lukas Maisel, der auf Einladung von Philipp Tingler teilnahm, verschränkte sehr zeitgenössisch das Thema der Tinder-Dates mit der Grundfrage, wie wir unser Leben überhaupt erzählen können. Nach der Preisrunde muss man aber wohl einmal mehr feststellen, dass für die Bachmanntage eher weltausgreifende Texte für die vorderen Ränge favorisiert sind.

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