Pandemie
«Peinlich!»: Präsident der ETH in Lausanne sorgt sich ums Wohl der Schweiz und deren Coronapolitik

Der Präsident der welschen ETH in Lausanne kritisiert die tiefe Impfquote in der Schweiz. Und überhaupt sorgt sich Martin Vetterli um den Zusammenhalt des Landes in der Coronapandemie.

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Martin Vetterli, Präsident der EPFL in Lausanne, kritisiert die tiefe Impfquote in der Schweiz als unsozial.

Martin Vetterli, Präsident der EPFL in Lausanne, kritisiert die tiefe Impfquote in der Schweiz als unsozial.

Keystone

Selbst ist er längst geimpft. Und sorgt sich nun um die Schweizer Coronapolitik und insbesondere um die tiefe Impfquote hierzulande. «Peinlich», sei diese, sagt Martin Vetterli am Montag im Interview mit dem «Blick». Was den Präsidenten der EPFL in Lausanne dabei besonders sorgt: «Viele Menschen sind immer noch der Meinung, dass die Krankenhäuser über die nötigen Kapazitäten verfügen und sie sich deshalb nicht impfen lassen müssen.» Dabei stünden diese – und damit auch die Mitarbeitenden in den Spitälern – längst am Anschlag.

In diesem Verhalten spiegelt sich für den Präsidenten der welschen ETH ein Individualismus, mit dem es schwer werde, als Gesellschaft eine kollektive Herausforderung wie die nun seit anderthalb Jahren dauernde Coronapandemie zu bewältigen. «Die Skeptiker kennen nur das Wort ‹ich›.», sagt Martin Vetterli. Er selber etwa habe sich in erster Linie geimpft, um seine Familie zu schützen, insbesondere die 92-jährige Mutter.

«Wir haben die Arbeit im Vorfeld nicht gemacht»

Für die Wissenschaft im Allgemeinen und seine Universität im Speziellen wiederum bot die Pandemie auch Chancen. Nämlich, sich zu beweisen. «Die dramatische Situation hat der Forschung Energie verliehen», sagt dazu Martin Vetterli. So seien etwa Impfstoffe in weniger als einem Jahr entwickelt worden. Oder die EPFL half mit, in 23 Tagen die Contact-Tracing-App Swisscovid zu entwickeln.

Doch gerade Letztere hat auch wunde Punkte der Wissenschaft offenbart. Nämlich, dass die Bevölkerung nicht verstehe, was in der App drin steckt. «Naiverweise» ging Martin Vetterli davon aus, «dass 50 Prozent der Bevölkerung sie installieren würden». Am Ende war es jedoch nur knapp ein Viertel. Womit die App zur Nachverfolgung von Kontakten im Fall einer Infektion kaum etwas nützt.

Auch Zusammenarbeit mit EU bereitet Sorgen

«Wir haben die Arbeit im Vorfeld nicht gemacht», übt der EPFL-Präsident in dem Interview darum auch Selbstkritik. So hätten sie nicht gewusst, wie die App der Bevölkerung zu erklären und damit auch Ängste bezüglich des Datenschutz nicht ausräumen können. Martin Veterli: «Wir, die Wissenschaftler, sind manchmal zu abgehoben. Wir müssen zugeben, dass es uns an Demut gefehlt hat.»

Anders rum sieht der EPFL-Präsident die Politik gefordert, wenn es um die internationale Forschungszusammenarbeit geht. Hier sind für Martin Vetterli nämlich «die Schweizer Wirtschaft und damit unser Wohlergehen direkt bedroht.» So erwartet er nach dem Abbruch der Verhandlungen eines EU-Rahmenabkommens durch die Schweiz nun vom Bundesrat Klartext: «Wenn die europäische Forschung seine Priorität ist, sollte er alles tun, um die Schweiz in Horizon Europe einzubinden». Nach dem Njet zeigt sich Brüssel bislang allerdings nicht geneigt, das Forschungsprogramm für die Schweiz wieder zu öffnen. (sat)

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