Italienischer Mittelfeldstar
Jorginho ist unsichtbar – und doch überall

Der zentrale Mittelfeldspieler zieht im italienischen Spiel die Fäden, wird aber auf dem Feld kaum wahrgenommen. Ein kurzes Porträt eines Taktgebers, der auch im EM-Halbfinal gegen Spanien eine zentrale Rolle einnehmen dürfte.

Dan Urner
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Jorginho ist ein zentraler Baustein und für den Erfolg Italiens immens wichtig.

Jorginho ist ein zentraler Baustein und für den Erfolg Italiens immens wichtig.

Keystone

Trainer Roberto Mancini hat die Squadra Azzurra auf einen derart erfolgsversprechenden Vollgas-Fussball getrimmt, dass südlich der Alpen eine veritable Euphorie ausgebrochen ist. Der EM-Titel ist kein entfernter Traum mehr, er könnte schon sehr bald Realität werden, allein zwei Siege in Wembley fehlen den Italienern noch. Die Mannschaft hat sich zu einer mitreissenden Einheit entwickelt, in der ausschliesslich das Kollektiv im Vordergrund steht.

Jorginho hat eigentlich nichts, was ihn aus diesem Team hervorhebt. Er pflegt einen fast schon aufreizend unauffälligen und nüchternen Spielstil – und ist dennoch – oder gerade deswegen – bei Mancini gesetzt. Das können nicht viele von sich behaupten in einer Equipe, in der im Zweifel auch prominente Namen nicht davor gefeit sind, sich plötzlich auf der Ersatzbank wiederzufinden. Dem gebürtigen Brasilianer dürfte auch im Halbfinal gegen Spanien eine Schlüsselrolle zukommen.

Taktgeber und Ruhepol

Dass Jorginho einen essenziellen Bestandteil in Mancinis Team darstellt, legen auch die Zahlen eindrucksvoll dar: Vier der fünf Spiele an der Euro bestritt der zentrale Mittelfeldspieler des FC Chelsea über die volle Distanz. Einzig im sportlich recht unbedeutenden dritten Gruppenspiel gegen Wales wurde er nach 75 Minuten ausgewechselt. Er ist äusserst passsicher, gemäss Uefa-Daten fanden bislang rund 95 Prozent seiner Zuspiele den Weg zu seinen Mitspielern – ein exzellenter Wert, der zwölftbeste aller Spieler im Turnier. In absoluten Zahlen: 371 von 391 Pässen kamen an.

Der Einfluss des 29-Jährigen auf das Wohl und Wehe der italienischen Mannschaft ist nicht immer mit blossem Auge erkennbar. Und ist doch riesig. «Der Spielmacher der Azzurri, ihr defensiver Regisseur, ist quasi immer überall», fasste die Süddeutsche Zeitung kürzlich zusammen. Der 1,80 Meter grosse Mittelfeldmann sorgt für Ordnung, zieht die Fäden, fungiert als Taktgeber und Ruhepol zugleich. Jorginho spielt selten risikoreich, moderiert den italienischen Ballvortrag mit Umsicht und Abgeklärtheit.

Jorginho verleiht dem italienischen Spiel Ruhe und Kontrolle.

Jorginho verleiht dem italienischen Spiel Ruhe und Kontrolle.

Keystone

Leidenschaft seiner Mutter

Aufgewachsen ist Jorginho, der mit bürgerlichem Namen Jorge Luiz Frello Filho heisst, im brasilianischen Imbituba bei seiner Mutter, die in ihm die fussballerische Leidenschaft weckte. Mit 15 Jahren kam er nach Italien zu Hellas Verona. Dort lebte er ohne finanzielle Mittel in einem Kloster, ihn plagte Heimweh, doch seine Mutter ermutigte ihn zu bleiben. Jorginho ist ihr dafür dankbar bis heute, wie er mehrfach betonte. 2011 gab er sein Debüt für Hellas in der Serie B. 2014 folgte der nächste Karriereschritt mit dem Wechsel zum SSC Neapel. Und seit 2018 verdient er sein Geld in der Premier League beim FC Chelsea.

Im brasilianischen Nationalteam spielte er nie eine Rolle. Stattdessen weckte der Mittelfeldspieler die Begehrlichkeiten des italienischen Fussballverbands. Dass Jorginho väterlicherseits Wurzeln in Italien nachweisen konnte, kam ihm bei der Einbürgerung zugute. Seit 2012 ist er italienischer Staatsbürger. 2016 kam er zu seiner Premiere im Trikot der Squadra Azzurra.

In diesem Jahr hat Jorginho mit dem Gewinn der Champions League bereits einen grossen Titel auf der Habenseite. Gut möglich, dass an der EM ein zweiter Exploit folgt. Es wird auch auf ihn ankommen. Selbst wenn es niemand bemerkt.

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