Nach dem Drama im EM-Final
Der Elfmeterfluch: Die Engländer setzen auf das Prinzip Hoffnung - an der WM «sind wir wieder da»

Wie die Engländer auf die Endspiel-Niederlage reagierten.

Sebastian Borger, London
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Frust in London: Ein englischer Fussballfan tritt gegen einen Abfalleimer, der Kehricht liegt auf dem Boden verstreut.

Frust in London: Ein englischer Fussballfan tritt gegen einen Abfalleimer, der Kehricht liegt auf dem Boden verstreut.

Keystone

War das Ende nicht irgendwie unausweichlich? Am Tag nach der bitteren Niederlage im Finale der Europameisterschaft trösteten sich Millionen englischer Fussballfans mit diesem Gedanken. Von «Agonie und Ekstase» sprach das Morgenmagazin der BBC, liess für Ersteres traurige Londoner zu Wort kommen – und schaltete dann um zur Korrespondentin in Rom, die pflichtbewusst über die Siegesfeiern in Italien berichtete.

Dabei hatte der Tag so verheissungsvoll begonnen. An einem kühlen Sonntag im Juli versammelten sich vor allem junge Leute schon bald zu einem kollektiven Ereignis, wie es die Nation seit der letzten grossen Hochzeit im Königshaus 2018 nicht mehr erlebt hatte. Vor dem «Faltering Fullback» im Nord-Londoner Stadtteil Stroud Green bildete sich bereits um 6 Uhr eine Schlange von Fans, die das 14 Stunden später beginnende Spiel im lauschigen Garten des bekannten Pubs verfolgen wollten. Auch auf grossen Plätzen wie dem Trafalgar und Leicester Square und rund ums Wembleystadion im Nordwesten der Hauptstadt feierten Scharen halbnackter junger Männer schon Stunden vor dem Spiel.

Analysten ziehen positive Turnierbilanz

In den Sonntagszeitungen zogen Leitartikler und Sportexperten eine weitgehend positive Bilanz des Turniers. Warum auch nicht? Zum ersten Mal seit 55 Jahren – auch damals im eigenen Land – waren die «Three Lions» ins Finale eingezogen, hatten auf dem Weg dorthin zudem den alten Angstgegner Deutschland besiegt.

Gewiss hatte die Corona-Pandemie der Idee vom Kontinent-weiten Karneval einen Strich durch die Rechnung gemacht; vielerorts blieb das unmittelbare Erlebnis der Partien auf kleine Fangruppen begrenzt, weil die Stadien nicht gefüllt werden durften. Am Fernsehen aber bot sich den Zuschauern ein spannendes, abwechslungsreiches Spektakel. «Der Fussball war hervorragend, die Spieler brannten darauf, für ihre Nationalteams zu spielen, nach einer vielerorts ziemlich langweiligen Saison», analysierte Jonathan Liew vom «Guardian».

Nun ruhten die Hoffnungen der Nation auf zwei Londonern: dem «seltsamen Paar» («Sunday Times») im Sturmzentrum, dem langen Mittelstürmer Harry Kane von den Tottenham Hotspurs und dem Flügelflitzer Raheem Stirling, der sein Geld bei Manchester City verdient, aber im Schatten des Wembley-Stadions aufwuchs. Natürlich wurde auch wieder die Geschichte des beinahe zum Halbgott veredelten Nationaltrainers Gareth Southgate aufgeblättert, «jenes kühlen und selbstbewussten» («The Observer») Mannes, der wie kein anderer Englands Fussballgeschichte des vergangenen Vierteljahrhunderts verkörpert.

Neue Penalty-Unglücksraben

Leere Blicke bei den Engländern nach dem verlorenen Penaltyschiessen, das böse Erinnerungen weckt.

Leere Blicke bei den Engländern nach dem verlorenen Penaltyschiessen, das böse Erinnerungen weckt.

Keystone

Es war der 25-Jährige gewesen, der im EM-Halbfinale 1996 mit dem letzten Elfmeter am deutschen Keeper Andreas Köpke scheiterte. Im Regen von Wembley teilten sich diesmal drei junge Männer das Schicksal als Unglücksraben. Marcus Rashford setzte seinen Schuss an den Pfosten, die Versuche von Jadon Sancho und Bukayo Saka parierte Gianluigi Donnarumma, der hünenhafte Goalie Italiens.

Warum gerade diese drei die Elfmeter schiessen und sich prompt im Internet «widerwärtige Beschimpfungen» anhören mussten, wie Premierminister Boris Johnson empört wetterte? «Das war meine Entscheidung», sagte Southgate. Sancho und Rashford waren das gesamte Turnier über kaum zum Einsatz gekommen, auch an diesem Abend kamen sie erst zwei Minuten vor Schluss aufs Feld. Saka gehörte zu den Entdeckungen der letzten Wochen, zählt aber gerade mal 19 Jahre.

An der WM «sind wir wieder da»

Tags darauf prangte auf vielen Zeitungen das Foto des Nationaltrainers, der dem eigentlich untröstlichen Teenager eben doch Trost zu spenden versuchte. «Die Löwen haben uns stolz gemacht», lautete die Titelzeile der Gratiszeitung «Metro». Auch die Boulevardblätter „Express“ und „Sun“ gaben sich stolz, «Telegraph» und «Times» sprachen vom «Fluch der Elfmeter». Nur die BBC gab sich kühl und objektiv: «Die Italiener hatten den Sieg verdient.»

Und nun? Am Montag erwartete die Nation Johnsons Erklärung zur Aufhebung aller Covid-Beschränkungen von kommender Woche an. Wie die meisten Entscheidungen der konservativen Regierung ist auch diese unter Fachleuten heftig umstritten. Unter Fussballfans wie der Londoner Schulberaterin Sarah Caton hingegen herrschte Einigkeit. Wenn in 17 Monaten die WM in Katar angepfiffen wird, «dann sind wir wieder da».

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