Basler Strafgericht
Roche um 10 Millionen abgezockt: Ex-Lehrling und Komplize müssen für mehrere Jahre ins Gefängnis

Ein Kadermitarbeiter von Roche hat zusammen mit einem Finanzjongleur seinen Arbeitgeber um rund zehn Millionen Franken erleichtert. Am Montag genehmigte das Basler Strafgericht die mit der Staatsanwaltschaft ausgehandelten unbedingten Freiheitsstrafen für beide Männer.

Patrick Rudin
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Die beiden Roche-Türme prägen das Basler Stadtbild.

Die beiden Roche-Türme prägen das Basler Stadtbild.

Kenneth Nars

«Ja, wir haben ein Schlupfloch entdeckt», bestätigte der 50-jährige Angeklagte am Montag im Basler Strafgericht. Rund zehn Millionen Franken zweigte der Kadermitarbeiter ab, der Verbleib des Gelds bleibt zu einem grossen Teil ungeklärt.

Der 50-jährige Schweizer absolvierte in den 80er Jahren seine Lehre bei Hoffmann-La Roche, stieg in der Hierarchie auf und arbeitete über 20 Jahre lang als Manager im Bereich Einkauf, dazu gehörte auch die Evaluation der Lieferanten. Damit war er der ideale «Mr. Inside»: Für Firmen mit ähnlich klingenden Namen wie tatsächliche Lieferanten wurden von ihm Kreditorenkonten geschaffen, und dazu passende Rechnungen fälschte er gleich selber.

Das Geld ging zuerst nach Singapur, dort sorgte ein 58-jähriger Franzose für die undurchsichtige Weiterverteilung. Er verfügte über Firmengeflechte in Singapur, Malta, den British Virgin Islands und Zug. Zwischen Januar und August 2017 zockten die zwei Männer mit 86 gefälschten Rechnungen Roche um insgesamt rund zehn Millionen Franken ab. Die angeblichen Lieferantenrechnungen wurden meist in Singapur ausgedruckt und dann regulär in die Schweiz zugestellt, sowohl die Preise wie auch die Zeitpunkte waren ausgesprochen plausibel.

Angeklagter war per Video bei der Verhandlung dabei

Die Anklage schildert einen «luxuriösen Lebensstil», nennt aber keine Details. Ein Hinweis liefert allerdings die Überweisung von fast 1,6 Millionen Euro an eine Firma namens «Mega Yacht Club of Vanuatu», die dem 58-Jährigen gehörte. Dieser ist inzwischen gesundheitlich stark angeschlagen, er ist gelähmt und sitzt im Rollstuhl. Er wurde am Montag der Gerichtsverhandlung deshalb per Video aus dem Gefängnis zugeschaltet.

Die Gelder flossen teilweise auch an eine Basler GmbH, deren Gesellschafter der 50-jährige Manager und seine Ehefrau waren.
Ermittelt wurde auch gegen die Ehefrau, das Verfahren dann aber eingestellt. Sie hatte die beiden Männer im Jahr 2016 miteinander bekannt gemacht.

Aufgeflogen ist das System im Herbst 2017, Roche erstattet Anzeige gegen Unbekannt. weitere 27 gefälschte Rechnungen mit Beträgen über insgesamt rund vier Millionen Franken gelangten nicht zur Auszahlung. Der 50-jährige Manager wurde im Mai 2018 verhaftet und hat
21 Monate seiner Freiheitsstrafe in einer offenen Anstalt abgesessen.
Der 58-jährige Franzose wurde im März 2019 in Spanien verhaftet und später an die Schweiz ausgeliefert.

Beide Männer haben ein abgekürztes Verfahren verlangt und auch
erhalten

Ihre Verteidiger einigten sich mit der Staatsanwaltschaft auf eine Freiheitsstrafe von insgesamt drei Jahre und drei Monate für den Schweizer sowie vier Jahre und drei Monate für den Franzosen wegen gewerbsmässigem Betrug, Urkundenfälschung und gewerbsmässiger Geldwäscherei. Beim Franzosen kommt noch ein Landesverweis von zehn Jahren dazu. Staatsanwalt Thomas Hofer erklärte am Montag die unterschiedliche Strafzumessung damit, dass der Kadermitarbeiter früh ein Geständnis abgelegt habe, der Franzose hingegen wegen ähnlicher Delikte bereits vorbestraft war und zu Beginn der Untersuchung «hanebüchene» Erklärungen abgegeben habe.

Zum abgekürzten Verfahren gehört auch das Einverständnis der
Privatkläger: Beide Männer haben eine solidarische Schuldanerkennung über rund 10 Millionen Franken plus fünf Prozent Jahreszinsen unterschrieben. Wieviel davon von Roche wohl abgeschrieben werden muss, ist unklar. Der Kadermitarbeiter hatte zuletzt 11'000 Franken verdient, wegen der Betrügereien wurde er nach über 30 Dienstjahren fristlos entlassen. Wichtige Fragen bleiben ungeklärt: Ein zweites Rechtshilfeersuchen an Singapur im Juli 2020 über den Verbleib diverser Gelder blieb bis heute unbeantwortet.

Das Basler Strafgericht prüfte am Montagmorgen den «Deal» und genehmigte die Vereinbarung. Dabei ist vom Gesetz ausdrücklich vorgesehen, dass die Richter nur grob die Übereinstimmung mit den Akten überprüfen und die Höhe des Strafmasses einigermassen dem Verschulden entspricht.

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