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Zuckerberg: Wie ihm eine Whistleblowerin die totale Kontrolle über das virtuelle Metaverse verwehren könnte

Von Facebook zu Meta: neuer Name, kein Vertrauen. Zuckerberg kommt ein historischer Leak in die Quere.

Niklaus Vontobel
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Will von der Welt der Sozialmedien wechseln in die virtuelle Welt des Metaverse: der Gründer und Chef von Facebook, Marc Zuckerberg

Will von der Welt der Sozialmedien wechseln in die virtuelle Welt des Metaverse: der Gründer und Chef von Facebook, Marc Zuckerberg

Eric Risberg / AP

Die geballte Faust in die Höhe halten und dazu schreien: «Dominanz». So soll Marc Zuckerberg in den frühen Tagen von Facebook wöchentliche Sitzungen beendet haben. Genauso forsch scheint Zuckerberg sich nun von Facebook distanzieren zu wollen, dessen CEO er ist, Präsident sowie Gründer und Mehrheitsaktionär. Seine Plattform nutzen zwar rund 2,9 Milliarden Menschen. Doch der Ruf ist zunehmend toxisch geworden – zuletzt durch einen Leak von internen Dokumenten, der wohl zu den grössten der Geschichte gehört.

Zuckerberg will sich davon befreien, will der Visionär sein, der eine neue digitale Welt erschafft: das «Metaverse».

Zehntausende Dokumente mit dem Handy fotografiert

Was das genau sein wird, weiss wohl niemand, nicht einmal Zuckerberg. Im Kern entsteht da eine virtuelle, alternative Welt, in der Menschen alles Mögliche tun und lassen können: lernen, einkaufen, Konzerte besuchen, nur plaudern oder gar heiraten. In Zuckerbergs Vision würde das Metaverse allein von Facebook kontrolliert – beziehungsweise von Meta. Es müsste nicht länger die Macht teilen mit aufsässigen Handyherstellern wie Apple, die Facebook zuletzt bedrängten mit strengeren Regeln zum Datenschutz. Meta würde alles kontrollieren, etwa alle Sinneseindrücke, die Nutzer aus der virtuellen Welt erhalten. Solche Macht bedingt Vertrauen.

Fröhliche Runde: So stellt sich Zuckerberg das Metaverse vor

Fröhliche Runde: So stellt sich Zuckerberg das Metaverse vor

Meta Handout / EPA

Nur ist Zuckerberg da diese Whistleblowerin in die Quere gekommen. Frances Haugen hat eine Kampagne gegen den ehemaligen Arbeitgeber lanciert, wie es sie so wohl nie gegeben hat. Bis im Mai war die 37-jährige Informatikerin noch bei Facebook angestellt. Mit ihrem Smartphone fotografierte sie gleich Zehntausende von Dokumenten: Vorträge, Forschungspapiere oder Diskussionen in Foren. Seit ihrer Kündigung helfen ihr Anwälte, Marketing- und Kommunikationsexperten, ein ganzes Team. Acht Beschwerden hat sie bei der US-Börsenaufsicht eingereicht. Kopien ihres Dokumente-Fundus gingen an Regulatoren und den US-Kongress. Mitte September erschien im «Wall Street Journal» eine erste Serie vernichtende Artikel, die sich auf ihre Dokumente stützte. Der Börsenkurs von Facebook litt. (Siehe Chart). Sie sagte vor dem US-Kongress aus, vor dem britischen Parlament, vom Europäischen Parlament wurde sie eingeladen. Dazwischen gab sie Kopien all ihre Dokumente einer Gruppe von Zeitungen – weitere Enthüllungen folgten.

Automatisch Fakenews in den Newsfeed bekommen

Intern Alarm schlagen, öffentlich die Schultern zucken: Viele Enthüllungen, die auf den Dokumenten von Haugen beruhen, beschreiben dieses Muster.

Lange vor den US-Präsidentschaftswahlen machte eine Forscherin eine alarmierende Beobachtung, die sie in einem Memo beschrieb. Zu Testzwecken hatte sie ein Facebook-Profil eröffnet – eine Woche später schob ihr der Algorithmus automatisch Verschwörungstheorien von Qanon in den Newsfeed. Kurz nach den Wahlen war ein Datenanalyst beunruhigt: von den politischen Beiträgen, die US-Nutzer sahen, wurde in jedem Zehnten behauptet, an den Wahlen sei betrogen worden.

Öffentlich gab Facebook anderen die Schuld. Sheryl Sandberg, nach Zuckerberg die Nummer zwei bei Facebook, sagte: der Sturm auf den US-Kongress sei «weitgehend auf Plattformen organisiert worden, denen unsere Fähigkeiten fehlen, den Hass zu stoppen.» Marc Zuckerberg sagte vor dem Kongress, sein Unternehmen habe, «seinen Teil getan, um die Integrität unserer Wahlen zu sichern.»

Die lokalen Sprachen nicht beherrscht

Die Jugend hält Facebook für zutiefst uncool. Dass dem so ist, zeigen interne Analysen von Facebook. Doch diese hielt Facebook unter Verschluss, die Aktionäre wüssten nichts davon. «Junge Erwachsene empfinden uns als langweilig, irreführend und negativ», zitiert die «Financial Times» aus internen Papieren. Im Urteil von Jugendlichen und jungen Erwachsenen sei die Zeit «unproduktiv», die sie auf Facebook verbrächten. Laut Projektionen könnte Facebook von jungen Erwachsenen in den kommenden Jahren um 45 Prozent weniger genutzt werden.

Und dann beherrscht Facebook gemäss den internen Berichten oftmals schlicht nicht die Sprache jener Länder, in denen kein Englisch gesprochen wird. Etwa im Arabischen fehle es an Wissen, um Hassreden zu bekämpfen. In Afghanistan waren gar die Seiten falsch übersetzt, die erklären sollten, wie man Hassreden rapportieren kann. «Facebook hat ein gewaltiges Problem mit Sprachen», schrieb darum die «Financial Times». Ein ethnischer Konflikt in Äthiopien sei durch Facebook verschlimmert worden, sagte Haugen vor dem britischen Parlament. Es sei ein Hauptgrund gewesen, warum sie zur Whistleblowerin geworden sei.

Klagt ihren ehemaligen Arbeitgeber an: Informatikerin Frances Haugen

Klagt ihren ehemaligen Arbeitgeber an: Informatikerin Frances Haugen

Jabin Botsford / AP Pool The Washington Post

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