Tabakkonsum
Rauchen wird in Deutschland teurer – in der Schweiz bleibt die Prävention zahnlos

Mit der Tabakreform werden in Deutschland E-Zigaretten und Tabakerhitzer ab 2022 höher besteuert. Die Branche zieht deswegen vor Gericht. Die Schweiz streitet derweil bloss über Werbeverbote.

Gabriela Jordan
Merken
Drucken
Teilen

Keystone

Die Schweiz ist das Land in Europa, in dem Zigaretten am wenigsten reguliert sind. Und das dürfte auch noch eine Weile so bleiben. In der laufenden Sommersession diskutiert das Parlament zwar gerade neue Werbebeschränkungen für alle Arten von Tabakprodukten wie E-Zigaretten und Tabakerhitzer. In Deutschland ist die Politik aber schon einen rechten Schritt weiter: Vergangenen Freitag stimmte der Bundestag einer Reform der Tabaksteuer ab 2022 zu.

Eine Packung Zigaretten wird demnach ab 2022 mit zehn Cent zusätzlich besteuert, bis 2026 sollen weitere Steuererhöhungen folgen. Interessanter ist jedoch die Änderung bei neuartigen Produkten wie E-Zigaretten, Tabakerhitzer und Shisha-Tabak: Sowohl in Deutschland als auch in der Schweiz werden diese derzeit nur mit einer Mehrwertsteuer besteuert. In Deutschland soll sich dies nun ändern, Flüssigkeiten für E-Zigaretten und andere Produkte sollen ab 2022 deutlich höher besteuert werden.

Der E-Zigarettenbranche gefällt das freilich ganz und gar nicht. Wie deutsche Medien berichten, ziehen Branchenvertreter gegen die Tabaksteuerreform nun vor Gericht. Eines ihrer Argumente: Die Reform verfehle das Ziel eines besseren Gesundheitsschutzes. Die vergleichsweise weniger schädliche E-Zigarette werde mit einem starken Steuersprung unattraktiver gemacht, während der Steueraufschlag auf die Tabakzigarette nur gering sei. Anstatt Menschen mit einer relativ niedrigen Besteuerung vom Rauchen zum E-Zigarettenkonsum zu bringen, werde das Gegenteil getan. Dies berichtet die «Lebensmittelzeitung».

Deutschland und Schweiz belegen in Präventionsranking letzte Plätze

Den von der Branche beschriebenen Effekt bestätigen zwar auch kritische Stimmen wie Suchtpräventionsstellen, darunter Sucht Schweiz. Diese empfiehlt jenen, die nicht auf Nikotin verzichten können, auf die elektronische Zigarette umzusteigen. Trotzdem müsse auch dieses Tabakprodukt zwingend besteuert werden, heisst es bei Sucht Schweiz. Nur weil E-Zigaretten weniger schädlich seien, handle es sich noch um keine harmlosen Life-Style-Produkte. Problematisch sei zudem, dass viele junge Menschen via E-Zigaretten mit dem Rauchen beginnen würden.

Dass die Reform in Deutschland durch die Klage gekippt wird, gilt ohnehin als unwahrscheinlich. Denn eine Musterschülerin in Sachen Prävention wird das Land durch die neue E-Zigaretten-Steuer noch immer nicht: Gemessen an ihren Bemühungen zur Reduzierung des Tabakkonsums belegt Deutschland anhand der Kriterien der Tobacco Control Scale einen der letzten Plätze – schneidet aber damit noch immer besser ab als die Schweiz, die aufgrund der Bemühungen ihres nördlichen Nachbarn auf den letzten Platz gerutscht ist. Zum Vergleich: Grossbritannien, Frankreich und Irland erhalten in dem Ranking fast doppelt so viele Indexpunkte.

Tabakkonsum und seine Folgen

Ein Viertel der Schweizer Bevölkerung raucht, mehrheitlich in Form von Zigaretten. Laut Suchtmonitoring Schweiz hat der Anteil zwischen 2001 und 2008 abgenommen, scheint aber seither stabil zu sein. In Nachbarländern sei das Ausmass des Konsums ähnlich. Schätzungsweise 1,6 Prozent der Bevölkerung benutzt elektronische Zigaretten, bei unter 35-Jährigen ist das Produkt deutlich stärker verbreitet.

Jedes Jahr sterben rund 9500 Menschen an Krankheiten, die durch das Rauchen verursacht werden: Lungenkrebs, chronisch-obstruktive Lungenerkrankungen und koronare Erkrankungen. Die durch den Tabakkonsum verursachten sozialen Kosten werden laut Suchtmonitoring Schweiz auf 5 Milliarden Franken geschätzt (3 Milliarden für medizinische Kosten, 2 Milliarden Franken für die Produktionsverluste). 

Strengere Werbeverbote in der Schweiz – aber keine höhere Besteuerung

Doch auch in der Schweiz tut sich etwas. Der Ständerat berät diesen Montag das neue Tabakproduktegesetz, das vor mittlerweile sechs Jahren vom Bundesrat vorgeschlagen wurde. Dieses soll insbesondere Jugendliche besser schützen und den Verkauf sämtlicher Tabakwaren an Minderjährige verbieten. Auch Werbeeinschränkungen sollen für alle auf dem Markt verfügbaren Alternativen wie E-Zigarette, Tabakerhitzer und Snus gelten. Der Nationalrat stimmte dem Gesetz teils bereits zu – primär wegen des Drucks durch die hängige Volksinitiative «Kinder ohne Tabakwerbung». Zuvor wehrten sich liberale Kräfte noch gegen die Werbeverbote.

Höhere Steuern sind dabei aber noch kein Thema. Eine Motion verlangt zwar ebenfalls eine Tabaksteuer für E-Zigaretten – zunächst soll aber das Tabakproduktegesetz ins Trockene gebracht werden. Bis Tabakprodukte in der Schweiz tatsächlich teurer werden könnten, dürfte es also noch Jahre dauern. Philip Morris Schweiz und die Vereinigung des Schweizer Tabakwarenhandels äusserten sich auf Anfrage nicht zu den Entwicklungen.