Impf-Streit
Frankreichs Impfgegner greifen zur Gewalt: In mehreren Städten kommt es zu Ausschreitungen

In Frankreich haben Tausende zum Teil gewaltsam gegen die neuen Impf-Auflagen der Regierung demonstriert. Doch Macron hält an seinem strengen Kurs fest.

Stefan Brändle, Paris
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Ein kategorisches "Nein zum Gesundheitspass" an der Pariser Demo

Ein kategorisches "Nein zum Gesundheitspass" an der Pariser Demo

Agency / Anadolu

Die Proteste entbrannten zwei Tage, nachdem Präsident Emmanuel Macron die Impfschraube angezogen hatte. In Toulouse, Montpellier oder Bordeaux, aber auch in savoyischen Kleinstädten wie Chambéry gingen jeweils mehr als tausend Impfgegner auf die Strasse. Insgesamt wurden 19'000 Demonstranten gezählt.

Bei den Umzügen in Paris und Lyon musste die Polizei Tränengas einsetzen, um Gewaltakte zu verhindern. In Annecy südlich von Genf zerstörten Demonstranten das Eingangsportal der Präfektur und drangen in die Gärten der Anlage ein. Auch wenn sie dort keine Schäden anrichteten, verurteilte Innenminister Gérald Darmanin die Aktion scharf. Die Bilder von den Treppen erinnerten an den Sturm des Kapitols in Washington durch Trump-Anhänger.

Die Protestierenden warfen der Regierung ihrerseits in Sprechchören vor, sie verhalte sich wie eine «Diktatur». Macron hatte am Montag eine Impfpflicht für das Pflegepersonal erlassen. Die übrige Bevölkerung will er mit neuen Vorschriften veranlassen, sich immunisieren zu lassen. Ab August verlangt die Regierung für alle Erwachsenen, darunter auch ausländische Reisende, einen Impfpass mit einem Beleg der Zweifach-Impfung. Dieses Obligatorium gilt sowohl im Zug wie im Flugzeug, im Supermarkt wie im Kino, in Restaurants wie in Cafés – und dabei sogar auf Aussenterrassen.

Faschismus-Vorwurf an die Regierung

Faschismus-Vorwurf an die Regierung

Imago-Images

Statt dieses Gesundheitspasses in Online- oder Papierform kann man auch einen PCR- oder antigenischen Test vorweisen. Er wird aber nach den Sommerferien kostenpflichtig. Das können oder wollen sich viele Franzosen nicht leisten. Die Demonstranten sprachen deshalb von einem «verkappten Impfzwang». Die öffentliche Reaktion gab ihnen recht: Seit Macrons TV-Auftritt haben sich bereits 2,2 Millionen Franzosen auf die Impftermine gestürzt. Die Reservations-Plattform «doctolib» brach zeitweise sogar zusammen.

Grüne sprechen von Apartheid

Auch abseits der Protestdemos setzt es herbe Kritik an Macrons Vorgehen ab. In den sozialen Netzwerken ist gar die Rede von einer neuen «Apartheid» zwischen Geimpften und Nichtgeimpften. Die grüne Europaabgeordnete Michèle Rivasi musste sich dafür entschuldigen, diesen krassen Ausdruck verwendet zu haben.

Grund für das verschärfte Vorgehen der französischen Behörden ist der Rückstand bei der Impfkampagne. Erst 35 Millionen Franzosen – bei einer Gesamtbevölkerung von 67 Millionen Einwohnern – haben eine erste Dosis erhalten. Das ist bedeutend weniger als etwa in Grossbritannien, wo die Regierung die Auflagen im Gegenteil eher lockert.

Gegen Macrons "En Marche"

Gegen Macrons "En Marche"

Samuel Boivin/Imago

Französische Virologen rechnen ausserdem zum Ende der zweimonatigen Sommerpause im September mit einer vierten Covid-Welle. Gerade die ungeschützt feiernden Jugendliche haben sich bisher kaum impfen lassen.

Alles in allem sind die Impfgegner in Frankreich in der Minderheit. Laut Umfragen unterstützen die Franzosen Macrons Ankündigungen grossmehrheitlich.

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