Befreit vom bürokratischen Ballast: Dank diesem Modell könnte der Dorfarzt überleben

In der Ostschweiz müssen pensionierte Hausärzte ihre Praxen schliessen, weil sie keine Nachfolger finden. Die Firma Mein Arzt Schweiz will dies mit einem neuartigen Geschäftsmodell verhindern.

Michael Genova
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In der Ostschweiz haben sich bereits vier Praxen dem Label Mein Arzt Schweiz angeschlossen. (Bild: Christian Beutler/Keystone)

In der Ostschweiz haben sich bereits vier Praxen dem Label Mein Arzt Schweiz angeschlossen. (Bild: Christian Beutler/Keystone)

Dies ist ein Artikel der «Ostschweiz am Sonntag». Die ganze Ausgabe lesen Sie hier.

Eigentlich hatte Felix Bogenmann die Hoffnung bereits aufgegeben. Über 60 Spitäler hatte der Wiler Hausarzt angeschrieben auf der Suche nach einem Nachfolger – ohne Erfolg. Gemeinsam mit seiner Ehefrau führte er während 40 Jahren eine «Einzelkämpferpraxis»: Er betreute die Patienten, sie erledigte die Administration. Doch Bogenmanns Ehefrau wollte kürzertreten. «Ich wäre gezwungen gewesen aufzuhören», sagt er.

Die Rettung kam in allerletzter Minute. Und sie kam in Form eines neuen Geschäftsmodells. Bogenmann lernte über einen gemeinsamen Lieferanten den Österreicher Christian Neuschitzer kennen. Dieser hatte vor einem Jahr Mein Arzt Schweiz gegründet, ein Label seiner Zuger Personalvermittlungsfirma H·Resource GmbH, die sich seit über zehn Jahren mit Nachfolgeregelungen von Arztpraxen beschäftigt. Neuschitzer bot Bogenmann an, dessen Praxis zu kaufen und ihm die ganze Administration abzunehmen. Die beiden wurden sich schnell einig. Und seither arbeitet der 72-jährige Wiler Hausarzt als Angestellter weiter.

Tiefere Kosten dank Zentralisierung

Christian Neuschitzer, Gründer von Mein Arzt Schweiz (Bild: PD)

Christian Neuschitzer, Gründer von Mein Arzt Schweiz (Bild: PD)

Mein Arzt will die klassische Hausarztpraxis auf dem Land in die Zukunft retten. Christian Neuschitzer bringt alte und junge Ärzte zusammen: «Ich richte ihnen das Bett, damit sie sich reinlegen können», sagt er. Mit seinem Modell für Nachfolgeregelungen will er Hausärzten vor der Pension eine grosse Last abnehmen: Er kauft Arztpraxen, renoviert sie und sucht einen geeigneten Nachfolger oder eine Nachfolgerin. Und Mein Arzt übernimmt die gesamte Administration: Buchhaltung, IT und Einkauf. Neuschitzer sagt:

«Allein dadurch lassen sich die Kosten um 60 Prozent senken»

In einem ersten Schritt übernimmt Mein Arzt Schweiz die Praxen zu 100 Prozent. Langfristig sollen die Praxen allerdings mehrheitlich in den Besitz der jeweiligen Hausärzte zurückkehren. Die alteingesessenen Ärzte können in ihrer Praxis Teilzeit weiterarbeiten und erhalten dafür eine Gewinnbeteiligung. Die neuen Ärzte erhalten geregelte Arbeitszeiten und können sich ab dem zweiten Jahr an der Praxis beteiligen. Langfristig hält Mein Arzt meist eine Minderheitsbeteiligung von 20 Prozent.

Mit seinem Modell stösst Neuschitzer offenbar auf Interesse. Innerhalb eines Jahres haben sich in der ganzen Schweiz bereits 15 Hausarztpraxen seinem Label angeschlossen. Davon befinden sich drei in der Ostschweiz: in Herisau, Grub AR und Wil. Eine vierte wird Mitte Juli in Münchwilen eröffnet. Neuschitzer sieht sein Modell als Gegenentwurf zu den grossen Ärztezentren. Zum einen, weil viele Hausärzte Vorbehalte haben, ihre Praxis an grosse Gruppen zu verkaufen. Zum anderen, weil die Arbeit in einer kleineren Hausarztpraxis nach wie vor attraktiv sei, sagt Neuschitzer.

«Viele Ärzte wollen ihre Patienten persönlich über einen längeren Zeitraum begleiten.»

Im Gegensatz zu vielen Hausärzten hat Christian Neuschitzer nach eigenen Angaben keine Mühe, genügend Interessenten zu finden: Zurzeit habe er über 70 Ärzte, die gerne eine Hausarztpraxis übernehmen würden. «Doch ich komme nur schwer an Praxen heran», sagt er. Sein Vorteil sei, dass er in den vergangenen zehn Jahren als Personalvermittler Ärzte rekrutiert habe. Dadurch habe er eine Datenbank mit 4500 Ärztinnen und Ärzten aufbauen können.

Viele Hausärzte machen kaum Gewinne

In Grub übergibt Hausarzt Simon Graf dieser Tage seine Praxis an Susanne Cawood. Allerdings nicht altersbedingt. Der 50-Jährige wird demnächst eine andere Tätigkeit im Hausarztbereich übernehmen. Auch er hat kürzlich seine Praxis an Christian Neuschitzer verkauft. Zu einem bescheidenen Preis, wie er sagt. «Finanzielle Interessen standen nicht im Vordergrund.» Es sei ihm vor allem darum gegangen, eine gute Person zu finden. Seine Nachfolgerin hat Graf sogar selber gefunden. Kontakt zu Mein Arzt hatte er zwar schon vorher, konkret kam das Label aber ins Spiel, als es um die Frage ging, wie man die Administration künftig organisieren könnte. Die Auslagerung von Buchhaltung und administrativen Tätigkeiten bezeichnet Graf als gute Sache. Das sei der grosse Vorteil des Modells:

«Der Ärztin wird abgenommen, was sie nicht machen will – und sie bleibt trotzdem selbstständig.»

Ob Mein Arzt die Rettung der Hausarztpraxen ist, könne man abschliessend erst in ein paar Jahren beurteilen, sagt Simon Graf. «Das Modell ist noch nicht lange erprobt.» Letztlich müsse die Rechnung auch finanziell aufgehen. «Viele Hausarztpraxen werfen wenig Gewinn ab», betont Graf. Dafür seien die Tarife zu schlecht. Wenn jemand eine Hausarztpraxis betreibe, sei dies immer mit viel Idealismus verbunden. Auch sein Wiler Kollege Felix Bogenmann verweist auf die ungünstigen Tarife: «Die Finanzen einer Hausarztpraxis müssen gut kontrolliert werden.» Auf der anderen Seite gebe es genügend Ärzte, die gerne in einer Hausarztpraxis arbeiten würden – auch Teilzeit. «Insofern hat das Modell von Mein Arzt eine Chance.»

Jungärzte wollen wieder aufs Land

Die Zahl der berufstätigen Hausärzte pro 1000 Einwohner liegt in den Ostschweizer Kantonen unter dem Schweizerischen Durchschnitt. Und viele jungen Ärztinnen und Ärzte arbeiten lieber in einer Gruppenpraxis als in der traditionellen Einzelpraxis auf dem Land (siehe Grafik). Doch eine aktuelle Studie des Vereins Junge Hausärzte Schweiz und des Berner Instituts für Hausarztmedizin verbreitet auch Hoffnung. Längst nicht alle jungen Hausärzte wollen in der Stadt oder der Agglomeration arbeiten. «Auch Stellen auf dem Land sind von Interesse», schreiben die Studienautoren. Der Nachwuchs verteile sich ausgewogen anhand der Wohnbevölkerung. Und eine weitere Kernaussage der Studie überrascht: Obwohl die Einzelpraxis häufig als Auslaufmodell bezeichnet werde, wählten noch immer zehn Prozent der jungen Hausärzte dieses Modell.

Am wichtigsten für einen erfolgreichen Einstieg ist laut Studienautoren die eigene Erfahrung: Über 40 Prozent der befragten Jungärzte übernehmen eine Praxis, in der sie als Assistenzärzte eine sogenannte Praxisassistenz absolvierten. Wichtig seien aber auch finanzierbare Praxismodelle, eine stärkere Präsenz der Hausarztmedizin im Studium und flexiblere Arbeitsmodelle.

In Wil denkt Felix Bogenmann vorerst nicht ans Aufhören. Eine junge Praxisassistentin kümmert sich um bürokratischen Ballast und Buchhaltung. Für Bogenmann ein neues Lebensgefühl: «Ich habe noch nie so gerne als Arzt gearbeitet wie jetzt.» Und er ist froh, dass er seine langjährigen Patienten nicht enttäuschen musste. Christian Neuschitzer wird ihm einen Nachfolger suchen, wenn er sich dereinst definitiv zur Ruhe setzen wird. Auch diese Last fällt nun weg.

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