Kampf gegen Ladensterben
Verkaufte Regale und Kleiderstangen für mehr Glück: Wie im Zentrum Frauenfelds Leerstände bei Gewerblern und Detaillisten verhindert werden sollen

«GEWERBEm2» heisst die neue Plattform des Projekts «Miteinander Frauenfeld gestalten» (MFG), das die IG Frauenfelder Innenstadt (IG Fit) mit Stadt und Regio Frauenfeld zur Unterstützung der Gewerbetreibenden und zur Belebung des Stadtzentrums ins Leben gerufen hat. Zwei Detaillisten erzählen.

Samuel Koch
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Peter Koch, Leiter Amt für Kommunikation und Wirtschaftsförderung (AKW), und «Must have»-Inhaberin Helena Vontobel im Raum mit dem Shop-in-Shop-Angebot.

Peter Koch, Leiter Amt für Kommunikation und Wirtschaftsförderung (AKW), und «Must have»-Inhaberin Helena Vontobel im Raum mit dem Shop-in-Shop-Angebot.

Bild: Samuel Koch

Helena Vontobel strahlt. Dabei hätte die Inhaberin des Secondhand-Geschäfts «Must have» an der Zürcherstrasse 205 in der Vorstadt in Frauenfeld definitiv gute Gründe, um betrübt zu sein. Denn seit sie ihr Geschäft mit zweitverwendeten Kleidern vor drei Jahren eröffnete, läuft es durchzogen. Dann kam Corona. Trotzdem wollte Vontobel ihren Kopf nicht einfach in den Sand stecken. Sie sagt:

«Ich habe etwas Neues, etwas Spannendes gewagt, das sich jetzt als perfekte Kombination bewahrheitet.»

Vontobel betreibt seit ein paar Monaten ein Shop-in-Shop-Konzept, bei dem sie einzelne Regale, Ablagen oder Kleiderstangen ihres Geschäfts zum Tagespreis an andere Anbieter verkauft. Das können etwa Schmuckstücke sein oder auch Seifen. «Alles, was zu meinem Laden und in mein Preiskonzept passt», sagt Vontobel. So kommt ein kunterbuntes Angebot zusammen, das es bei «Must have» zu kaufen gibt, im Regal stehen farbige Tassen, chice Handtaschen oder knallige Socken. Die Vorteile liegen für Vontobel auf der Hand. Sie erweitert ihr Sortiment, steigert die Attraktivität ihres Geschäfts, senkt gleichzeitig ihre Kosten und minimiert so das Risiko.

Was bedeutet Pop-up-Shop, was Shop-in-Shop?

Um dem Ladensterben von Detaillisten entgegenzuwirken, gibt es für Liegenschaftenbesitzer verschiedene Möglichkeiten. Eine davon ist das sogenannte Pop-up-Shop-Prinzip, bei dem in leerstehenden Räumlichkeiten ein kurzfristiges und provisorisches Einzelhandelsgeschäft betrieben wird, wie es etwa die Innovent Pop-up GmbH an der Zürcherstrasse 201 seit Herbst 2017 macht. Jeder kann für einige Wochen oder Monate quasi einen eigenen Laden auf Zeit mieten. Ein anderes Prinzip für weniger Leerflächen heisst Shop-in-Shop, bei dem einzelne Quadratmeter oder Regale vermieten werden und sogenannte Untermieter dort ihre Produkte feilbieten können. Dafür beteiligen diese sich an den Mietkosten. (sko)

Derzeit arbeitet Helena Vontobel in den ehemaligen Räumlichkeiten der Sonnenbeck-Bäckerei mit sechs Untermietern zusammen, die über ihre Website, soziale Medien oder Gespräche auf sie aufmerksam geworden sind. Wie hoch der Anteil der verkauften Regale, Ablagen oder Kleiderstangen zu ihrer gesamthaften Miete ist, will Vontobel nicht spekulieren. «Dafür ist es noch zu früh», sagt sie. Ausserdem gebe es grosse Schwankungen.

Passive Partnervermittlung

Mit dem Projekt «Miteinander Frauenfeld gestalten» (MFG) für die Belebung der Innenstadt haben die Interessengemeinschaft Frauenfelder Innenstadt (IG Fit) sowie Stadt und Region Frauenfeld mit dem Partner Guidle aus dem zugerischen Baar die Gratisplattform «GEWERBEm2» initiiert, die seit Mitte Juli quasi als passive Partnervermittlung zwischen Frauenfelder Detaillisten und Gewerbetreibenden funktionieren soll. Darauf sollen sich die Detaillisten nämlich selber finden. Die Plattform ist exklusiv, also sind die Anzeigen für Teilflächen auf anderen Immobilienplattformen inexistent. Peter Koch, Leiter des von der Stadt zuständigen Amtes für Kommunikation und Wirtschaftsförderung (AKW), sagt:

«Mit dieser exklusiven Plattform können Gewerbeflächen effizienter genutzt werden, womit es hoffentlich weniger Leerstände gibt.»

Nach einiger Zeit wollen die MFG-Verantwortlichen die Plattform auswerten, die Liste nach Branchen sortieren und das Angebot mit vergleichbar grossen Städten vergleichen. Vielleicht stelle sich dann heraus, dass es in Frauenfeld weniger Metzgergeschäfte gibt oder dass eine Branche noch überhaupt nicht vertreten sei, meint Koch und ergänzt: «Diese Erkenntnisse wollen wir auch den Hauseigentümern weitergeben, um Leerstände möglichst zu verhindern.»

«Must have»-Inhaberin Helena Vontobel und Peter Koch, Leiter Amt für Kommunikation und Wirtschaftsförderung (AKW), im Geschäft für Secondhand-Kleidung, wo früher die Sonnenbeck-Bäckerei drin war.

«Must have»-Inhaberin Helena Vontobel und Peter Koch, Leiter Amt für Kommunikation und Wirtschaftsförderung (AKW), im Geschäft für Secondhand-Kleidung, wo früher die Sonnenbeck-Bäckerei drin war.

Bild: Samuel Koch

Schmuck im Kassenbereich der Bank

Ein anderes Beispiel für ein Frauenfelder Shop-in-Shop-Geschäft ist die Credit Suisse, die rund vier Quadratmeter ihrer Ladenfläche der Filiale am Bankplatz einem Schmuckhersteller untervermietet. «Gerade Banken mit ihrem langweiligen Touch können so ihr Image verbessern», sagt Can Marcel Izgi von der CS. Ausserdem zeige die Digitalisierung, dass der Kassenbereich früher oder später verschwinden dürfte. «Spätestens dann müssen wir die Flächen fremdvermieten», sagt Izgi. Auf die Shop-in-Shop-Idee gestossen ist die CS via «GEWERBEm2». «Das zeigt, dass es funktioniert», sagt er. Koch nickt zufrieden.

Helena Vontobel ist ebenfalls begeistert. «Ich habe viel in meinen Laden investiert, obwohl mir viele davon abgeraten haben», sagt sie. Die Kombination aus ihren Produkten und jenen der Untermieter jedoch stossen auch bei ihrer Kundschaft auf Anklang. Bis jetzt habe es sich gelohnt, meint Vontobel und erzählt vom schönsten Kompliment: «Das ist, wenn ein Kunde etwas Bestimmtes sucht und es dann bei mir findet.»

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