Gedankenstrich-Kolumne
Ulrike Landfester: Mein Wandertyp? Die Leserin!

Naturbegeisterte, Beizlihocker, Jammerlappen: Diese Zeitung hat verschiedene Wandertypen beschrieben. Bislang nicht genannt wurde: Die Leserin – die schon als Kind bei jeder Rast unterwegs die Nase in ein mitgebrachtes Buch steckte.

Ulrike Landfester
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Ulrike Landfester, «Tagblatt»-Kolumnistin.

Ulrike Landfester, «Tagblatt»-Kolumnistin.

Bild: Arthur Gamsa

Zu Beginn des Sommers, im Juni, las ich in dieser Zeitung mit grossem Interesse einen Artikel über die Wandertypen in der Ostschweiz. Nun bin ich zugegebenermassen selbst kein sehr aktiver Wandertyp, vermutlich frühkindlich traumatisiert durch die gnadenlose Vorliebe meiner Eltern für Wanderungen, auf denen mein Vater mit Begeisterung Erbsensuppe auf dem mitgeschleppten Spirituskocher produzierte (grauenhaft), uns Kindern beizubringen versuchte, wie man ohne Streichhölzer Feuer macht (erfolglos) und meine Mutter darauf bestand, auf den steilsten Anstiegen mit uns Wanderlieder zu singen – ich frage mich bis heute, warum das Wandern eigentlich ausgerechnet des Müllers Lust sein sollte, und vor allem, warum, wenn man kein Müller ist, man auf das Wahandern Lust haben sollte, ganz zu schweigen davon, wieso man dahinstapfend herausschmettern sollte, dass man hoch auf dem gelben Wagen fährt, statt bequemlichkeitshalber genau das zu tun.

Gleichviel, es heisst ja, man sei nie zu alt, um Neues zu lernen, und so beugte ich mich auf der Suche nach einem passenden Identifikationsangebot neugierig über gedachte Wandertypen. Bergsecklerin? Sicher nicht. Naturbegeistert? Gern im Garten. Beizlihockerin? Klar, im Tal. Jammerlappen? Immer. Spätaufsteher? Dito. Touristin? Wenn das Kaufen von Appenzeller Käse die Touristin macht, dann ja. Routinier? Auf jeden Fall – im Vermeiden von Wanderungen. Hmmm.

Irgendwie fehlte da noch was. Und plötzlich erinnerte ich mich wieder an etwas, das meine Mutter beim Wandern aufbrachte wie kaum etwas anderes – dass ich nämlich in meinem kleinen Kinderrucksack nie das drin hatte, was ich hätte haben sollen, Ersatzsocken, Pulli oder ähnlich überflüssige Dinge, sondern immer mindestens ein Buch. Wenn die anderen auf einer Rast Naturbegeisterung zelebrierten, hatte ich die Nase im Buch. Wenn wir (selten) in einem Beizli hockten, ebenso. Gejammert habe ich, wenn ich weitergehen sollte, obwohl es gerade spannend war, oder wenn ich früh aufstehen und Wahandern sollte, obwohl ich in der Nacht zuvor bis spät gelesen hatte. Appenzeller Käse hat mich damals noch nicht so interessiert. Kein Wunder, habe ich Routine im Vermeiden von Wanderungen entwickelt – mein Wandertyp ist, klarerweise, die Leserin.

Zur Standardausrüstung des Ostschweizer Wandertyps «Die Leserin» gehört also das Buch. Nicht irgendein Buch, sondern eines aus der gerade durchwanderten Region. Wenn sie zwischen dem Walensee und Bad Ragaz wandert, ist dieses Buch selbstredend Johanna Spyris Heidi. Wenn sie in der Gegend um Rapperswil unterwegs ist, schleppt sie Gerold Späths «Unschlecht»-Roman mit sich und bricht zur Irritation etwaiger Mitwanderer in regelmässigen Abständen unvermittelt in Gelächter aus. Auf der Ufenau deklamiert sie die Schlusspassage von Conrad Ferdinand Meyers Versepos «Huttens letzte Tage» und trocknet ihre unvermeidlichen Rührungstränen mit einem zu diesem Zweck mitgeführten Taschentuch. Am Bodensee liest sie zum dritten oder vierten Mal Otto Freys warmherzig-trockene Autobiografie «Jugend am Ufer». Und wenn sie durch St.Gallen wandert, liegt Dominique Schütz Roman «Von einem, der auszog, die Welt zu verschieben» in ihrer Tasche, mit einem Lesezeichen bei der Passage, in der die Mumie Schepenese in der Stiftsbibliothek einem alten Mönch eine Strafpredigt hält – die braucht sie nicht mehr zu lesen, sie kennt sie auswendig.

Wie die Wandertypen, die diese Zeitung vorgestellt hat, hat natürlich auch der der Leserin ein besonderes Merkmal: Sie wandert nicht, sie liest.

Ulrike Landfester ist Professorin für Deutsche Sprache und Literatur an der HSG. Sie schreibt diese Kolumne immer montags im Turnus mit Toni Brunner, Samantha Wanjiru und Walter Hugentobler.

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