KOMMENTAR
Gut, hat die Polizei durchgegriffen – doch jetzt brauchen die Jungen eine Perspektive

Stadtrat und Stadtpolizei St.Gallen haben Zuspruch verdient: Es war richtig, die Krawallbrüder am Ostersonntag rigoros zu stoppen. Doch dabei darf es die Politik nun nicht bewenden lassen.

Stefan Schmid
Stefan Schmid
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Krawalle in der St.Galler Innenstadt.

Krawalle in der St.Galler Innenstadt.

Bild: Michel Canonica

Nach zwei Krawallnächten nun die Machtdemonstration von Politik und Polizei: So etwas hat es in St.Gallen, ja möglicherweise schweizweit, noch nie gegeben. Wer am Sonntagabend am Hauptbahnhof ankam und jung aussah, stand sofort unter Tatverdacht und musste beweisen, dass er in friedlicher Absicht zugegen war. Gegen 60 Festnahmen und über 500 Wegweisungen hat die Stadtpolizei St.Gallen ausgesprochen. Rekord.

Die Polizei und die politisch Verantwortlichen haben damit ihr Ziel erreicht: keine neuen Tumulte, keine Gewalteruptionen. Einfach Ruhe. Mit für st.gallische Verhältnisse aussergewöhnlich robusten Mittel fuhren die Sicherheitskräfte ein und zeigten eindrücklich, wer Herr im Hause ist.

Das Vorgehen war nach den üblen Gewaltorgien richtig, auch wenn die Aktion gewiss zahlreiche Unschuldige getroffen hat. In St.Gallen gab es kein Ausgehverbot. Die Polizei hat somit per se nicht das Recht, jungen Leuten den Gang in die Stadt zu untersagen. Auch dann nicht, wenn es Empfehlungen gab, nicht nach St.Gallen zu reisen. Gut denkbar, dass Beschwerden gegen die nun ausgesprochenen Wegweisungen von Erfolg gekrönt sein werden.

Wichtiger aber als die juristische Aufarbeitung ist die politische Perspektive. Und hier ist primär die nationale Politik gefragt, da hat St.Gallens Stadtpräsidentin Maria Pappa recht. Was in St.Gallen passiert ist, ist Ausdruck einer generellen Verbitterung, die ernstzunehmen ist. Eine Verbitterung, die sich nicht mit polizeilicher Repression aus der Welt schaffen lässt. Die Jugend zahlt ökonomisch einen hohen Preis für diese Pandemie. Ihre Lehrstellen werden gestrichen, ihre Ferienjobs fallen weg, die Uni findet nur noch online statt. Hinzu kommt: Der Staat kann den Jungen, die von Corona gesundheitlich wenig betroffen sind, nicht permanent die Freuden des Lebens verbieten. Dass sich unter diesen Umständen Frustrationen anstauen, ist nachvollziehbar.

Die Schweiz braucht jetzt mehr denn je ein Ausstiegsszenario. Vertrösten auf den St.Nimmerleinstag geht nicht mehr, Fallzahlen hin oder her. Der Bundesrat ist ja überzeugt davon, dass bis im Sommer alle geimpft sein werden, die das wünschen. Folglich muss die Landesregierung rasch einen Plan vorlegen, der insbesondere den Jungen eine klare Perspektive vermittelt. Die grosse Masse der friedlichen und disziplinierten Jungen hat das verdient.