Vom Gemischtwarenladen bis zum Nischengiganten: Das sind die Strategien der Ostschweizer Open Air-Veranstalter

Open Airs sind keine Hippie-Feste mehr. Die internationale Festivallandschaft wird von Grosskonzernen beherrscht. Das zeigt sich auch in der Ostschweiz. Wie behauptet man sich noch am umkämpften Markt um die Musikfans?

Kaspar Enz
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Stimmung am Open Air 2002. (Bild: Keystone/Regina Kühne)

Stimmung am Open Air 2002. (Bild: Keystone/Regina Kühne)

Dies ist ein Artikel der "Ostschweiz am Sonntag". Die ganze Ausgabe lesen Sie hier.

Vor wenigen Jahren wäre es noch undenkbar gewesen: Fürs Open Air St. Gallen gibt es noch viele Tickets. Ebenso für Frauenfeld oder das Paléo Festival Nyon. Immerhin mussten die Veranstalter nicht die Preise senken, wie das neue «Vibez»-Festival in Biel.

Ende eines Booms?

Ist der Festival-Boom zu Ende? Für eine solche Beurteilung sei es noch etwas zu früh, meint Stefan Breitenmoser. «Auch in den Vorjahren waren zu dieser Zeit noch wenige Festivals ausverkauft. Und die Leute kaufen wieder kurzfristiger Tickets.» Breitenmoser ist Inhaber der Ostschweizer Veranstaltungsagentur Domino Event SARL, und Geschäftsführer der Swiss Music Promoters Association (SMPA), dem Verband der Konzert-, Show und Festivalveranstalter. «Im Herbst sehen wir klarer.» Klar ist aber jetzt schon: «Der Festivalmarkt ist gesättigt. Jede grössere Ortschaft bietet heute ein Open Air an.» Und ihre Zahl nimmt nicht ab. «Auch wenn man in der Branche schon lange davon spricht, dass eine Konsolidierung nötig wäre.» Für das Publikum sei das nicht schlecht, für die Veranstalter bedeute es aber sinkende Margen und höherer Konkurrenzdruck.

Dieser Druck nimmt auch zu, weil internationale Musikkonzerne in die Schweiz drängen: Konzerne wie Live Nation, die Konzerte veranstalten, Künstler managen, Konzerthallen und Ticketplattformen besitzen. Das könne für unabhängige Veranstalter problematisch werden, sagt Breitenmoser. Künstler dieser Firmen zu buchen, könne schwieriger werden – dabei steigen die Gagen generell an. Und ein Riese wie CTS Eventim verdient über Ticketcorner immer mit. «Das kann kleinere Veranstalter aus dem Markt drängen.»
Mit welchen Strategien versuchen die Veranstalter, sich in diesem Markt durchzusetzen? Eine Typologie:

Das Filialen-Festival

Van Morrison am letztjährigen Summerdays in Arbon. (Bild: Andrea Stalder)

Van Morrison am letztjährigen Summerdays in Arbon. (Bild: Andrea Stalder)

Was an einem Ort funktioniert, müsste anderswo auch klappen: Diese Idee hat Ketten wie McDonalds gross gemacht. Auch Open Air-Veranstalter haben sich davon inspirieren lassen. Bestes Beispiel ist wohl Lollapalooza. Es begann Anfang der 1990er Jahre als Konzerttournee einiger Indie-Bands in den USA. Nachdem das Festival einige Jahre tot schien, wurde es 2003 wiederbelebt. Heute gehört es dem Musikriesen Live Nation. Es findet nicht nur in Chicago, sondern auch regelmässig in Berlin, Stockholm, Paris, Buenos Aires, Sao Paulo und Santiago de Chile statt.

Eine ähnliche Strategie verfolgen die deutschen Macher des Greenfield-Festivals – eine Tochter des Riesen CTS Eventim in Interlaken. Die Partner Open Airs Southside und Hurricane in Deutschland finden zeitgleich statt. Das Line-Up ist das selbe – sie spielen jeweils an einem anderen Tag. So können die Open Airs meist von günstigeren Konditionen profitieren. Ähnlich macht das auch die Schweizer Firma WePromote, wo die Macher des Open Air St. Gallen federführend sind: Sie buchen dieselben Künstler für das Summerdays in Arbon und das Sea Side Festival in Spiez.

Der Nischengigant

Deutschrapper Kool Savas und Sido am Frauenfelder Open Air 2018. (Bild: Andrea Stalder)

Deutschrapper Kool Savas und Sido am Frauenfelder Open Air 2018. (Bild: Andrea Stalder)

Einige der grössten wie auch einige der kultigsten Festivals weltweit widmen sich nur gewissen Musikstilen, und das mit Haut und Haar. So pilgern Jahr für Jahr Zehntausende langhaarige Heavy Metal-Fans ins norddeutsche Wacken. Das Techno-Open Air Tomorrowland in Belgien, das zwischenzeitlich Ableger in aller Welt hatte, gehört mit 400'000 Besuchern zu den grössten der Welt. Grösster Schweizer Vertreter der Genre-Open-Airs ist das Open Air Frauenfeld. Es konzentriert sich seit Mitte der 2000er-Jahre auf Hip Hop – ein Musikstil, den die meisten grossen Open Airs im Land vernachlässigten. Heute ist es das grösste Hip-Hop-Festival Europas. Auch das wahrscheinlich drittgrösste Open Air der Ostschweiz ist einem einzelnen Stil verpflichtet: Am Open Air Flumserberg kommen Schlager-Fans auf ihre Kosten.

Der Supermarkt

Kaum sind die Tore offen, stürmen die Gäste aufs Gelände des Open Air St.Gallen. (Bild: Sabrina Stübi)

Kaum sind die Tore offen, stürmen die Gäste aufs Gelände des Open Air St.Gallen. (Bild: Sabrina Stübi)

«Ein Festival muss versuchen, eine Love-Brand zu kreieren und mit Alleinstellungsmerkmalen zu punkten», sagt Stefan Breitenmoser. Für viele traditionelle Open Air Festivals ist das gar nicht so einfach. Festivals wie das Open Air St. Gallen oder das Gurten Festival sind noch mit dem Vorbild von Woodstock im Hippie-Geist gegründet worden. Es sind musikalische Gemischtwarenläden. Sie setzen auf massentaugliche Headliner. Doch gerade dieses Jahr sind wenige solcher Acts auf Tour, oder sie bevorzugen eigene Stadion-Konzerte, sagt Breitenmoser. Dass viele von ihnen bei Grosskonzernen unter Vertrag sind, macht es für viele der grösseren Schweizer Festivals noch schwerer: Sie gehören nicht zu diesen Konzernen, haben aber nicht die Grösse von Festivals wie Glastonbury in England oder Roskilde in Dänemark oder gar des Sziget in Ungarn mit rund 500'000 Besuchern. «Wichtig scheint mir, dass das Angebot auf dem Gelände laufend hinterfragt wird», rät Breitenmoser. Auch Open Airs müssen auf Veränderungen reagieren. «Ohne aber in Aktivismus zu verfallen. Ein Festival muss dem Publikum positive Erlebnisse ermöglichen, dann wird es auch in Zukunft bestehen.»

Das Tante-Emma-Festival

An kleinen Open Airs sind auch die Kleinen eher dabei, wie hier am Sur Le Lac in Eggersriet. (Bild: Ralph Ribi)

An kleinen Open Airs sind auch die Kleinen eher dabei, wie hier am Sur Le Lac in Eggersriet. (Bild: Ralph Ribi)

Manchmal braucht es für den Erfolg nur eine Bühne mit ein paar kaum bekannten Bands, einen Wurst- und einen Bierstand. Zumindest wenn man den Erfolg nicht in Zahlen misst. Auch deshalb sind kleine und Kleinstfestivals in der Ostschweiz so beliebt wie zahlreich. Manche von ihnen, wie das Clanx in Appenzell, sind schneller ausverkauft als manch grosses. Manche – wie das Sur Le Lac in Eggersriet – sind schnell etabliert. Das Open Air Bischofszell ist schon seit bald 50 Jahren klein. Andere verschwinden nach einigen Durchführungen wieder. Die Entwicklungen auf dem internationalen Markt berühren sie aber nur wenig: Herzblut und Freude des OK sowie die regionale Verankerung sind hier wichtiger als die wirtschaftliche Bilanz.

Ein Riesen-Geschäft

Vor 12 Jahren unterschrieb die Sängerin Madonna einen folgenreichen Vertrag mit dem Konzertveranstalter Live Nation. Das US-Unternehmen wurde damit Konzertmanagement, Plattenfirma und Merchandise-Verkäufer des Superstars. Der Deal läutete eine neue Ära ein. Dank dem Internet hatten Plattenfirmen ihre einst dominante Stellung in der Branche verloren. Die Künstler hofften nun auf Einnahmen aus Live-Shows. Der Deal von Live Nation mit Madonna blieb nicht der einzige seiner Art. Bald folgten andere Stars.


Live Nation besass auch etliche Konzerthallen in den USA. Und 2010 fusionierte das Unternehmen mit Ticketmaster und dominierte so alle Facetten des Geschäfts. In den letzten Jahren drängt Live Nation auch in die Schweiz. Ticketmaster ist seit 2017 auf dem Schweizer Markt. Mit dem Open Air Frauenfeld gehört eines der grössten Festivals seit 2018 zum Konzern. Und Anfang Jahr übernahm Live Nation die Zürcher Agentur Mainland – die wiederum Partner von Veranstaltungen wie dem St. Galler Kulturfestival ist.

Ticketfirmen sind die neuen Riesen

Die Strategie blieb nicht ohne Nachahmer: Schon länger in der Schweiz ist der deutsche Konzern CTS Eventim. Ursprünglich eine Ticket-Plattform, übernahm das Unternehmen 2010 Ticketcorner. Auch das Greenfield Festival gehört einer Eventim-Tochter.

Schweizer Veranstalter reagieren: 2016 schloss sich die Mutterfirma der Open Airs St. Gallen und des Summerdays mit anderen Agenturen zusammen zur Firma «Wepromote». Ihr letzter Streich: Das Konzert von Rammstein in Bern von vergangener Woche.

«Die Einbindung in einen Konzern kann Vorteile schaffen», sagt Stefan Breitenmoser vom Branchenverband SMPA. Solche Zusammenschlüsse schaffen Marktmacht und und das Potenzial für Synergien und Kostensenkungen. «Im Geschäft mit Live-Musik herrscht ein ständiger Kostendruck.» Nicht nur die Gagen der Künstler, auch die Auflagen der Behörden steigern die Kosten. Unabhängige Veranstalter müssen auf diese Entwicklung reagieren, sonst bestehe die Gefahr, dass sie durch die Riesen verdrängt werden, fürchtet Breitenmoser. «Das ist auch deshalb problematisch, weil Konzerne wie Live Nation kaum junge Künstler aufbauen». (ken)

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