Nach Krawallen
«Die rigorosen Kontrollen mussten einmal sein»: St.Galler Stadtpräsidentin äussert sich zur Forderung von Jugendlichen nach mehr Freiräumen

Nach den Osterkrawallen rückte die Frage in den Fokus: Wo hat die Jugend in St.Gallen Platz? An einem Sommerspaziergang sucht die SP der Stadt nach Antworten.

Sandro Büchler
Drucken
Teilen
Jugendliche während dem Lockdown im Februar auf dem Roten Platz: Die mobile Jugendarbeit war wegen der Pandemie auch im Winter bei Minustemperaturen unterwegs.

Jugendliche während dem Lockdown im Februar auf dem Roten Platz: Die mobile Jugendarbeit war wegen der Pandemie auch im Winter bei Minustemperaturen unterwegs.

Bild: Benjamin Manser (5. Februar 2021)

«Die Jugend braucht mehr Freiräume», «Die Jugendlichen sind frustriert» und «Wegen der Pandemie haben sich viele Aggressionen angestaut»: Mit solchen und ähnlichen Überschriften versuchten die Medien die St.Galler Osterkrawalle im April zu erklären. Der Rote Platz wurde über Nacht quasi zum Epizentrum jugendlicher Wut, gegen die Polizei, gegen die Massnahmen, gegen die Isolation.

Am Montag, exakt vier Monate nach der Krawallnacht vom Karfreitag lud die städtische SP zu einem Sommerspaziergang verbunden mit der Frage: Wo hat die Jugend Platz? Dem Aufruf folgten neben Stadtpräsidentin Maria Pappa rund 50 Personen – nicht nur aus dem sozialdemokratischen Lager. Elias Giesinger, seit kurzem Präsident der Jungen Grünliberalen im Kanton St.Gallen, nahm etwa teil.

Der Jugendtreff, der zu den Jugendlichen kommt

Simone Meyer, Mitarbeiterin der Offenen Jugenarbeit der Stadt St.Gallen.

Simone Meyer, Mitarbeiterin der Offenen Jugenarbeit der Stadt St.Gallen.

Bild: Raphael Rohner (02.08.2021)

Simone Meyer von der mobilen Jugendarbeit der Dienststelle Kinder Jugend Familie der Stadt St.Gallen führte an einige Orte, wo sich oft Jugendliche aufhalten: Am Roten Platz, beim Neumarkt, dem Leonhardspärkli oder auf der Kreuzbleiche. Meyer sagt, die mobile Jugendarbeit sei «der Jugendtreff, der rauskommt».

Zu zweit sind sie freitags und samstags unterwegs, meist von 20 bis 1 Uhr und gehen dabei auf Jugendliche und jungen Erwachsene zu. Sie taste ab, ob die 13- bis 25-Jährigen Gesprächsbedarf hätten. «Wir hören vor allem zu.» Was sind ihre Anliegen, ihre Bedürfnisse?

Dies geschehe wertfrei. Die 30-Jährige erklärt:

«Wir sagen nicht, seid leiser, kifft nicht und sauft weniger – wir kontrollieren nicht.»

Man wolle die Jugendlichen vielmehr unterstützen bei allem, was sie bewege. Nach anfänglicher Skepsis kämen ganz unterschiedliche Themen auf: Etwa die Lehrstellensuche oder wie man mit Konflikten in der Familie umgehen soll. Normalerweise sei die Jugendarbeit an Wochenenden von März bis November unterwegs, sagt Meyer. «Wegen der Pandemie waren wir dieses Jahr auch im Winter draussen.»

Teilnehmende des SP-Sommerspaziergangs schreiten über den Roten Platz, der im April schweizweit in die Schlagzeilen geriet.

Teilnehmende des SP-Sommerspaziergangs schreiten über den Roten Platz, der im April schweizweit in die Schlagzeilen geriet.

Bild: Raphael Rohner (02.08.2021)

Weshalb hat sich der Rote Platz zum beliebten Treffpunkt entwickelt? Meyer hat mehrere Erklärungen: Er bietet Rückzugsmöglichkeiten, doch schon zehn Meter weiter könne man mitten im Geschehen sein. Was viele nicht wüssten: Beim Aufgang aus der Tiefgarage ist ein WC.

«Dieser Wunsch wurde von den Jugendlichen viel geäussert.»

Nach Abklärungen konnte die Jugendarbeit in Zusammenarbeit mit anderen Dienststellen ein WC realisieren. «Wir sind so auch das Sprachrohr für die Jugendlichen», sagt Meyer. «Der Rote Platz ist aber auch deshalb beliebt, weil er sehr hell ist, was besonders für Frauen ein wichtiger Punkt ist.»

Manche Jugendliche bevorzugten aber dunkle Orte, wie es sie etwa im Leonhardspärkli gibt. Dort urinierten Jugendliche schon einmal in die Hecke, anstatt zum Bahnhof-WC zu gehen, sagt Meyer. «Es ist aber ein spannender Ort, wo unterschiedliche Gruppen zusammenkommen.» Tagsüber Kinder auf dem Spielplatz, in den Pausen Schulkinder, am Abend oft Jugendliche. Erwachsene spielen dort Boule – auch bis spät in die Nacht hinein.

«Während der Pandemie haben viele Junge das Kiespärkli für sich entdeckt.»

Meyer erklärt, dass die Jugendlichen unterschiedliche Vorlieben hätten und die Plätze nach ihrem Gusto nutzen. «Die Ansprüche, die beliebten Orte und die Gruppenzusammensetzung verändern sich auch immer wieder.»

Die vom St.Galler Künstler «Drüegg» Dominic Rüegg bemalt Hausfassade an der Oberstrasse in St.Gallen.

Die vom St.Galler Künstler «Drüegg» Dominic Rüegg bemalt Hausfassade an der Oberstrasse in St.Gallen.

Bild: Arthur Gamsa (18.06.2021)

Dass sich auch der Blick auf die Jugendlichen mit der Zeit verändert, zeigte die letzte Station des Spaziergangs. Bei der «Hall of Fame», der Sprayerwand zwischen Skaterpark und Reithalle, sagt Meyer: «Früher galt für Graffitis in der Stadt Nulltoleranz. Heute werten die Kunstwerke das Stadtbild auf.» Beispielhaft zeige dies das haushohe Bild an der Oberstrasse.

Stadtpräsidentin Pappa: «Der Grossteil war an Ostern friedlich unterwegs»

Am Schluss des Rundgangs werden die Osterkrawalle nochmals aufgegriffen. Meyer sagt: «Man kann die Jugendlichen nicht einfach nur wegschicken. Das löst das Problem nicht, sondern verlagert es nur an einen anderen Ort.» Es brauche Freiräume.

«Orte, wo die Jugendlichen sein dürfen.»
Stadtpräsidentin Maria Pappa im Gespräch. Bevor sie in den Stadtrat kam, hatte sie als Sozialarbeiterin viel mit Kindern und Jugendlichen zu tun.

Stadtpräsidentin Maria Pappa im Gespräch. Bevor sie in den Stadtrat kam, hatte sie als Sozialarbeiterin viel mit Kindern und Jugendlichen zu tun.

Bild: Raphael Rohner (02.08.2021)

Eine Teilnehmerin des Spaziergangs sagt unterdessen zu ihrer Kollegin, die nebendran steht: «Die Jungen sind heute total verwöhnt.»

Stadtpräsidentin Maria Pappa schaltet sich ein und bekräftigt, ein Grossteil der Jugendlichen sei an Ostern friedlich gewesen. Viele hätten gar nicht bemerkt, dass Flaschen gegen die Polizei geworfen wurden. «Plötzlich bekamen diese Unbeteiligten Tränengas ab und wussten nicht so recht, wieso.» Doch es habe auch die anderen gegeben, die gekommen seien, um ihren Frust rauszulassen. Pappa verteidigt die rigorosen Kontrollen am Ostersonntag.

«Es musste einmal sein, damit nachher wieder Ruhe einkehrt.»

Eine Art Ad-hoc-Podiumsdiskussion mit Jung-GLP-Präsident Elias Giesinger entwickelt sich. Er fordert zusätzliche Freiräume und präventive Massnahmen, um eine erneute Eskalation zu verhindern.

JGLP-Präsident Elias Giesinger (in der Mitte) diskutiert mit Stadtpräsidentin Maria Pappa (rechts).

JGLP-Präsident Elias Giesinger (in der Mitte) diskutiert mit Stadtpräsidentin Maria Pappa (rechts).

Bild: Sandro Büchler (02.08.2021)

Doch als die Diskussion Fahrt aufnimmt, ruft Stadtparlamentspräsidentin Alexandra Akeret in die Runde. «Kommt doch zum Apéro und führt den Diskurs dort weiter.»

Aktuelle Nachrichten