KRAWALLNACHT
Nach den Ausschreitungen vom Karfreitag in St.Gallen: Nulltoleranz gegen Gewalt, die Polizei will alle Täter konsequent verfolgen

Zwei Verletzte, 50'000 Franken Schaden, 21 Festgenommene, 33 aus der Stadt Gewiesene: Politik und Polizei haben am Samstagmittag eine erste Bilanz zu den Krawallen der Karfreitagnacht in St.Gallen gezogen. Weil eine kleine Minderheit von Chaoten eine rote Linie überschritten habe, dürfe man nicht die gesamte Jugend verurteilen, mahnte Stadtpräsidentin Maria Pappa.

Reto Voneschen
Drucken
Teilen
Polizisten aus der ganzen Ostschweizer waren in der Freitagnacht in der St.Galler Innenstadt im Einsatz. Am Samstagmittag nahmen die Verantwortlichen Stellung zu den Ereignissen der Krawallnacht.

Polizisten aus der ganzen Ostschweizer waren in der Freitagnacht in der St.Galler Innenstadt im Einsatz. Am Samstagmittag nahmen die Verantwortlichen Stellung zu den Ereignissen der Krawallnacht.

Bild: Michel Canonica
(2.4.2021)

In der Nacht auf Samstag ist es in der St.Galler Innenstadt erneut zu Ausschreitungen gekommen. Nach einer ersten Krawallnacht vor einer Woche war schweizweit in den Sozialen Medien dazu aufgerufen worden, am Karfreitag erneut in St.Gallen Party zu feiern. Dabei hatte es Aufrufe zu Gewalt gegeben. Darüber, was sich zusammenbraute, war im Vorfeld in den Deutschschweizer Medien ausführlich berichtet worden.

Nur eine kleine Minderheit war gewaltätig

Stadtpräsidentin Maria Pappa an der Medienkonferenz nach der zweiten St.Galler Krawallnacht.

Stadtpräsidentin Maria Pappa an der Medienkonferenz nach der zweiten St.Galler Krawallnacht.

Bild: Ralph Ribi (3.4.2021)

Am Samstagmittag zogen die Stadtregierung und die Stadtpolizei eine erste Bilanz der unruhigen Nacht. Auf dem Roten Platz und in der übrigen Innenstadt war demnach in der Freitagnacht meist junges, aber kunterbunt zusammengesetztes Partyvolk unterwegs. Der grösste Teil der jungen Leute habe sich friedlich verhalten, sagte dazu Stadtpräsidentin Maria Pappa. Es sei daher falsch, aufgrund der Ereignisse die Jugend als Ganzes zu verurteilen: Die meisten Jungen verhielten sich korrekt.

In der Menge habe es in der Freitagnacht ein paar «wenige Chaoten» gehabt, die ganz offensichtlich auf Gewalt ausgewesen seien. Und da gelte Nulltoleranz. Die Polizei werde diese Leute konsequent zur Rechenschaft ziehen, hielt Pappa fest und zeigte sich sicher, dass das im Sinne der grossen Mehrheit der Bevölkerung ist: Die grosse Mehrheit sei gegen Gewalt.

103 Bilder
Rund 1000 Jugendliche versammelten sich am Freitagabend beim Roten Platz in der Stadt St.Gallen. Kurz nach 21 Uhr eskalierte die Situation.
Splittergruppen zogen durch die Stadt.
Stadtpräsidentin Maria Pappa ist vor Ort und sucht das Gespräch mit den Jugendlichen.
Chaoten werfen auf der St.Leonhard-Strasse Gegenstände umher.
Auf der St.Leonhard-Strasse setzt die Polizei Tränengas ein.
Polizisten nehmen eine Person in der Multergasse fest.
Jugendliche ziehen in Gruppen durch die Innenstadt.
Jugendliche posieren vor den Kameras der Journalisten.
Die Einsatzkräfte beobachten die Situation.
Einsatzkräfte halten sich bereit.
Jugendliche ziehen sich in Ecken und Gassen zurück.
Einsatzkräfte kontrollieren ihre Ausrüstung.
Die Polizei verhaftete im Laufe des Abends mehrere Personen.
Auf dem Roten Platz versammelten sich mehrere hundert Personen.
Die Polizei riegelt den Zugang zum Roten Platz ab.
Auf der St.Leonhard-Strasse zünden die Chaoten einen Container an.
Polizistinnen und Polizisten liefen in schwerer Montur auf.
Polizisten schützen ihre Kollegen, die gerade eine Person verhaften.
Einsatzfahrzeuge mit Gitter versperren Gassen.
Insgesamt sind 19 Personen zwecks Abklärung von Straftatbeständen verhaftet worden.
Beim Broderbrunnen setzt die Polizei ebenfalls Personen fest.
Beim Bahnhofplatz zünden Chaoten Petarden an und skandieren gegen die Polizei.
Jugendliche rennen vor den Einsatzkräften davon.
Polizisten führen eine Person beim Neumarkt ab.
Absperrungen der Baustelle bei der Teufener Strasse landen schliesslich in der Kornhausstrasse.
Taxis können sich durch die Menschenmassen bahnen.
Einsatzkräfte treiben die Jugendlichen zum Bahnhofplatz.
Die Polizei greift zu Tränengas.
Eine Person zeigt ihre Meinung.
Einsatzkräfte pferchen die Jugendlichen zusammen.
Polizisten beobachten, wie Chaoten Petarden zünden.
Vandalen bewerfen beim Bahnhofplatz Polizisten mit Gegenständen.
Scherben säumen den roten Platz.
Einige Jugendliche posieren auf dem Roten Platz.
Einsatzkräfte besprechen auf dem Klosterplatz die Lage.
Beim Vadianplatz brennen zwei Velos und ein Einkaufswagen.
Die Polizisten beobachten das Feuer vom Töff aus.
Jugendliche ziehen in Richtung Banhofplatz.
Dort zünden einige Personen Petarden an. Sie werden dabei von umstehenden Personen angefeuert.
Einige Personen beobachten die Situation aus sicherer Distanz.
Auf der St.Leonhard-Strasse haben sich Polizisten eingefunden.
Einsatzfahrzeuge fahren Richtung Kornhausstrasse.
Die Polizisten sind schwer ausgerüstet.
Unter den Leuten, die am Karfreitagabend durch die St.Galler Innenstadt ziehen, ist auch ein Teddybär.
Die Lage beim St.Galler Neumarkt.
Polizistinnen und Polizisten liefen in schwerer Montur auf.
Polizistinnen und Polizisten liefen in schwerer Montur auf.
Polizisten riegeln die Teufener Strasse ab.
Nach der Besammlung auf dem roten Platz strömten die Jugendlichen in die Stadt.
Beim Bahnhofplatz liegt eine leere Tränengaskartusche. Daneben ein Gummischrotprojektil.
Überbleibsel der Krawallnacht.
Vor dem Tibits wurden die Blumentöpfe umgeworfen.
Die Chaoten hinterlassen ...
... der Verwüstung nach der zweiten Krawallnacht.

Bild: Michel Canonica

Über der Stadt kreiste ein Zürcher Polizeihelikopter

Ralph Hurni, der Kommandant der St.Galler Stadtpolizei, am Samstagmittag vor den Medien.

Ralph Hurni, der Kommandant der St.Galler Stadtpolizei, am Samstagmittag vor den Medien.

Bild: Ralph Ribi (3.4.2021)

In der Nacht von Freitag auf Samstag waren Angehörige der Stadt- und der Kantonspolizei St.Gallen, des Ostschweizer Polizeikonkordats, der SBB-Transportpolizei, der Berufsfeuerwehr St.Gallen und der Sanität im Einsatz. Zudem kreiste ein Helikopter der Kantonspolizei Zürich über der Innenstadt; er sollte von oben mithelfen, dass die Polizeikräfte die Übersicht in der sich rasch verändernden Situation nicht verloren.

Die Polizei habe lange auf Dialog und Deeskalation gesetzt, hielt Stapo-Kommandant Ralph Hurni an der Medienkonferenz vom Samstagmittag fest. Mit Gummischrot und Tränengas sei man erst gegen den gewalttätigen Teil der Menge vorgegangen, nachdem die Einsatzkräfte von diesem mit teils brennenden Gegenständen, Feuerwerk oder Pyrofackeln beworfen worden seien.

Viel Bild- und Filmmaterial zu sichten

Polizeikommandant Hurni bekräftigte die Aussagen zur Verfolgung der Straftäter: In den nächsten Tagen und Wochen werde man das Foto- und Filmmaterial der Nacht auswerten, um Täter zur Rechenschaft ziehen zu können. Material dafür hat es genug: Während der ganzen Ausschreitungen gab's auch private Livestreams darüber in den Sozialen Medien. Dort finden sich auch unzählige Bilder und Videos.

Das Medieninteresse an der zweiten Krawallnacht war äusserst gross. Im Bild ein Teil der Kameras und der Medienschaffenden in der Aula der Stadtpolizei.

Das Medieninteresse an der zweiten Krawallnacht war äusserst gross. Im Bild ein Teil der Kameras und der Medienschaffenden in der Aula der Stadtpolizei.

Bild: Ralph Ribi (3.4.2021)

Bei den Ermittlungen im Vordergrund stehen derzeit unter anderem die Straftatbestände Landfriedensbruch, Sachbeschädigung sowie Gewalt und Drohung gegen Polizisten. In der Freitagnacht waren gemäss Ralph Hurni bereits 21 Personen zwecks Abklärung von Tatbeständen vorübergehend festgenommen worden. Darunter war auch ein zur Fahndung ausgeschriebener 25-Jähriger.

21 Personen vorübergehend festgenommen, 33 Personen wegewiesen

Von den 21 Festgenommenen sind 16 Schweizer Staatsangehörige, fünf haben einen ausländischen Pass. Sechs der Festgenommenen leben in der Stadt St.Gallen, 13 kommen aus der Ostschweiz und zwei von ausserhalb dieses Landesteils. Zudem wurden in Zusammenhang mit den Ausschreitungen von Freitagnacht 33 Personen aus der Stadt weggewiesen: 28 für dreissig Tage, fünf für 24 Stunden.

Nach den ersten Partykrawallen vor einer Woche belief sich der Schaden auf rund 100'000 Franken. Dabei ging unter anderem ein gutes Dutzend Schaufensterscheiben vor allem in der südlichen Altstadt zu Bruch. Diesmal gab's Schaden für geschätzte 50'000 Franken schwerpunktmässig im Bereich Bahnhof- und Kornhausplatz. Unter anderem ging die Scheibe eines Buswartehäuschens zu Bruch. Bis Samstagmittag gingen bei der Kantonspolizei St.Gallen sieben Anzeigen wegen Sachbeschädigung ein.

Eine Reihe von Scharmützeln

Leitete den Polizeieinsatz der Freitagnacht: Anjan Sartory.

Leitete den Polizeieinsatz der Freitagnacht: Anjan Sartory.

Bild: Ralph Ribi
(3.4.2021)

Die Ausschreitungen in der Nacht von Freitag auf Samstag war kein klassischer Krawall, bei dem eine grosse Zahl Demonstrierender über länger Zeit ein geschlossenes Grossaufgebot der Polizei konfrontiert. Es handelte sich gemäss der Schilderung der Ereignisse durch Einsatzleiter Anjan Sartory um eine Reihe von Scharmützeln:

  • Um 17 Uhr stellte die Polizei rund 300 Personen, die friedlich feierten, auf Drei Weieren fest.
  • Um 19.30 Uhr hielten sich erst um die 50 Personen auf dem Roten Platz im Bleicheli aus, doch erhielten sie etwa zu dieser Zeit Zuzug von einer Gruppe, die aus Basel angereist war.
  • Gegen 20.15 Uhr war die Menschenmenge auf dem Roten Platz auf rund 250 Personen angewachsen.
  • Ab 20.30 Uhr sei die Stimmung allmählich gekippt, schilderte Einsatzleiter Sartory an der Medienkonferenz vom Samstag die Ereignisse. So seien erste Böller gezündet worden.
  • Um 21 Uhr wurden die ersten Angriffe auf die Polizei registriert; diese antwortete mit Gummischrot. Dann entspannte sich die Lage.
  • Um 21.30 Uhr wurde die Polizei erneut angegriffen.
  • Nach 22 Uhr wurden aus Sicherheitsgründen die Polizisten in normalen Uniformen zurückgezogen.
  • Um 22.30 Uhr kam es erneut zu Angriffen auf die Polizei - diesmal mit brennenden Gegenständen und Böllern. An der Vadianstrasse musste die Berufsfeuerwehr unter Polizeischutz brennende Velos löschen.
  • Danach gab es immer wieder einzelne Zusammenstösse unter anderem auf Kornhaus- und Bahnhofplatz. Dabei setzte die Polizei auch Tränengas ein.
  • Gegen 00.45 Uhr habe sich die Situation allmählich beruhigt, schilderte Gesamteinsatzleiter Sartory das Ende der Ausschreitungen.

Wie viele Personen beteiligt waren, ist noch offen

Wie viele Personen sich in der Nacht von Freitag auf Samstag in der Innenstadt aufgehalten haben, ist unklar. In Medienberichten vom Ort des Geschehens war von mindestens 1'000 Personen die Rede. Die Polizei konnte das am Samstagmittag nicht bestätigen: Es sei schwierig, eine Gesamtzahl zu nennen, sagte Stapo-Kommandant Ralph Hurni. Und auch wie viele Personen letztlich gewalttätig wurden, ist offen. Das sei jetzt Gegenstand der Abklärungen.

Einige «wenige Chaoten» sind für die Gewalttaten der Freitagnacht verantwortlich. Wie viele es genau sind, ist die Polizei am Ermitteln.

Einige «wenige Chaoten» sind für die Gewalttaten der Freitagnacht verantwortlich. Wie viele es genau sind, ist die Polizei am Ermitteln.

Bild: Michel Canonica (2.4.2021)

Klar ist für die städtischen Verantwortlichen aber, dass für die Ausschreitungen eine kleine Minderheit verantwortlich ist. Einige dieser Personen seien mit Blick auf ihre Ausrüstung auf gewalttätige Ausschreitungen vorbereitet gewesen, sagte Polizeikommandant Ralph Hurni und präsentierte das Bild eines jungen Mannes mit «Gasmaske».

Sonja Lüthi: «Um Kontakt zu pflegen, braucht es keine Gewalt»

Stadträtin Sonja Lüthi an der Medienkonferenz zur Krawallnacht.

Stadträtin Sonja Lüthi an der Medienkonferenz zur Krawallnacht.

Bild: Ralph Ribi (3.4.2021)

Auch die städtische Sicherheitsdirektorin Sonja Lüthi verurteilte an der Medienorientierung vom Samstagmittag die Gewalt der Freitagnacht aufs Schärfte. Auch wenn man für den Coronafrust der Jungen sicher Verständnis habe, seien Gewalt und Sachbeschädigungen nicht akzeptabel.

Lüthi lobte ausdrücklich den Einsatz der Polizei und bedankte sich bei allen Einsatzkräften: Der Einsatz sei verhältnismässig gewesen. Die Polizei habe alles versucht, um mit Dialog und Deeskalation Gewalt zu verhindern. Sie habe erst eingegriffen, als es nicht mehr anders ging. Und damit, so hielt Sonja Lüthi fest, habe sie eine weitere Eskalation der Ereignisse verhindert.

Aktuelle Nachrichten