Sie müssen alle sechs Monate um ihre Lohn bangen – ein Musiklehrer aus der Region Wil erzählt von seinem strengen Berufsalltag

Schüler haben viele Möglichkeiten zur Freizeitgestaltung. Längst ist das Lernen eines Musikinstrumentes nicht mehr so beliebt wie früher. Für die Musiklehrer bedeutet das weniger Schüler – und weniger Lohn.

Lara Wüest
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Musiklehrende müssen alle sechs Monate um ihre Unterrichtsstunden bangen. (Bild: Gaetan Bally/key)

Musiklehrende müssen alle sechs Monate um ihre Unterrichtsstunden bangen. (Bild: Gaetan Bally/key)

Musik löst Glücksgefühle aus, baut Stress ab und womöglich steigert musizieren sogar die Intelligenz. Immer mehr Untersuchungen zeigen, dass sich die Musik positiv auf unseren Körper und unsere Seele auswirkt. So fanden kanadische Forscher der McGill Universität zum Beispiel kürzlich heraus: Musik erzeugt dieselben Botenstoffe wie Essen, Sex oder Rauschmittel.

Trotzdem ist das Lernen eines Musikinstrumentes bei Jugendlichen nicht mehr so beliebt wie früher – zu gross ist das Angebot an Freizeitaktivitäten. Da sind die Sportvereine die zwei bis drei Trainings pro Woche einfordern, die sozialen Medien, die eigentlich rund um die Uhr mit Posts gefüttert werden müssen, die Videogames, in denen es das nächste Level zu erreichen gilt.

Eine harte Branche

Musikschulen müssen sich deshalb immer wieder überlegen, wie sie Schüler für ein Musikinstrument begeistern können (Ausgabe vom 30. Januar 2019). Doch nicht nur die Schulen stellt das vor Herausforderungen. Die Lehrer müssen heute mehr um ihre Unterrichtsstunden bangen als früher, wie ein Musiklehrer aus der Region erzählt. Nennen wir ihn Manfred Fässler, seinen wahren Namen möchte er nicht in der Zeitung lesen. Für manche Lehrer kann das finanziell belastend werden. Fässler sagt:

«Vom Unterrichten allein können längst nicht mehr alle leben. Ich habe einen Kollegen, der zusätzlich auf dem Bau arbeitet.»

Erschwerend kommt hinzu, dass manche Instrumente bei Jugendlichen schlicht nicht mehr gefragt sind. Vor allem Blasinstrumente wie Saxofon, Querflöte oder Klarinette. Für Lehrer dieser Instrumente ist es besonders schwer, auf genügend Schüler zu kommen, um von ihrem Job leben zu können. Denn weniger Schüler wirken sich direkt auf ihren Lohn aus. Denn Musiklehrer werden pro Unterrichtsstunde bezahlt. Je weniger Schüler sie haben, desto tiefer ist ihr Einkommen.

Der Lohn ist dauernd Schwankungen unterworfen

An vielen Musikschulen verpflichten sich die Schüler zudem nur für ein halbes Jahr. Sie können alle sechs Monate entscheiden, ob sie mit dem Unterricht fortfahren wollen. So kommt es vor, dass manche Lehrer im Halbjahresrhythmus starke Schwankungen im Einkommen aufweisen. «Gewisse Lehrer müssen von einem Semester aufs nächste bis zu 15 Prozent weniger Lohn in Kauf nehmen. Manche wissen dann nicht mehr, wie sie ihre Rechnungen bezahlen können», sagt Manfred Fässler.

Gemäss dem Verband Musikschulen Schweiz gibt es solche Schwankungen jedoch nicht erst seit kurzem. «In diesem Beruf gehörten solche Unsicherheiten schon immer mit dazu», sagt Geschäftsführerin Margot Müller. Trotzdem beobachtet auch sie, dass es für manche Musiklehrer schwieriger geworden ist, auf genügend Schüler zu kommen. «Da die Schüler heute ein grösseres Freizeitangebot haben, probieren sie viel mehr aus. Sie bleiben nicht mehr so lange an den Musikschulen wie früher.» Zudem sei die Belastung im Schulunterricht gestiegen. «Viele Schüler möchten sich deshalb nicht zusätzlich für ein Instrument verpflichten.» Die Zukunft für Musiklehrer, so Müller, werde sicher nicht einfacher. Die Schülerzahlen an Musikschulen in der Schweiz seien in den vergangenen zehn Jahren im Durchschnitt allerdings konstant geblieben.

Viele Schulen geben Schülerzahlen nicht heraus

Es ist nicht einfach, die Entwicklung der Schülerzahlen an den Musikschulen in der Region aufzuzeigen, die meisten Schulen halten sich mit den Zahlen bedeckt. Auf eine Anfrage dieser Zeitung haben einzig die Musikschule Degersheim und die Musikschule der Stadt Wil geantwortet.

Es zeigt sich ein gemischtes Bild: In Degersheim ist ein klarer Rückgang bei den Schülerzahlen zu erkennen. Die Anzahl Fachbelegungen ist in den vergangenen 19 Jahren von 313 auf 201 zurückgegangen. Von Fachbelegungen spricht man, weil einzelne Schüler auch mehrere Fächer belegen können. Ein Schüler kann also mehrere Musiklehrer haben. Die Fachbelegungen sind ausschlaggebend dafür, wie viele Stunden die Musiklehrer an einer Schule geben können.

An der Musikschule in der Stadt Wil ist die Anzahl Fachbelegungen dagegen mehr oder weniger konstant geblieben, dort bestätigt sich kein Trend der sinkenden Schülerzahlen. Im Jahr 2000 waren es deren 1208, im Jahr 2018 waren es 1212.

Grössere Pensen gefordert

Trotzdem bleib der Musiklehrberuf einer mit erheblichen Unsicherheiten. Und um sich vor solchen Unsicherheiten abzusichern, arbeiten viele Musiklehrer an mehreren Schulen gleichzeitig. Und das ist streng. Fässler sagt: «Ein Musiklehrer oder eine Musiklehrerin ist eigentlich ständig auf Jobsuche.» An jeder Schule müssten sich die Lehrpersonen wieder neu zurechtfinden, überall gäbe es andere Regeln. Zudem müssten sie an mehreren Jahressitzungen teilnehmen. Das sei aufwendig. Aufwendig sei auch der Arbeitsweg: «Man ist die ganze Zeit im Auto unterwegs. Das kann ermüdend sein und kostet Benzin.»

Für Manfred Fässler ist deshalb klar: «In den Schulen muss ein Wandel stattfinden.» Derzeit, sagt er, seien an den Schulen in der Region jeweils viel zu viele Musiklehrer beschäftigt. «Anstatt kleine Pensen für viele Lehrer, bräuchte es grosse Pensen für weniger Lehrer.»

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