Hans Jucker
Die Zeit des Radreporters Hans Jucker ist abgelaufen

Der Sportsfreund Hans Jucker ist auf der Zielgeraden – erstaunlich, dass er nicht den Besenwagen nehmen musste

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Kurt-Emil Merki

Heute geht in Paris mit der Tour de France nicht nur die Ära Armstrong zu Ende, sondern auch die Ära Jucker. Der Mann mit der Giesskannenstimme, die von Parodisten so gerne nachgeäfft wird, wird nie mehr von «grossen Menschenmassen» reden, «die das Zielgelände säumen». Oder von der «fix installierten Zielkamera», von der «das Fahrerfeld nun erfasst wird». Kein Fahrer wird je wieder «im grossen Gang eine Steigung hochwuchten» und das Tempo, das irgendwelche Flüchtlinge anschlagen, wird nie mehr «horrend» sein.

Sind wir, die wir nun ohne diese gestanzten Jucker-Sätze sein müssen, zu bedauern? Nein. Natürlich ist Jucker von einigen Medien nicht ohne Zynismus zur «Kultfigur» hochgeschrieben worden, natürlich hat es dank Youtube in den letzten Jahren so etwas wie einen kleinen Jucker-Hype gegeben. Unter dem Strich gilt es jedoch festzuhalten, dass der Mann aus dem Zürcher Säuliamt zwar über ein einprägsames Organ, aber nur über ein begrenztes Vokabular verfügt. Er hat sich zwar ein ordentliches sportliches Allgemeinwissen angeeignet, aber wie die Mannschaftstaktik an einer grossen Radrundfahrt funktioniert, ist ihm zeitlebens schleierhaft geblieben.

Mit einer chauvinistischen Note

Wir wollen nicht ungerecht sein. Im Reitsport disponiert Jucker über Sachkenntnis. Er kann einen Oxer einwandfrei von einer Stationata unterscheiden; er weiss, was «Hinterhand» und «Versammeln» heisst und meint. Wenn er zusammen mit Ex-Springreiter Paul Weier hinter dem Mikrofon sass, ergab die Fachsimpelei für den Zuschauer oft einen echten Mehrwert.

Unerträglich war Jucker immer dann, wenn eine chauvinistische Note ins Spiel kam. Wenn er also das italienische Fernsehen für eine Panne geisselte, für die er - wenn sie dem eigenen Sender passierte - um Verständnis bat. Oder Selbstgefälligkeit. Wenn er sich also lieber auf sein Gefühl als auf die Zeitmessung verliess und so einen Fabian Jeker zum Tour-de-Suisse-Sieger machte, obwohl Jan Ullrich schliesslich der Schnellere war. Oder Schadenfreude. Wenn er sich also, die eigenen Schenkel klopfend, über Sport-Exoten lustig machte.

Der Sportreporter brachte Stimmung und Niveau des Stammtischs ins Schweizer Fernsehen. Was nicht verwundert, betreibt Jucker doch in Affoltern am Albis so nebenher einen Pub, in dem sich, so nebenbei, rechte Brüder gerne zuprosten. Ist ein Schelm, wer Juckers Untertöne damit in Zusammenhang bringt?

Ein Charakterkopf

Ein Null-Fehler-Ritt ist Hans Jucker (65) in den letzten 45 Jahren nie gelungen. Erstaunlicherweise musste er aber auch nie den Besenwagen besteigen. Er verlässt dieses Jahr das Schweizer Fernsehen unangezählt und im Wissen, den Zuschauern nicht egal gewesen zu sein. Über einen wie Hans Jucker konnte man sich in der Tat ereifern. Erschallte sein markantes Organ, war dies für die einen das Zeichen, den Fernseher lauter, für die andern, ihn abzustellen.

Fragt sich, ob das bei jenen, die im neuen Jahr seine Nachfolge antreten werden, ebenfalls der Fall sein wird. Jucker gehörte noch zur Generation von Fernsehschaffenden, die nicht bis zur Verwechselbarkeit ausgebildet wurde. Er ist ein Charakter, den man entweder mag oder eben nicht - aber er ist wenigstens ein Charakter. Nicht ausgeschlossen, dass wir schon bald beklagen werden, dass es Typen wie ihn an Orten wie dem Fernsehen nicht mehr gibt.

Der Mann aus dem Zürcher Säuliamt verfügt zwar über ein einprägsames Organ, aber nur über ein begrenztes Vokabular.

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