Montagsinterview

Familienunternehmen Europa-Park: «Wir denken nicht in Quartalen, sondern in Generationen»

Roland Mack (l.) und sein Sohn Michael sind Vertreter der siebten und achten Generation des Familienunternehmens. In der Führung des Europa-Parks findet derzeit ein Generationenwechsel statt. Sandra Ardizzone

Roland Mack (l.) und sein Sohn Michael sind Vertreter der siebten und achten Generation des Familienunternehmens. In der Führung des Europa-Parks findet derzeit ein Generationenwechsel statt. Sandra Ardizzone

Die Besitzer des Europa-Parks durchleben eine wichtige Phase: den Übergang zu nächsten Generation. Wie das geht, erklären Vater Roland und Sohn Michael Mack – die siebte und die achte Generation des Famlienunternehmens im Interview.

Was ist echt? Was ist virtuell? Wir setzen uns in die Achterbahn, wie man sie vom Europa-Park her kennt. Doch etwas ist komplett neu: Sie wurde für Virtual Reality – kurz VR – ausgerüstet, eine neue Technik, welche derzeit die Unterhaltungsindustrie revolutioniert. Wir ziehen uns die Samsung-Brillen über den Kopf – sie sind erstaunlich schwer, simulieren die virtuelle Realität über ein eingespanntes Smartphone.

Und dann gehts los: Die Bahn setzt sich in Bewegung. Wir aber sind nicht mehr im Freizeitpark, sondern in einer Zeichentrick-Fantasiewelt, fliegen über abgrundtiefe Schluchten, stürzen eine zusammenkrachende Brücke hinunter, werden am Schluss von einer Animationsfigur unsanft gestoppt. Das Spezielle daran ist nicht der Film, sondern dass der Druck in den Bauch echt ist, dass wir wirklich umhergewirbelt werden, so, als befänden wir uns wahrhaftig in dieser Animationswelt. Diese Realitätsnähe der virtuellen Simulation überrascht und begeistert zugleich.

Etwas später sitzen wir (ohne VR-Brillen) Senior- und Junior-Chef gegenüber, im «Circus Macksimus», dem präsidialen Sitzungszimmer, das sich – typisch für die Besitzer – ebenso zentral wie diskret mitten im Park befindet, umgeben von den Besuchern und trotzdem abgeschirmt. An den Wänden hängen Bilder mit der Familie Mack, mal zusammen mit Papst Johannes Paul II, Bundeskanzlerin Angela Merkel, Ex-US-Präsident Bill Clinton und vielen mehr. Denn längst sind die Macks eine der bedeutendsten Unternehmerfamilien Deutschlands.

Wir waren mit Virtual-Reality-Brillen auf Ihrer Achterbahn. Haben wir soeben die Zukunft erlebt?

Michael Mack:Zumindest den Anfang der Zukunft. Der Europa-Park macht sich bereit für eine digitale Zukunft – nicht von heute auf morgen, sondern sukzessive. Wir wollen den Park so modernisieren, dass auch Jugendliche noch gerne zu uns kommen und nicht das Gefühl haben, dass wir altmodisch seien oder den Anschluss verpasst hätten.

Und dazu braucht es Virtual Reality?

Michael: Genau, wir haben im vergangenen Jahr den österreichischen Alpenexpress – unseren Klassiker – so aufgerüstet, dass man mithilfe einer VR-Brille ein komplett neues Fahrerlebnis hat: Was Sie virtuell dank der Brille sehen, passt zu den physischen Kräften, die auf der Achterbahn entstehen. Die Erlebnisfilme sind präzis auf die Fliehkräfte abgestimmt, die auf der Bahn wirken. Dank den tollen Erfahrungen kam diese Saison bereits eine zweite Bahn dazu: Pegasus Coastiality, auf der wir einen eigens entwickelten Inhalt namens «Happy Family» präsentieren, der im nächsten Jahr als richtiger Kinofilm dann auch Europas Leinwände erobern wird. Darüber hinaus entwickeln wir Konzepte, um das Ganze weiter auszubauen. Allerdings können unsere Besucher jederzeit die Bahnen auch klassisch fahren, also ohne VR-Brille.

Wieso hat VR gerade im Freizeitpark ein so grosses Potenzial?

Michael: Das VR-Erlebnis, welches bei uns «Coastiality» genannt wird, ermöglicht es uns, noch mehr Marken in unseren Park aufzunehmen. Dadurch können wir individuelle Fahrten für alle unsere Zielgruppen bieten. Ich könnte mir beispielsweise vorstellen, die Schweizer Bobbahn zusätzlich auch noch als Schellen-Ursli zu fahren. Dabei sehe ich das Erlebnis stets als Erweiterung zu einer bestehenden Bahn.

Roland Mack: Mit spezifisch für VR gebauten Bahnen kann man die Stärken dieser neuen Technologie sogar noch besser ausspielen. Man würde zum Beispiel weniger Zeit verlieren beim Einsteigen und könnte Dekoration an der Bahn sparen. Vor allem aber ist Virtual Reality auf der Achterbahn komplett einzigartig.

Warum?

Roland Mack: Beschleunigungskräfte habe ich im Wohnzimmersessel nur bedingt (lacht). Und so kann beispielsweise das Fliegen derart realistisch simuliert werden, wie es zu Hause absolut undenkbar ist.

Wird man irgendwann alle Bahnen im Europa-Park mit VR-Brille
erleben können?

Roland Mack: Bestimmt nicht. Ich bin beispielsweise die «Bluefire» – unsere spektakulärste Bahn – mit VR-Brille gefahren. Ich war überrascht, dass die Fahrt mit Brille deutlich angenehmer ist als ohne. Man merkt nicht, wenn man kopfüber fährt, die Höhe fehlt und man sieht den Looping nicht auf sich zukommen. Es ist ein ganz anderes Erlebnis. Aber die konventionelle Fahrt wird bleiben. Wir bauen ja nicht eine komplexe und teure Bahn, nur um den Effekt mit der Brille dann wieder zu reduzieren. Das würde keinen Sinn machen.

Wie wollen Sie die Digitalisierung im Park vorantreiben?

Michael: Wir arbeiten gerade an einem «Coastiality-Plus»-Konzept. Das ist eine neue App für Smartphones, mit welcher man bereits zu Hause die Achterbahnfahrten vorkonfigurieren und sich verschiedene Welten selber zusammenbauen kann. Wenn man dann den Park besucht, kann man mithilfe von Virtual Reality die Bahnen genau in jener Welt fahren, welche man zu Hause erstellt hat. Bereits im nächsten Jahr wollen wir das lancieren.

Roland: Diese Idee hat enormes Potenzial. So findet der Europa-Park nämlich nicht mehr nur in Rust, sondern auch zu Hause statt.

Das klingt spannend. Wieso aber sollte man dann noch in Ihren Park kommen?

Roland: Die Leute kommen ja nicht wegen VR zu uns, auch nicht wegen der «Silverstar» oder der «Bluefire». Sie kommen wegen des Gesamterlebnisses, wegen des Zwischenmenschlichen, wegen der Familie. Das wird auch in Zukunft so sein.

Als 66-Jähriger sind Sie, Roland Mack, definitiv kein «Digital Native». Warum sind Sie trotzdem offen für neue Technologien?

Roland: Ich habe VR immer voll unterstützt. Selbst hätte ich es nicht initiiert, aber mir ist es schon sehr wichtig, dass unser Freizeitpark dynamisch bleibt. Nur wer sich anpasst, überlebt. Und als Familienunternehmen haben wir dafür die besten Voraussetzungen.

Michael: Eine Generation früher hat Vater meinen Grossvater dazu gedrängt, in Hotels zu investieren. Heute mache ich dasselbe mit der Digitalisierung. Das ist unser Geheimrezept. Wir denken nicht in Quartalen, sondern in Generationen.

Sie und Ihr Bruder Thomas sind seit kurzem Geschäftsführer des Parks. Lässt Ihr Vater Sie auch wirklich machen?

Michael: Na ja, die Ernennung war vor allem eine formelle Angelegenheit. Wir trugen schon sehr früh sehr viel Verantwortung, haben uns dann im vergangenen Jahrzehnt viel zusätzliches Vertrauen vom Vater erarbeitet. Doch mein Vater mischt natürlich noch überall mit. Wir stellten vor kurzer Zeit den neuen Themenbereich Irland fertig. Bei der Baustellenbesichtigung passten ihm einige Details nicht – das wurde dann natürlich sofort korrigiert. Aber das ist auch gut so. Wir sind froh, nach wie vor auf ihn und auf sein Wissen zählen zu können. So lebt man miteinander – als Geschäftspartner und als Familie.

Werden Sie überhaupt jemals loslassen können?

Roland: Ich muss es trainieren! Der Park ist und war mein Leben. Wenn ich sehe, dass etwas schiefläuft, dann will ich sofort eingreifen. Dass ich da neu einen Umweg gehen muss, das ist schon gewöhnungsbedürftig. Das war damals auch bei meinem Vater so. Im Nachhinein habe ich den grössten Respekt vor seiner Leistung: Dass er mir derart viel Verantwortung gab, ohne abschätzen zu können, ob ich damit umgehen kann. Er hat sicher ständigmit sich gehadert, mir das Vertrauen aber trotzdem gegeben. Und damit hat er den Generationenwechsel eingeläutet. Der Erfolg gab ihm recht.

Michael: Unser Grossvater hat nach seiner Zeit an der Front seine neue Rolle perfekt gefunden. Während sein Sohn, also mein Vater, fast ständig arbeitete, hatte er viel Zeit mit meinem Bruder und mir verbracht. Damit hat er eine Lücke geschlossen – ich konnte viel von der Zeit mit ihm profitieren. Ich hoffe, dass mein Vater diese Rolle auch für meine Kinder einnehmen wird.

Ihr ältester Sohn, Paul, ist sechs Jahre alt und der Erstgeborene der neunten Mack-Generation. Wird er den Park eines Tages übernehmen?

Michael: Das kann man jetzt noch nicht sagen.

Roland: Aber die Chancen sind sicher hoch.

Michael: Ja, davon gehe ich aus. Er wächst auch im Park auf, genau wie ich damals. So haben wir das Unternehmen quasi mit der Muttermilch aufgesaugt. Ein solcher Park vereinigt ja auch fast alle Berufe. Er wird sicher etwas finden, das ihm zusagt.

Eine Kindheit in einem der grössten Freizeitparks der Welt – das muss traumhaft sein!

Michael: Ja und nein. Es ist mit vielen Verpflichtungen und wenig Freizeit verbunden. Bei meinem Bruder und mir hat unsere Mutter sehr viel Wert darauf gelegt, dass wir trotzdem unter normalen Umständen aufwachsen. Wenn uns ein Gastronomie-Mitarbeiter ein Schnitzelbrot gegeben hat, obwohl meine Mutter zu Hause gerade kochte, dann gab es Ärger in der Betriebsabteilung. Sie hatte da einen grossen Einfluss.

Von aussen betrachtet hat man eher das Gefühl, dass die Frauen in Ihrem Unternehmen keine Rolle spielen.

Roland: Das täuscht. Die Frauen sind in vielfacher Hinsicht sehr wichtig für uns. Wir haben übrigens im Gesellschaftsvertrag festgelegt, dass nur Blutsverwandte den Park führen dürfen. Mit dem Geschlecht hat das gar nichts zu tun.

Sie haben mithilfe eines Mediators eine Familien-Charta erarbeitet, die den Generationenwechsel regeln soll. Dabei seien auch Tränen geflossen, haben Sie kürzlich gesagt. Wo lagen die Schwierigkeiten?

Roland: Das Schwierige bestand darin, die Meinung der anderen zuzulassen und selber zuzuhören. In diesem Prozess wurden auch Dinge gesagt, die schon lange Zeit im Hals gesteckt hatten. Alles wurde einmal aufgestossen, aber in dieser moderierten Form. Die Verfassung, die dabei entstand, ist ein Hilfsmittel, aber es gibt keine Garantie, dass sie funktionieren wird.

Welches waren die grössten Generationenkonflikte?

Michael: Für uns war es ein komplettes Umdenken. Unser Grossvater gab damals den Ton in der Firma an, der Vater leitete den Park. Beide als Patriarchen. Mein Bruder und ich wurden also darauf vorbereitet, dass wir diese Rollen übernehmen werden. Ob das mit dieser Charta einfacher wird, das sei dahingestellt. Vor allem werden Entscheidungen sicher um einiges bürokratischer. Mit den Familienmeetings, die wir in dieser Form nicht hatten. Aber inzwischen sind wir ja auch vier Geschäftsführer und benötigen neue Strukturen.

Roland: Für mich ist klar, dass man alle Familienmitglieder einbeziehen muss. Denn wenn man das nicht tut, dann geht das ein paar Mal gut, doch irgendwann kracht es dermassen, dass es wirklich Probleme gibt.

Engen Zusammenhalt in der Familie brauchen Sie auch für Ihre Grossinvestition. Neben dem Europa-Park bauen Sie für geschätzte 150 Millionen Euro auf 46 Hektaren einen Wasserpark. Ein Projekt der neuen Mack-Generation?

Michael: Das würde ich so nicht sagen. Der Wasserpark ist sicher auch eine grosse Mission meines Vaters und meines Onkels Jürgen. Die beiden werden auch hier wieder wichtige Treiber sein. Operativ wird mein Bruder für das neue Hotel mit 300 Zimmern zuständig sein und ich für die Umsetzung des Parks.

Roland: Ich wollte, dass diese Investition in erster Linie von der neuen Generation verantwortet wird. Die Idee eines Wasserparks hatten wir eigentlich schon sehr lange, aber wir haben uns mit der Umsetzung bewusst Zeit gelassen, weil für ein so grosses Projekt sehr viel abgeklärt, organisiert und genehmigt werden muss. Mit dem Wasserpark wollen wir den Standort Europa-Park als Kurzreisedestination stärken. Und ausserdem werden wir dadurch zum Ganzjahresbetrieb.

Die Eröffnung soll 2018 stattfinden. Was erwartet Ihre Besucher?

Roland: Es soll eine Kombination aus unterschiedlichen Wasserangeboten entstehen: Rutschen, Wellenbäder, Strömungskanäle – alles in einer grossen Themenwelt. Und das Ganze natürlich auch wieder thematisch und mit viel Liebe zum Detail gestaltet. Es ist die Fortsetzung des Erlebnisses Europa-Park mit dem Element Wasser.

Für Rutschen und Wellenbäder wird niemand extra nach Rust
fahren. Die Konkurrenz bei einem Wasserpark ist viel grösser als beim Europa-Park.

Roland: Wir gehen derzeit von rund 90 Prozent Hotelbesuchern aus, die Untersuchungen zufolge ihren Aufenthalt in der Europa-Park-Region verlängern werden. Dann wäre die Vision der noch attraktiveren Kurzreisedestination voll aufgegangen. Wir werden sicher ein kleines Ticket-Kontingent buchbar lassen für Leute von ausserhalb. Im Vordergrund soll aber die Verlängerung des Aufenthalts stehen. Der Wasserpark wird sehr attraktiv sein und sich mit dem neuen Themenhotel erheblich von den Wettbewerbern europaweit unterscheiden.

Wie viele zusätzliche Stellen
werden so geschaffen? Und mit wie vielen Besuchern rechnen Sie?

Michael: In der ersten Ausbaustufe werden wir für Hotel und Parkbetrieb rund 500 zusätzliche Personen benötigen. Derzeit gehen wir von rund 5000 Besuchern pro Tag aus, das ist aber sehr schwer abschätzbar.

Was haben Sie sonst im Köcher?

Roland: Im nächsten Frühling werden wir eine neue Attraktion eröffnen – es wird die bisher grösste Investition in eine einzelne Attraktion sein Es wird ein Fahrgeschäft, zumindest im weitesten Sinne. Mehr können wir aber noch nicht verraten. Lassen Sie sich überraschen!

Autor

Christian Dorer

Christian Dorer

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