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Als die Pferde noch die Lasten trugen

Fuhrhalter und Kutscher, ihre Familien, Wirtschaften und Kiesgruben sind das Thema des 63. Neujahrs-blatts von Dietikon. Das rund 80-seitige Heft erscheint seit 1948 in ununterbrochener Folge.

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Fuhrwerk

Fuhrwerk

Limmattaler Zeitung

Pascal Münger

Der mit Ecken und Kanten versehene Werner Zimmermann aus Dietikon begann 1940 mit dem Handel von Brennholz, Kohlen, Briketts und Heizöl. Um ihn von seinen vielen Geschwistern zu unterscheiden, nannte man ihn im Dorf bald «Öfeli», «Chöleli» oder «Kohlenbaron». Der Volksmund nannte damals alle Kohlenhändler «Kohlenbarone».

Heute sind die Kohlenmänner längst aus unserem Strassenbild verschwunden. Öl, Erdgas, Elektrizität und Atomenergie haben das «schwarze Gold» ersetzt. Zu Zeiten Werner Zimmermanns aber, war seine Ware heiss begehrt. Wie viele andere Händler zu dieser Zeit, half ihm ein Pferd bei der Verteilung des Brennmaterials, das bis in die Nachbarsgemeinden gefragt war.

Für viele das edelste Tier

Hans Peter Trutmann widmet sich im Neujahrsblatt von Dietikon 2010, herausgegeben vom Verkehrsverein Dietikon, den Geschichten der Fuhrhalter, Kutscher und deren Familien in der Region und setzt damit auch dem Pferd, einem der treusten tierischen Begleiter des Menschen, ein Denkmal.

«Das Pferd war während Jahrhunderten als Reit- und Zugtier der wichtigste physische Helfer der Menschheit und blieb es bis zum Aufkommen des Verbrennungsmotors. Für viele Dichter ist das Pferd das edelste Tier überhaupt. Adalbert Stifter und Jeremias Gotthelf haben es in vielen Werken immer wieder eng in den menschlichen Lebenskreis einbezogen. Der römische Kaiser Caligula ernannte sein Pferd gar zum Ehren-Senator auf Lebenszeiten. Wem von den Eltern eine ‹Rossnatur› in die Wiege gelegt worden ist, kann sich einige Arztkosten ersparen. Und wenn Sie in der Schule zu den ‹Zugpferden› gehört haben, wird Sie der Lehrer in guter Erinnerung behalten», schreibt der Verfasser in seinem Vorwort.

Mozart 1766 in Dietikon

Musste man früher etwas transportieren, machte man das mit dem Pferd oder mit einem Ochsen. Egal, ob das nun ein musikalisches Genie wie Mozart war, der 1766 mit seiner Familie in einer dreispännigen Kutsche Dietikon durchfuhr, oder ob das fast zwei Jahrhunderte später Werner Zimmermann war, der die Einwohner mit Kohle versorgte.

Die Geschichte des Fuhrmanns «Chöleli» ist eine von vielen Geschichten im neuen Neujahrsblatt. Auf 80 Seiten warten auf die Leser spannende Erzählungen über die teilweise sehr anstrengende Arbeit der Berufsgattung der Fuhrhalter und Kutscher, untermalt mit vielen historischen Bildern. Erstaunlich dabei ist, dass die Geschichten, wie am Beispiel von Werner Zimmermann geschildert, bis in die Mitte des letzten Jahrhunderts reichen. Auch nachdem im Zweiten Weltkrieg bereits Bomben aus Flugzeugen abgeworfen wurden und damit ganze Städte dem Erdboden gleichgemacht worden sind, setzte die einfache Bevölkerung weiterhin auf Pferde und Ochsen.

Konkurrenz durch den Zug

Daran konnten auch die «eisernen Rosse» nichts ändern, die ab 1847 immer weitere Strecken durch die Schweiz zurücklegten und den Fuhrunternehmern von Jahr zu Jahr mehr Personen und Frachtgut streitig machten. Trotz vielen Befürchtungen machte die Eisenbahn das Gewerbe aber nie überflüssig. Man fand einen Weg, sich zu ergänzen. Während die Eisenbahn für längere Strecken und besonders schwere Last eingesetzt wurde, blieben die Fuhrhalter auf regionaler Ebene unentbehrlich.

Und so war auch Werner Zimmermann trotz der Spanischbrötlibahn ein gefragter Mann in Dietikon. Wenn er ausfuhr, nahm auf dem Bock meist auch eine weisse und «giftige» Hundedame Platz. Spitzer «Dorli» hatte dort aber trotz schöner Übersicht auf die Passanten viel Ärger, weil ihr Fell beim Abladen der Säcke durch den feinen schwarzen Koks- und Kohlenstaub in Mitleidenschaft gezogen wurde. Standen keine Ausfahrten auf dem Programm oder herrschte schlechte Witterung, leistete «Dorli» gerne Mutter Zimmermann Gesellschaft, die im hinteren Lager an der Oberen Reppischstrasse mit der Ahle die löchrigen Kohlensäcke flickte.

Es muss trotz dem harten Leben auch eine magische Zeit gewesen sein, wenn man sich durch die Geschichten der zahlreichen Familien in der Region liesst, die ihren Unterhalt als Fuhrhalter oder Kutscher verdienten. Das Leben war zwar langsamer und eintöniger als heute, dafür aber viel übersichtlicher und von Mensch zu Mensch. Erst der Siegeszug des Automobils setzte der Berufsgattung so zu, dass sie sich neu orientieren musste. Das Pferd hatte als Schlepper ausgedient und wurde durch vierräderige Pferdestärken ersetzt, was nicht zuletzt auch dem Tier zugute kam, das seither in Dietikon nicht mehr schwere Lasten durch die Stadt trägt, sondern höchstens noch mit einem Menschen auf dem Rücken über Feldwege trabt.

Spediteure und Busfahrer

Als der Tierarzt 1950 das Pferd dem Metzger verschrieb, entschloss sich deshalb auch unser Held Werner Zimmermann zur Anschaffung eines Lieferwagens für die künftigen Auslieferungen seiner Holzkohle. Denn die ehemaligen Fuhrhalter und Kutscher sind nichts anderes als die Vorgänger der heutigen Spediteure und Buschauffeure.

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