Anzeiger

«Angemessen und zurückhaltend über den Strafprozess berichtet»

Von einem Strafprozess, bei dem es um sexuelle Handlungen mit einem minderjährigen Kind ging, hat der «Anzeiger» «insgesamt in angemessener, zurückhaltender Weise» berichtet. Zu diesem Schluss kommt der Schweizer Presserat. Er lehnt eine Beschwerde gegen die Zeitung ab.

Vor rund einem Jahr berichtete der «Anzeiger» über einen Strafprozess vor dem Bezirksgericht Affoltern. Dabei schrieb der Journalist über den Angeklagten, er habe in den frühen 90er-Jahren die Mutter des geschädigten Kleinkindes kennengelernt und mit ihr eine Praxisgemeinschaft gegründet.

Ebenfalls erwähnt wurde, dass die Mutter gesundheitlich angeschlagen sei. In dieser Praxis sei es schliesslich zweimal zu sexuellen Übergriffen an dem zum Tatzeitpunkt fünfjährigen Mädchen gekommen.

Gestützt auf den Artikel gelangten das geschädigte Mädchen und die Mutter zur Auffassung, mit dieser Berichterstattung seien die Grenzen überschritten worden. Sie seien erkannt und auf die Gerichtsverhandlung angesprochen worden. Insgesamt habe die Publikation und die darauf folgende Identifikation zu einer Retraumatisierung der Beschwerdeführerinnen geführt, die eine erneute Behandlung notwendig machte, hielt die Anwältin von Mutter und Kind in ihrer Stellungnahme fest.

Die Redaktion ging demgegenüber von einer genügenden Anonymisierung aus. Es wurden weder Beruf, Namen noch Ortschaft genannt. Und es wurde darauf verwiesen, dass Affoltern heute über 10 000 Einwohner und Dutzende solcher Praxisgemeinschaften zählt. Zudem wird im Artikel die Art der Praxis nicht näher umschrieben.

Zurückhaltende Praxis bestätigt

Der Schweizer Presserat wiederholt nun, was er in ähnlichen Fällen schon früher festgehalten hat: Journalisten haben die Pflicht, die Privatsphäre des einzelnen zu respektieren, sofern das öffentliche Interesse nicht das Gegenteil gebietet.

Gestützt auf diese Bestimmung sei - vorbehältlich von eng begrenzten Ausnahmen - nicht nur eine namentliche, sondern generell eine identifizierende Berichterstattung zu unterlassen. Insgesamt sind die Medienschaffenden zu besonderer Zurückhaltung aufgefordert, wenn es um Kinder geht, die Opfer von Gewaltverbrechen geworden sind.

Der Presserat kann im vorliegenden Fall nicht abschliessend beurteilen, ob eine Identifizierung über das familiäre Umfeld hinaus möglich gewesen ist. Immerhin fallen nach seiner Auffassung die von den Beschwerdeführerinnen geltend gemachten Folgen dieser Berichterstattung «schwer ins Gewicht».

Trotzdem sei dem Anzeiger aus dem Bezirk Affoltern berufsethisch kein Vorwurf zu machen. Immerhin nenne der Bericht weder Namen noch Initialen des Angeschuldigten und enthalte darüber hinaus nur minimale Angaben über Täter und Opfer, die der Leserschaft wenigstens annäherungsweise eine Einordnung der Fakten erlaubten.

«Selbst wenn sich ein Gerichtsbericht auf ein Minimum von Angaben über die beteiligten Personen beschränkt, ist es aber bei einem Lokalmedium kaum je vollständig vermeidbar, dass die Betroffenen von näheren Verwandten und Bekannten identifiziert werden. Wollte man das Risiko einer Identifikation auch hier vollständig ausschleissen, müsste wohl gänzlich auf die Berichterstattung verzichtet werden», schreibt der Presserat.

Und er kommt zum Schluss: «Da der Anzeiger aus dem Bezirk Affoltern aber insgesamt in angemessener, zurückhaltender Weise über den Strafprozess berichtet hat, ist ihm auch in Berücksichtigung des Prinzips der Verhältnismässigkeit keine Verletzung der Pflichten von Journalisten vorzuwerfen». Die Beschwerde wird abgewiesen.

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