Kürbis
«Bis 1000 Dollar für einen Kürbis-Samen»

2006 hatte Urs Schwegler aus Niederwil den Schweizer Rekord im Kürbiswiegen aufgestellt. Am Sonntag steigerte er seine eigene Bestleistung um 28,8 Kilo auf fast 500 Kilo. Das bedeutete Rang 2.

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Kürbisse
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Volksfest mit Aussicht Volksfest mit AussichtVolksfest mit Aussicht: Gegen 10 000 Menschen verbrachten den Sonntag in Seegräben ZH.
Fast wie Basketbälle Fast wie Basketbälle: Begrenzt spielbar, vorzüglich essbar.
Auf dem Juckermarkt Auf dem Juckermarkt: Kürbisse in Hülle und Fülle.

Kürbisse

Aargauer Zeitung

Hanna Widmer

Wie schwer denn die Zucchetti da auf dem Lastwägelchen sei, fragt ein alter Mann am Bahnhof Wohlen und nickt mit dem Kopf in Richtung Ladefläche, auf der Urs Schweglers jüngster «Streich» ist. Schwegler berichtigt sofort, ein Kürbis sei das und keine Zucchetti.

Schweglers «Atlantic Giant»

Es ist Sonntag, ein Herbstmorgen wie aus dem Bilderbuch. Was könnte man da Besseres unternehmen, als nach Seegräben ins Zürcher Oberland an die Schweizer Meisterschaften im Kürbiswiegen zu fahren? Genau das tut Urs Schwegler. Der Maurerpolier hat ein nicht ganz alltägliches Hobby, er züchtet Kürbisse. Und zwar nicht diese kleinen, herzigen Dinger, die man auf dem Fenstersims aufstellt, um ein wenig Herbststimmung in die Stube zu bringen. Schweglers Kürbisse sind, sagen wir mal, rund 300-mal so schwer. «Atlantic Giant» heisst passend die Sorte, von der ein Prachtexemplar auf dem Rücksitz seines Wagens mitfährt. Aus der ganzen Schweiz reisen Kürbisfanatiker nach Seegräben, um ihre Kürbisse zu präsentieren und bei den Schweizer Meisterschaften mitzutun.

300 bis 400 Arbeitsstunden

300 bis 400 Stunden Arbeit steckt in Urs Schweglers Riesenkürbis. Man muss den Boden bereitstellen, Kompost und Mist auf das Feld werfen, die Samen in kleine Töpfe stecken, die Setzlinge ins Treibhaus bringen und schliesslich, wenn der letzte Eisheilige vorbei ist, ihn draussen anpflanzen. Dann geht das Gejäte los, man muss den Boden lockerhauen und so in einem guten Zustand behalten. Eine Pflanze nimmt übrigens rund 10 mal 10 Meter ein, also 100 Quadratmeter. (hw)

Täglich bis 18 Kilo Wachstum

Urs Schwegler berichtet über sein Hobby, während wir über die Autobahn in Richtung Zürich düsen. Die eindrücklichsten Zahlen: Bis zu einem Gewicht von 50 Kilo wächst der Kürbis noch nicht allzu schnell. Dann scheint es ihm langweilig zu werden, und er gibt richtig Gas: Sagenhafte 15 bis 18 Kilo legt er in seinen besten Zeiten zu - pro Tag. «Man kann ihnen regelrecht zuschauen beim Wachsen.» Das sei aber noch nichts im Vergleich zu dem Wachstum, das amerikanische Kürbisse an den Tag legen: Die bringen es auf 25 Kilo in 24 Stunden.

Im Kürbis-Business herrschen in Nordamerika nicht andere Regeln als bei uns. Ein regelrechtes Business aber ist das Handeln mit Kürbissamen. Schweglers Kürbis entstand aus einem Kern, für den man heute auf dem Markt rund 400 Dollar bezahlen müsste. Für die Samen aus den ganz grossen Kürbissen zahlt man in Nordamerika bis zu 1000 Dollar. Eine Geld-zurück-Garantie gibts keine. Keimt der Samen nicht, hat man einfach sehr viel Geld in den Sand gesetzt.

«Beni Meier wird es packen»

Wie stuft Schwegler seine aktuellen Chancen auf den Sieg ein? Trotz selbst geschätzter 520 Kilo seines Riesenkürbisses zweifelt er an einem Vollerfolg. Im Kürbis-Business wisse jeder alles über jeden. Der Beni Meier hätte einen, der vermutlich rund 100 Kilo schwerer sei als der seine. Noch grösser? Jawohl, das gibts. In Amerika wurde, wie wir später bei der Rangverlesung erfahren sollten, der bisherige Weltrekord geknackt: Satte 786 Kilo brachte das Prachtexemplar auf die Waage.

Bald darauf führt uns das Ortsschild nach Seegräben auf den Juckermarkt. Dort erwartet einen ein regelrechtes Kürbisparadies. Wohin man auch schaut, stechen einem die farbenprächtigen Exemplare ins Auge. Abertausende stapeln sich auf Hausdächern, in Holzkisten oder bilden witzige Tiere. Etwa genau so viele Leute hat es an diesem Sonntag: 5000 bis 10 000.
2000 Franken für den Gewinner

Pünktlich um halb zwei geht es los mit dem Wiegen. Mit dem Gabelstapler werden die Kürbisse zur Waage gefahren. Die jüngsten Teilnehmer sind gerade mal siebeneinhalb und neun, wiegen zusammen 64 Kilo - ihr Kürbis hingegen fast das Fünffache. Urs Schweglers Kürbis ist definitiv einer der grössten. Gewinnen tut jedoch, wie Schwegler prophezeite - der Riesenkürbis von Beni Meier. Mit 640 Kilo hat er sogar die besten Chancen auf den Europarekord. 1500 Franken Preisgeld verdient Meier, und obendrauf noch 500 fürs Knacken der 600-Kilo-Grenze.

Grosse Enttäuschung beim Niederwiler Kürbiszüchter Urs Schwegler? Keineswegs. Der nimmt die Sache locker. Nur dass er die 500-Kilo-Marke nicht ganz erreicht hat, wurmt ihn ein bisschen. Doch schon jetzt überlegt der Freiämter, welchen Samen er für den Kürbis im nächsten Jahr benutzen sollte.

Wir gehen indes nach Hause und träumen in den nächsten zwei Wochen garantiert jede Nacht von megagrossen Kürbissen.

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