Schlieren

«Der Platz braucht einen ‹Wow-Effekt›»

Zur Person: Der 64-jährige Lehrer ist im Schlieremer Stadtrat Ressortvorsteher Bau und Planung. Er ist seit 1998 Exekutivmitglied und gehört der SVP an. Bild: Jean-Claude Perrin im Stadtzentrum, wo der neue Stadtplatz gestaltet werden soll.

Jean-Claude Perrin

Zur Person: Der 64-jährige Lehrer ist im Schlieremer Stadtrat Ressortvorsteher Bau und Planung. Er ist seit 1998 Exekutivmitglied und gehört der SVP an. Bild: Jean-Claude Perrin im Stadtzentrum, wo der neue Stadtplatz gestaltet werden soll.

In Schlieren schiessen neue Wohnhäuser wie Pilze aus dem Boden. Dabei geht fast vergessen: Gleichzeitig entsteht ein neues Zentrum. Für die Planung des künftigen Zentrumsplatzes betritt Bauvorstand Jean-Claude Perrin ungewohntes Terrain: Die Bevölkerung darf mitgestalten.

Von Sidonia Küpfer

Herr Perrin, das neue Schlieremer Zentrum ist im Entstehen. Welche Hoffnungen knüpfen Sie daran?
Jean-Claude Perrin: Wir wollen eine erkennbare Mitte für Schlieren, die sich identitätsstiftend auswirkt. Wir wollen sagen können: «Das ist unsere Mitte, das sind wir.» So bekommt Schlieren endlich ein wahrnehmbares Gesicht. Das fehlte der Stadt bislang.

Weil Schlieren etwas Markantes fehlt?
Als Zentrum? Sicher ja. Es fehlt doch eine markante Räumlichkeit, die aussagt: «Da sind wir, hier ist das Herz von Schlieren.» Das ist der Grund, warum wir die Planungsarbeiten offen gestalten, denn dieser Stadtplatz soll die Öffentlichkeit repräsentieren, nicht die Exekutive. Es soll auch kein Denkmal irgendeiner Institution werden. Es geht um den Zentrumsplatz aller Schlieremer - und darum soll er unsere Situation, unsere Eigenart und unsere Geschichte spiegeln.

Sie haben es angesprochen: Die Planung ist offen gehalten, die Bürger können bei einem Workshop mitwirken und Vorschläge einbringen. Soll eine Vorstellung entstehen, was das Typische an Schlieren ist?
Es geht weniger um eine Definition von Schlieren, sondern um die Anforderungen, die an den neuen Platz gestellt werden, und um Bedürfnisse, die er erfüllen sollte. Da treffen ganz unterschiedliche Anliegen aufeinander. Für die einen soll der Platz schön sein, andere erhoffen sich Fussgänger- und Behindertentauglichkeit.

Im Vordergrund steht also die Funktion des Platzes und weniger die Ausstrahlung?
Ja, und das ist für seine künftige Nutzung und Gestaltung unumgänglich. Das neue Zentrum ist räumlich zweigeteilt. Jede Hälfte erfüllt ihre eigene Funktion. Da ist einmal der Stadtplatz: Seine Innenfläche ist ein Verkehrs- und Umsteigeort. Aussenherum aber besitzt er ein Einkaufs- und Flanierband. Die zweite Hälfte des Zentrums trägt bislang den Arbeitstitel «Chilbiplatz» und ist eher ein Kulturort: Ein «grüner» Platz, auf dem Märkte, Chilbi, Feste, Konzerte und Ähnliches stattfinden können. Der Kulturplatz entspräche der Stadtzürcher «Sächsilüütewiese», unser Stadtplatz dem Bellevueplatz. Über diesen wurde im ersten Workshop vertieft diskutiert. Bald aber waren sich die Teilnehmenden über etwas Weiteres einig: Der Platz braucht einen «Wow-Effekt», um wahrgenommen zu werden.

Was könnte ein «Wow-Effekt» sein?
Das müssen wir nächstes Mal angehen. Es ist noch völlig offen, ob dieser Effekt mit der Beleuchtung oder mit der «Möblierung» erzielt werden soll.

Wie kann der Platz für Schlieren zum Identitätsstifter werden?
Schlieren ist zwar Agglomeration und fast schon Zürich, aber eben doch eigenständig. Darum soll sich unser Stadtplatz gegenüber einem Farbhof und anderen Zürcher Plätzen abheben. Er soll anders sein, eben «schlierig». Unsere Geschichte war bis vor wenigen Jahrzehnten ländlich geprägt. Diese Traditionslinie darf man, im Zusammenspiel mit dem erwähnten Kulturplatz, bis ins Zentrum spüren.

Wie kam es zu dieser Form von Bürgermitwirkung?
Wenn ich als Ressortvorstand dereinst Stadtplatz-Anträge stelle, sollen sie mehrheitsfähig sein. Ich brauche für dieses Projekt ein paar Millionen Franken von den Steuerzahlern, deshalb sollen sie frühzeitig in den Prozess eingebunden werden. Ein grosser Rückhalt in der Bevölkerung schützt eher vor Rückschlägen und verspricht einen Mittel- und Zeitgewinn. Aus verkehrstechnischen Gründen müssen wir vorwärts machen - auf kantonaler Ebene ist die Verkehrsplanung für das Zentrum nämlich abgeschlossen.

Welche Rahmenbedingungen legt die Verkehrsplanung fest?
Der Platz wird einspurig umfahren, er ist viereckig und in der Diagonalen entsteht die Haltestelle für den öffentlichen Verkehr. Wir müssen jetzt die Weichstellen planen. Bei Baubeginn des Platzes müssen wir wissen, wie wir die Freiräume nutzen wollen. Damit das Projekt vorwärts- und ankommt, bieten wir diesen Workshop. Allfällige Friktionen und Widerstände werden so frühzeitig spür- und sichtbar.

Wer nimmt am Workshop teil?
Wir richteten unsere Einladung an politisch Verantwortliche, Behörden, Vereine, Gewerbe, Wirtschaft, Hauseigentümer, Behinderte, Eltern, Alters- und Jugendorganisation - einfach an alle, die in Schlieren wohnen.

Teilgenommen haben rund 45 Personen. Haben die Vorschläge für Sie verpflichtenden Charakter?
Natürlich nehmen wir diese Mitarbeit ernst. Wir können es uns nicht leisten, die Leute zu befragen, um dann doch etwas ganz anderes umzusetzen. Natürlich garantiert auch dieser Workshop keine Lösungen, die allen Meinungen gerecht werden, aber wir hoffen auf ein immerhin mehrheitsfähiges Resultat.

Sind die Teilnehmenden des ersten Workshops bei den folgenden beiden Terminen wieder dabei?
Ja, das war eine der Bedingungen, denn für diese Arbeit sind Vertiefung und Konstanz erforderlich. Bei wechselnden Teilnehmern müsste vieles wiederholt werden, und das wäre ineffizient.

Geht es Ihnen mit diesem Modell auch um geteilte Verantwortung? Die Einwohner dürfen mitdiskutieren, tragen dann aber auch ein Stück der Verantwortung, wenn es Ärger gibt?
Weshalb sollte es Ärger geben? Ich rechne eigentlich nicht damit. Und das Übernehmen von Verantwortung durch die Betroffenen gehört nun einmal zu den Spielregeln eines einvernehmlich und erfolgreich funktionierenden Gemeinwesens. Es gibt genügend anders gelagerte Situationen, wo meine klare Meinung und mein Durchsetzungswille verlangt ist.

Welche Ideen entsprangen in dieser ersten Sitzung für den Stadtplatz?
Es wäre verfehlt, zu diesem Zeitpunkt und an dieser Stelle über unausgegorene Details zu berichten. So viel darf ich sagen: Man möchte zum Beispiel eine Teilüberdeckung des Platzes, damit man je nach Witterung im Schatten oder im Trockenen stehen kann.

Was weiter?
In der Frage der Platzmöblierung neigt man eher zu Zurückhaltung, zu einem übersichtlichen Innenplatz mit eigenem Charakter und ebensolcher Ausstrahlung. Der Platz soll nicht speziell ausgerüstet sein für längeres Verweilen. Nicht ausgeschlossen ist Raum für wechselnde Objektausstellungen.

Gab es ausgefallene Ideen?
Dass ein «Wow-Effekt» her muss, darüber herrscht Einigkeit. Die Art des Effekts ist derzeit offen. Gut so, denn immerhin sind zwei weitere Workshops zu bewältigen.

Der so genannte «Chilbiplatz» war bei der ersten Sitzung nicht Teil der Diskussion.
Nein, und das bewusst. Wir wollten die Überlegungen zuerst auf den «Verkehrsplatz» ausrichten. Es ist aber angezeigt und unerlässlich, bei der weiteren, vertieften Diskussion über die Rollenverteilung zwischen Stadt- und Kulturplatz klare Vorstellungen und Einhelligkeit zu schaffen. Die nötige Zusatzinformation und die dazugehörende Diskussion sind Inhalt des nächsten Anlasses.

Welche Voraussetzungen bestehen für den «neuen Chilbiplatz»?
Bis jetzt steht die Grösse des Platzes fest. Und gemäss Siegerprojekt aus der Zentrumsplanung ist darauf eine Stadthalle vorgesehen. Wir werden den heutigen Chilbiplatz aufgeben müssen, weil dort später die Stadtbahn und die umgelegte Badenerstrasse durchführen werden. Bisherige Anlässe sollen auf dem neuen Kulturplatz durchgeführt werden. Eine neue Stadthalle könnte dann das verbindende Element zwischen Stadtpark mit Kulturplatz und dem eigentlichen Stadtplatz werden.

Die Namen für die beiden Plätze stehen noch gar nicht fest, oder?
Nein, «Stadtplatz» und «Chilbiplatz» - für mich Kulturplatz - sind bislang Arbeitstitel. Es macht erst dann Sinn, über Bezeichnungen von Arealen nachzudenken, wenn ihre Aufgabe und Funktion klar definiert sind.

Welcher Zeithorizont besteht?
Die Entwicklung des Kulturplatzes kann länger dauern, da ist zwischenzeitlich eine Übergangslösung zu erwägen. Beim Stadtplatz hingegen wird und muss es schnell vorwärtsgehen. Der Stadtplatz kann innerhalb der nächsten drei Jahre realisiert werden.

Was für ein Fazit ziehen Sie über den ersten Workshop?
Spontan? Den fand ich eindrücklich! In diesen knapp vier Stunden kam erstaunlich viel zustande. Die Ernsthaftigkeit und die Toleranz anderen Meinungen gegenüber haben mich gefreut. Das ist eben Schlieren: nicht nur Stadt - sondern ein grosses Dorf. Man ist sich, bei eigenem Dazutun, schon sehr bald vertraut. Ob Insider oder Aussenstehende - es gab keine Schranken.

Wäre dieses Workshop-Modell auf andere Projekte übertragbar?
Ich glaube, es ist wichtig den Finger am Puls der Bevölkerung zu halten. Ich kenne das Modell schon vom Verkehrsrichtplan her, wo ich ähnlich vorging. Auch beim neuen Stadtentwicklungskonzept holten wir zu Teilschritten Stellungnahmen ein. Seit kurzem wird auch zur Erarbeitung eines neuen Alterskonzeptes in ähnlicher Form verfahren. Ich erhoffe mir für alle noch laufenden Prozessen dieser Art Erfolg: Erfolg für die Betroffenen, Erfolg für die Stadt Schlieren.

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