Die Steuerschere öffnet sich immer weiter

Im Unterbaselbiet nimmt die Steuerkraft zu, im Oberbaselbiet hingegen geht sie zurück. Die Steuerkraft konzentriert sich zunehmend in wenigen Gemeinden. Der Kanton kann die Gründe nicht erklären. Das Ganze sei komplex, sagen Experten.

Drucken
Die Steuerschere öffnet sich immer weiter

Die Steuerschere öffnet sich immer weiter

Daniel Haller

Die Reichen werden reicher und mit den Armen gehts bergab. Die Zahlen der Finanzdirektion zur Entwicklung der Pro-Kopf-Steuerkraft der Gemeinden zeigen, dass diese immer mehr auseinanderklafft. Dabei konzentriert sich der Reichtum in Stadtnähe und in den Zentren: Im Bezirk Arlesheim nahm die Steuerkraft pro Kopf von 2008 auf 2009 um 4Prozent, im Bezirk Liestal um 2,8Prozent zu. In den anderen Bezirken sank die Steuerkraft – am stärksten im Bezirk Laufen (–4,9%).

Stadtnähe ist entscheidend

«Wir haben diese Tendenz bereits von 2007 auf 2008 festgestellt», berichtet Johann Christoffel, Leiter des Statistischen Amts. Um aber wirklich von einem Trend zu sprechen, müsse man die Entwicklung 2009/2010 abwarten. Christoffel weist darauf hin, dass auch bei den Agglomerationsgemeinden die Entwicklung nicht einheitlich sei.

Um die Steuerkraft zu berechnen, benutzt man für alle Gemeinden den gleichen Steuersatz. Damit hat man eine vom jeweiligen realen Steuersatz unabhängige Vergleichsgrösse.
Die Steuerkraft pro Kopf drückt den Reichtum der Bevölkerung aus. Spitzenreiter waren 2009 Bottmingen (4608 Franken pro Kopf) und Arlesheim (4251 Franken). 2008 spielte auch Nusshof in dieser Liga (4100 Franken), sank aber 2009 auf 3238 Franken ab.
Zu den Schlusslichtern zählen Häfelfingen (739 Franken), Roggenburg (885 Franken) und Bretzwil (899 Franken). Bottmingen als reichste Gemeinde hat somit pro Einwohner eine mehr als sechsfache Steuerkraft als Häfelfingen.
Bei den Bezirken ist die Differenz kleiner: Der Bezirk Arlesheim mit einer Steuerkraft pro Kopf von 2904 Franken ist nur fast doppelt so reich wie der Bezirk Waldenburg (1532 Franken). (dh)

Umgekehrt dürfte das Rekordwachstum der individuellen Steuerkraft in Pratteln (+18,1%) nicht zuletzt damit zusammenzuhängen, dass die steuersenkenden Verlustvorträge einer wichtigen Firma von 2008 auf 2009 weggefallen sind und diese nun Steuern bezahlt. Hätte aber Pratteln als Agglomerationsgemeinde nicht diesen Sprung hingelegt, wäre auch der Bezirk Liestal an Steuerkraft ärmer geworden, denn auch dort nahm sie in den ländlichen Gemeinden ab.

Agglo erbt Firmen aus der Stadt

Der Prattler Finanzverwalter Bernhard Stöcklin weist aber auch auf Firmenzuzüge hin: «In der Stadt werden beispielsweise für Logistikbetriebe Mieten und Grundstückspreise zu hoch. Sie ziehen deshalb in die Agglomeration.» Da in der Stadt Firmen mit höherer Wertschöpfung die entstehende Lücke füllen, sei dies sowohl für Basel als auch die Agglomerationsgemeinden ein Gewinn.

Dies würde zwar die Zunahme der Steuerkraft in den urbanen Gemeinden des Baselbiets erklären. Doch das Auseinanderklaffen, das die Finanzdirektion «mit einer gewissen Besorgnis» feststellt, bedeutet zugleich eine sinkende Steuerkraft in den Landgemeinden.

Firmen suchen Stadtnähe

Der Zahnimplantat-Hersteller Straumann ist eine der von Stöcklin erwähnten wertschöpfungsintensiven Firmen, die sich in der Stadt angesiedelt haben. Sie ist von Waldenburg weggezogen.

Ganz andere Beweggründe standen hinter dem Ikea-Umzug von Gelterkinden nach Pratteln. Nun weist Gelterkinden von 2008 auf 2009 bei den juristischen Personen einen Steuerrückgang um mehr als drei Viertel – und somit einen Steuerkraftverlust pro Kopf von rund einem Viertel – auf. Doch erklärt dies die sich öffnende Schere nicht: Insgesamt musste 2008/2009 bei den Firmen einzig der Bezirk Sissach einen Rückgang der Steuererträge hinnehmen.

Reiche suchen urbanes Leben

Somit drängt sich der Verdacht auf, dass die wohlhabendere Bevölkerung zunehmend ins Unterbaselbiet zieht. Dazu bietet jedoch niemand eine schlüssige Erklärung an. Walter Keller, stellvertretender Leiter der Abteilung Kantonsplanung, äussert die Vermutung, dass junge Familien in Einfamilienhäuser auf dem Land ziehen. Da sie in der Regel hohe Hypothekarschulden haben, seien sie eher schlechte Steuerzahler. Nachdem die Kinder ausgeflogen sind, suchen sie wieder Stadtnähe mit Zugang zu Kulturangeboten, zum öffentlichen Verkehr und Einkaufsmöglichkeiten. «Wohlhabende Pensionierte sind sehr angenehme Steuerzahler», bestätigt Markus Weder, Leiter der Muttenzer Abteilung Finanzen. Deshalb steigere der Bau von Eigentumswohnungen die Steuerkraft der Gemeinde.

Eher eine gegenteilige Tendenz vermutet Andreas Burckhardt, Direktor der Handelskammer beider Basel: «Die Erwerbstätigen, die es sich leisten können, ziehen in die Nähe der Arbeitsplätze. An der Peripherie bleiben Pensionierte und die landwirtschaftlich tätige Bevölkerung zurück.» Die Gründe für die zunehmende Konzentration der Steuerkraft in den Basler Vorortsgemeinden seien komplex und wären wohl nur durch eine wissenschaftliche Untersuchung wirklich zu ergründen.

Aktuelle Nachrichten