Ein «Vagabund» fand milde Richter

Die Anklage war massiv, der Strafantrag happig, doch der Angeklagte kam mit einem blauen Auge davon.

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Rosmarie Mehlin

Stefan und Gabi (Namen geändert) hatten sich 2003 in einer sozialtherapeutischen Institution kennen gelernt, waren ein Paar geworden und hatten sich 2005 getrennt. Als Zeugin wollte Gabi Stefan nicht begegnen, weshalb der Angeklagte den Saal vorübergehend verlassen musste.

Der 30-Jährige war verschiedenster Delikte angeklagt - eher leichtgewichtigen wie Diebstahl, Sachbeschädigung und Hausfriedensbruch, aber auch zwei schwerwiegenden, nämlich Brandstiftung und Vergewaltigung. Stefan, kräftig gebaut, mit grossen, schweren Händen, kleinem Bärtchen, Pferdeschwanz, ist manisch depressiv und zu 50 Prozent IV-Bezüger. Daneben arbeitet er temporär auf dem Handwerksberuf, den er gelernt hat.

Dass er mal ein Serviceportemonnaie geklaut, in der U-Haft die Zelle unter Wasser gesetzt, einem Polizisten «Schlötterlig» angehängt und Drogen konsumiert hat, gab Stefan zu. Und auch den Diebstahl von acht Flaschen Barolo im Wert von rund 320 Franken ab einem Lastwagen sowie von leeren Bierfässli, für die ein Spezi, der mit von der Partie war, später 1255 Franken Depot einlöste.

Der Vergewaltigung bezichtigt

Mit dem Feuer, das am 21. April 2008 auf einem Abstellgleis in Villmergen an einem Bahnwagen einen Schaden von 22 000 Franken verursacht hatte, wollte der Beschuldigte aber rein nichts zu tun gehabt haben. Ein ehemaliger Nachbar allerdings belastete Stefan: Der habe nicht nur erzählt, den Brand selbst gelegt zu haben, sondern ihm auch ein Logbuch mit Brandspuren geben wollen.

Ebenfalls letztes Jahr hatte Gabi Stefan wegen Vergewaltigung in den Jahren 2004 und 2005 angezeigt. Sie habe, sagte sie vor Gericht, sich nicht früher getraut. Ein neuer Therapeut - auch Gabi ist psychisch nicht gesund - habe ihr schliesslich Mut gemacht. Noch während sie und Stefan ein Paar waren, habe er zweimal den Geschlechtsverkehr vollzogen, obschon sie Nein gesagt und auch geweint habe. Nach der Trennung - Gabi hatte noch eine Zeit lang unter einem Dach mit Stefan, aber in einem separaten Zimmer gelebt - sei es innert dreier Wochen zu drei weiteren solchen Übergriffen gekommen. Gedroht oder Gewalt angewendet habe Stefan dabei zwar nicht direkt, aber sie habe sich von ihm unter Druck gesetzt gefühlt. Stefan bestritt. Weder unmittelbar bevor noch während er und Gabi Sex gehabt hätten, habe sie je Nein gesagt: «Zu Beginn war sie manchmal vielleicht nicht unbedingt sehr begeistert, aber sie hat dann immer auch Spass bekommen.»

Schuldig der Brandstiftung

Der Staatsanwalt beantragte eine Freiheitsstrafe von fünf Jahren, der Verteidiger 10 Monate bedingt. Sowohl die Brandstiftung als auch die Vergewaltigung könnten Stefan nicht rechtsgenüglich nachgewiesen werden, weshalb er in diesen Punkten freizusprechen sei.

Das Gericht sprach Stefan der Brandstiftung für schuldig: Die Aussagen des Belastungszeugen seien in allen Protokollen glaubhaft. Anders verhalte sich das mit den Aussagen von Gabi bezüglich der Vergewaltigung, von der Stefan freigesprochen wurde. Dies, so Peter Thurnherr richte sich auf keinen Fall gegen Gabi. Sie habe das Vorgehen von Stefan vermutlich als Vergewaltigung erlebt, «aber die Intensität, mit welcher der Beschuldigte vorging, genügt rechtlich gesehen nicht für eine Verurteilung». Zudem habe Gabi weder bei der Polizei noch vor Gericht Details beschrieben und sich teilweise widersprochen.

Nebst der Brandstiftung auch schuldig gesprochen in den allermeisten Nebenpunkten, kam Stefan mit 15 Monaten Freiheitsstrafe unbedingt glimpflich davon. Und da er bereits seit 91/2 Monaten in U-Haft sitzt, dürfte er schon bald wieder in Freiheit sein. Auf dem Weg dorthin gan ihm der Gerichtspräsident Stefan den Rat mit, sich doch auf seine Fähigkeiten zu konzentrieren und nicht mehr dauernd «Blödsinn» zu machen.

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