Raid Suisse
Einst wurde Brot im Fiat ausgeliefert

Die Oldtimer, die am Raid Suisse – Paris teilnehmen, haben schon viel durchgemacht, doch sie schweigen vornehm. Die bz hat vor der Rallye nicht unter die Kühlerhauben, sondern auf die Vergangenheit der teilnehmenden Wagen geblickt.

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Raid-Suisse-Teilnehmer
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Der Starke Giovanni Artemisio präsentiert stolz seinen Fiat 1200 Spider.
Der Krampfer Renato Fontana neben seinem grauen Fiat 1100.
Der Schöne Barbara Maienfisch (rechts) schwämt von ihrem Mercedes-Benz 280SL. Sie bestreitet den Raid zusammen mit Cornelia Buettler.

Raid-Suisse-Teilnehmer

bz Basellandschaftliche Zeitung

Andrea Mašek

Über 170 Oldtimer machten sich gestern Mittag auf die Fahrt nach Paris - beklatscht von hunderten von Zuschauerinnen und Zuschauern. Als erster ging der älteste Teilnehmer, ein American LaFrance aus dem Jahr 1917 auf die Reise. Das Schlusslicht bildete ein Porsche 911, grade mal 23-jährig.

Vorgängig konnten die Autofans die Oldtimer in den Hallen der Messe Basel von ganz nah bewundern und ablichten. Blitzblank poliert scheuten die Rallye-Teilnehmer das Blitzgewitter nicht. Ebensowenig die zehn 50-Jährigen, denen eine kleine Ausstellung gewidmet war. Sie alle hätten wahrscheinlich viel zu erzählen gewusst, doch wir beschränken uns auf vier Autolebensgeschichten.

Der Grosse

Er trägt nicht umsonst den Namen Big Six. Der Studebaker Commander hat einen Sechszylinder-Motor und mit 5798 ccm sehr viel Hubraum. «Deshalb ist er sehr leistungsfähig», sagt Besitzer Robert Schindler. Er berichtet, wie 1927, im Geburtsjahr seines Wagens, das Modell im 25 000-Meilen-Rennen durchschnittlich sensationelle 105 Stundenkilometer hinlegte. Sein Auto kam Anfang der 1980er Jahre aus Kalifornien nach Europa. Bevor es Schindler im Jahr 2005 kaufte, hatte es nur einen Besitzer, der es zwar nie eingelöst, aber mit der Restaurierung begonnen hatte. Das Verkaufs-Inserat entdeckte Schindler per Zufall im Internet. Optisch sei er in gutem Zustand gewesen, technisch aber eine Katastrophe. Trotzdem konnte der Fan von amerikanischen Oldtimern dem Studebaker nicht widerstehen. Beim ersten Raid liess ihn das Auto aber im Stich: Betriebsschaden nach dem Prolog. Dafür machte er letztes Jahr alles wett und den ersten Platz bei den Veteranen - trotz Pannen.

Der Starke

Am Raid Suisse - Paris trägt er die Nummer 83. Seine Ausgabenummer lautet 359. Der Fiat 1200 Spider war einer der ersten seines Modells, die ausgeliefert worden sind. Das war im Jahr 1959. Das konnte sein heutiger Besitzer Giovanni Artemisio in Erfahrung bringen, die vorherigen Besitzer sind ihm aber unbekannt. Er hat den Wagen vor zwölf Jahren an einer Oldtimermesse gekauft. Es war ein Geschenk an sich selbst, weil er über Jahre zurückgesteckt hat, für Frau, Familie und Haus, dem er seinen geliebten Lancia geopfert hatte. Der rote Fiat ist ihm sofort ins Auge gestochen, weil er dieselbe Farbe hat wie einst der Lancia. Auch der Preis lag im Rahmen, das Chassis sei gut gewesen, nur der Motor habe gar nicht gut getönt. Zum Verkäufer sagte Artemisio: «Ich habe 5000 Franken bar hier. Ich nehme das Auto und wenn ich zuhause ankomme, kriegst du weitere 5000.» Er hat es nie bereut: «Der Fiat ist sehr zuverlässig und erstaunlich stark für einen so kleinen Rasenmähermotor», lobt der Besitzer. Er fährt ihn aber nur ab und zu zum Spass.

Der Krampfer

Er hat noch den ersten Lack dran und auch innen ist alles noch original. Dem kleinen grauen Fiat 1100 sieht man an, dass er nicht nur ein gehegter und gepflegter Oldtimer, sondern stets ein ganz normaler Gebrauchtwagen war und ist, der zu seinen «Falten» stehen darf. Die Kotflügel zum Beispiel zeigen deutliche Altersspuren. Im Gegensatz zu den meisten anderen auf Hochglanz polierten Wagen hat der 70-Jährige eben einiges geleistet. 1947 kam der Italiener in die Schweiz, um im wahrsten des Wortes seine Brötchen zu verdienen. Sein erster Schweizer Besitzer war ein Restaurant- und Hotelinhaber aus dem Kanton Zürich. Er hat den Fiat vor allem zum Brotausliefern benutzt. Kaum sechs Jahre später verschwand der Wagen in einer Scheune, wo er bis 1993 blieb. Ein neuer Besitzer machte sich an die Wiederinstandstellung. Vor drei Jahren erwarb ihn Renato Fontana, ein Fiat-Liebhaber. Dass ein reiner Gebrauchtwagen überlebt und nicht auf dem Schrottplatz geendet hat, fasziniert ihn und er ist zu Recht stolz auf sein seltenes Modell.

Der Schöne

Der Mercedes-Benz 280SL ist eigentlich ein Männerauto, dennoch ist er jetzt fest in Frauenhand. «Er ist etwas anderes, als die anderen Mercedes, die doch irgendwie nur Statussymbole sind. Er ist alt, er ist ein Cabriolet und er hat eine wunderbare Bébé-Farbe», schwärmt Besitzerin Barbara Maienfisch (rechts). Sie absolviert den Raid mit Cornelia Buettler. Alt ist relativ, er hat Jahrgang 1970. Doch durch seine rauchblaue Farbe und die dazu passenden blauen Ledersitze sticht er aus der Menge hervor. Vor den Maienfischs hat der Wagen einem Arzt gehört, mehr weiss man nicht über seine Vergangenheit. Maienfischs Ehemann hat ihn eigentlich für sich erworben, weil er auf Mercedes abfährt. Seine Frau benützt ihn nun aber für Rallyes, wo er immer perfekt laufe. Das Auto starte selbst problemlos, wenn sie es ein Jahr stehen liessen, meint Barbara Maienfisch und schmunzelt: «Mit ihm habe ich am Raid auch schon meinen Mann stehen lassen.»

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