In eigener Sache

Er sah 18 Chefredaktoren kommen und gehen: Roman Seiler verlässt die az

Wirtschaftsjournalist Roman Seiler geht in Pension.

Wirtschaftsjournalist Roman Seiler geht in Pension.

Wirtschaftsredaktor Roman Seiler wird pensioniert. Er blickt auf 40 Jahre Journalismus zurück – manchmal kam ihm sein Job vor wie Ferien.

«So viel kostet Sie Ihr Krankenkassen-Chef»: Berichte wie dieser, der vergangene Woche ganzseitig in der az erschien, mögen die Manager nicht unbedingt. Aber die Leser umso mehr: Die Wirtschaftswelt aus der Perspektive der Konsumenten zu beleuchten, das kann Roman Seiler meisterhaft. Doch dazu braucht es Dossierfestigkeit – Seiler befasst sich seit dem Krankenversicherungsgesetz (KVG) von 1996 mit dieser Branche –, und dazu braucht es die Leidenschaft, immer wieder das Neue zu suchen. Das Neue fand Seiler in den Geschäftsberichten der Krankenkassen, die die Entschädigung der Chefs erstmals ausweisen mussten. Akribisch wertete er 32 Geschäftsberichte aus.

Roman Seiler kann rechnen – wohl darum hat er sich entschieden, ein Jahr vor dem 65. Geburtstag in Pension zu gehen. Am Feuer jedenfalls kanns nicht liegen, das lodert wie eh und je. «Wir Journalisten haben einen sensationellen Job: Wir finden immer wieder neue Themen, können uns in alles einlesen, sind ständig am Lernen», bilanziert Seiler, der auf eine 40-jährige Karriere zurückblicken kann. Was hat er am liebsten gemacht? «Draussen, vor Ort, zu recherchieren. Das war für mich fast wie Ferien.»

Seilers Laufbahn in Kurzform: 1974 Wirtschaftsmatura, drei Jahre Geschichtsstudium, dann Einstieg in den Journalismus bei einer Agentur, 1982 Redaktor beim TV-Magazin «Tele» und 1987 in der Start-Mannschaft der neu gegründeten «SonntagsZeitung». Später ging er zu Ringier, wo er für «Cash» und «SonntagsBlick» tätig war. Dann, Ende 50, wechselte er vom Wochenzeitungs- ins Tageszeitungsgeschäft, von Zürich nach Aarau: Er wurde az-Wirtschaftsredaktor. «Wieder etwas Neues – es hat enorm Spass gemacht», blickt Seiler zurück. Hier wechselten die Chefredaktoren auch nicht mehr so oft wie bei Ringier. Seiler rechnet vor: 18 Chefredaktoren hat er insgesamt erlebt. Er kann sie alle chronologisch aufzählen.

Recherchen und Online-Ticker

Auf seiner letzten journalistischen Station wurde Seiler auch zum Online-Journalisten: Mit ebenso viel Leidenschaft wie für Print schrieb er Live-Ticker vom WEF in Davos oder postete er Video-Kommentare über die seiner Meinung nach überrissenen Chef-Saläre bei der CS.

Video-Kommentar zum CS-Lohnentscheid von Wirtschafts-Redaktor Roman Seiler.

Der Video-Kommentar zum CS-Lohnentscheid von Wirtschafts-Redaktor Roman Seiler.

Andere haben vor den neuen Techniken Angst; Seiler machen sie Spass. Am meisten Spass aber hat er an guten Geschichten. Legendär ist seine Undercover-Recherche in der Sekte von Uriella: «Ich war Uriellas Jünger», lautete die Schlagzeile. Zwei Monate lang hielt er sich verdeckt in der Gemeinschaft auf. Die aufwendigste Wirtschaftsgeschichte, die Seiler recherchierte, handelte vom Konkursfall Rolf Erb. Und auch über Rainer E. Gut publizierte er das, was heute wohl als «Monsterrecherche» bezeichnet würde.

Für die Pensionierung ist Seiler gut vorbereitet: Sein Pensum hat er bereits reduziert, er spielt Tennis, fährt Velo – und mag gutes Essen. Da kommt ihm die Leidenschaft seiner Frau zupass, die in der Gastronomie tätig ist. Das Schreiben wird er aber auch nach seiner Pensionierung nicht aufgeben, Seiler arbeitet ab Herbst in reduziertem Umfang als freier Journalist weiter und bleibt somit auch den az-Lesern erhalten. Wir danken – und wünschen weiterhin viel Leidenschaft!

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