Freiwillig leiden am Pik Lenin

Vorfreude, Ehrgeiz und Respekt vor Sauerstoffmangel und eisiger Kälte: Das ist der Gefühls-Cocktail der 40 Schweizer Bergsteiger, welche am 25. Juli mit der Aargauer Forschungsexpedition nach Kirgistan fliegen. Das Training fordert Disziplin – den Gipfel erreichen kaum alle.

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Aargauer Zeitung

Tommy Dätwyler

Die seit 1991 unabhängige Republik Kirgistan gilt als die «Schweiz von Zentralasien». Für die Schönheiten des 7500 Kilometer entfernten Landes werden die 40 Mitglieder der grossen Forschungsexpedition aber nur bedingt Augen haben. Im Zentrum der alpinistischen Reise steht ein ehrgeiziges Medizin-Projekt: Mit regelmässigen Untersuchungen und aufwändigen Stoffwechseltests am Berg wollen Prof. Andreas Huber (Ärztlicher Direktor Kantonsspital Aarau) und Jacqueline Pichler (Spital Langenthal) herausfinden, ob die bei Bergsteigern gefürchtete Höhenkrankheit mit einem Vitamin-Cocktail therapiert und die Akklimatisation an grosse Höhen mit Antioxidantien begünstigt werden kann. Um an die nötigen Daten zu kommen, haben die in zwei Gruppen aufgeteilten Testpersonen auf ihrer dreieinhalb Wochen dauernden Bergtour täglich Tabletten zu schlucken. Keine der Testpersonen weiss, ob es sich bei den Pillen um einen Vitamin-Cocktail oder um wirkungslose Placebo-Tabletten handelt.

Beim Aufstieg regelmässig genommene Blutproben sollen zeigen, welche Wirkung die Vitamine in grosser Höhe auf den Stoffwechsel haben. Gemäss Jacqueline Pichler werden die «Blutspenden» der Probanden kaum Auswirkungen auf ihre Leistungsfähigkeit haben. Für die Forscher allerdings sind die Blutentnahmen im Freien unter schwierigsten Bedingungen eine grosse Herausforderung.

Viel Material im ewigen Eis

Nach eineinhalb Jahren Vorbereitung wird die Aargauer Expedition am 25. Juli nach einer «Blutspende» auf dem Flughafen Zürich von Zürich aus Richtung Kirgistan abfliegen. Mit im Gepäck Tonnen von Material. Neben der persönlichen Ausrüstung muss auch ein umfangreiches technisches Equipment ins Altai-Gebirge gebracht werden. Dazu gehören Dutzende von Zelten und Isolationsmatten, Tiefkühler für die Blutproben, Kommunikationsmittel (Funkgeräte, Computer, Satellitensender und -empfänger), Solarpanels und Generatoren für die Stromversorgung sowie Verpflegung und eine umfassende alpinistische Ausrüstung (Klettergurten, Seile, Steigeisen, Pickel usw.). Mit im Gepäck benötigen die Bergsteiger neben der Leistungsbereitschaft auch Geduld, Flexibilität und Humor. (yr)

www.swiss-exped.ch

Wenig Sauerstoff und grosse Kälte

Die über dreissig Bergsteigerinnen und Bergsteiger sind sich einig: Es ist mehr als die Lust, einen der bekanntesten 7000er zu bezwingen. Es ist das Interesse am eigenen Körper und die Freude, sich für ein spannendes Projekt zu engagieren und sich für einmal im Auftrag der Wissenschaft zu überwinden und am Berg zu kämpfen. Der technische Expeditionsleiter Kari Kobler warnt davor, den als «wenig schwierig» geltenden Pik Lenin zu unterschätzen. «Bereits eine kleine Wunde oder eine Magenverstimmung kann jeden von uns den Gipfel kosten.» Sauerstoffmangel und Temperaturen von bis zu minus 30 Grad werden dazu beitragen. Der erfahrene Expeditionsleiter Urs Hefti betont, dass für einmal nicht der Gipfel-Erfolg, sondern die Forschung im Zentrum steht. Trotzdem möchte Hefti zusammen mit seinen Bergführern möglichst viele Probanden auf den Gipfel führen. Es werde harte Arbeit und für viele eine Grenzerfahrung sein.

Vorbereitung im Lötschental

Am Wochenende haben sich die Expeditionsmitglieder auf der Anenhütte zuhinterst im Walliser Lötschental ein letztes Mal getroffen. Was gehört ins Gepäck, das nicht schwerer als 32 Kilogramm schwer sein darf? Wie muss das medizinische Tagebuch geführt werden? Wie schützt man sich am besten gegen Kälte, Wind und Sonne? Wie ernährt man sich am besten? Wie schläft man auf 6000 Meter Höhe in einem eisigen Biwak und was ist zu tun, wenn am Berg etwas schiefgeht. Diese und Dutzende von anderen Fragen wurden im Wallis geklärt, Unsicherheiten aus dem Weg geräumt. Auch das Thema «Doping» wurde angesprochen. Die Bergsteiger dürfen keine leistungsfördernden Mittel zu sich nehmen - jeder Betrug käme bei der Blutanalyse schonungslos ans Tageslicht. Bereits vor einem Monat hatten die Testpersonen im Kantonsspital Aarau zu einem Fitness- und Gesundheitstest anzutreten. Noch haben die «Versuchskaninchen» sechs Wochen Zeit, allfällige Trainingsdefizite aufzuholen und sich auf die Strapazen am Berg vorzubereiten.

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