Chihuahua
Grosse Liebe – kleiner Hund

Modetrends gibts auch in der Tierwelt. Einst treuer Begleiter von alten Damen, wird der Schosshund immer beliebter. Auch fernab von roten Teppichen.

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Hund mit Queen
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Schosshündchen
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Schosshündchen
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Grosse Liebe – kleiner Hund Rocco poses in the Leo tux, inspired by one worn by actor Leonardo DiCaprio to the Oscars, at Little Lily in Los Angeles, California February 18, 2008. REUTERS/Phil McCarten (UNITED STATES) BEST QUALITY AVAILABLE

Grosse Liebe – kleiner Hund

Annette Wirthlin

In Zeiten hitzig geführter Debatten um Kampfhunde provozieren Schosshündchen keine grossen Schlagzeilen. Höchste Zeit also, dass einmal über diejenigen Vierbeiner berichtet wird, die oft als «frisierte Meerschweinchen» belächelt werden, die nur dümmlich-treuherzig über den Handtaschenrand ihrer Frauchen blicken und höchstens durch ein heiseres Kläffen auffallen, wenn man ihnen auf die delikaten Pfötchen getreten ist.

Etwas von dieser Abschätzigkeit kommt schon in ihrer offiziellen Bezeichnung als «Gesellschaftshunde» zum Ausdruck: Denn Chihuahua, Zwergpudel, Jack Russell Terrier, Mops und Co. haben – ganz im Gegensatz zum Jagd-, Wasser-, Blut- oder Schweisshund – keinen Zweck, ausser jemandem Gesellschaft zu leisten.

Auch die Verwendung des Begriffs im Zusammenhang mit farblosen Politikern beschert dem Schosshund einen schlechten Ruf. Doch das hat er eigentlich nicht verdient. Gerade Pudel sollen nämlich besonders intelligente Tiere sein. Und weil kleine Hunde den Jöö-Effekt sozusagen auf Knopfdruck auslösen, sind sie als Werbeträger aller Art – nicht nur für WC-Papier – unschlagbar.

Neue Handtasche für Stars und Starlets

In Hollywood weiss man schon längst, dass kleine Hündchen sich nicht nur als Wegbegleiter alter, einsamer Frauen eignen. Hotelerbinnen und andere Sternchen am Promi-Himmel halten heute bevorzugt einen Schosshund als Handtaschenersatz – je winziger und haarloser, desto besser. Doch auch als Haustier von Normalsterblichen hierzulande erleben kleine Hunde ab Schulterhöhe 45 Zentimeter und maximal 15 Kilogramm Gewicht zurzeit ein Revival.

Das bestätigt die Statistik der schweizerischen Hundedatenbank Anis, die jeden Hund im Land registriert. «Im Jahr 2009 wurden 5,3 Prozent mehr Hunde des Rassetyps ‹klein› registriert als im Vorjahr», sagt Denise Delley, Geschäftsführerin bei Anis. Die Registrierungen für alle anderen Rassetypen – gross, mittel und riesig – gingen hingegen um bis zu 14,8 Prozent zurück. Dieser Trend sei nun erstmals auch in ländlichen Gebieten zu beobachten, nachdem man ihn in den Städten bereits vor ein paar Jahren ausmachen konnte, sagt Delley.

Kleine bald ganz gross

Die in der Schweiz beliebteste und häufigste Hunderasse ist bis heute der Labrador. Das dürfte sich aber bald ändern. Denn im Vorjahr wurden fast 10 Prozent weniger Labradore registriert; ausserdem sind ihm Chihuahua, Yorkshire Terrier und Jack Russell Terrier dicht auf den Fersen. «Die Anzahl neu angeschaffter Chihuahuas hat in der gleichen Zeitspanne von 1646 auf 2218 zugenommen – das sind annähernd 35 Prozent», weiss Denise Delley. Der Modehund par excellence ist somit innert eines Jahres von Platz sieben auf Platz zwei der Rangliste der am häufigsten registrierten Hunderassen vorgerückt.

Dass Paris Hilton und ihr Chihuahua Tinkerbell an diesem explosionsartigen Anstieg nicht ganz unschuldig sind, liegt auf der Hand. Doch auch weniger glamouröse Einflussfaktoren wie die Schweizer Gesetzgebung bestimmen den aktuellen Schosshunde-Trend. Weil nämlich Genf das schärfste Hundegesetz kennt und manche Hunderassen gänzlich verboten sind, sind dort viele Hundehalter auf andere Rassen «umgestiegen». Der Anteil neu registrierter kleiner Hunde liegt in Genf mit 63 Prozent besonders hoch. Am anderen Ende der Skala liegt – mit nur 31 Prozent kleinen Hunden – der Kanton Bern, weil es dort noch keinerlei Restriktionen gibt.

«Ein kleiner Hund ist passender für meinen Sohn»

Gesetz hin oder her: Wer heute mit einem grossen Hund spazieren geht, der nur annähernd an einen Kampfhund erinnert, muss sich nicht selten von verängstigten Passanten und anderen Hundehaltern gehässige Sprüche anhören. Viele entscheiden sich nur schon aus diesem Grund dafür, einen kleineren Hund zu halten.

So etwa Carmen Sanchez aus Emmenbrücke. «Früher wechselten die Leute manchmal die Strassenseite, wenn ich ihnen mit meinem Rottweiler entgegenkam», erzählt die Detailhandelsangestellte, während der kleine Yorkshire Terrier Nemo aufgeregt an ihrem Bein hochspringt. «Ein kleinerer Hund ist auch passender für meinen Sohn, und er ist auch nicht ganz so aufwändig wie ein grosser.» Ähnlich erging es Melanie Gehringer aus Inwil, die heute mit ihrem zwirbeligen weissen Malteser namens Amy ganz glücklich ist. Von ihrem früheren grossen und aggressiveren Hund hatte sie sich oftmals überfordert gefühlt. Amy, die nur 2,3 Kilogramm wiegt, kann überallhin mitgenommen werden, wenn nötig in der Handtasche.

Neben Amy und Nemo verschönert die Hundecoiffeuse Susanne Matt in Emmenbrücke auch immer mehr andere kleine Hunde. Waren es früher noch hauptsächlich Pudel, sind es heute zunehmend auch Französische Bulldoggen, Chihuahuas, Yorkshire Terrier, Möpse, Malteser, Shih Tzu oder West Island White Terrier.

Neue Trends aus der Promi-Welt zeigen sich sofort in Susi’s Hundesalon. «Meine damalige Lehrmeisterin hat zeitlebens keinen Portugiesischen Wasserhund behandelt», erzählt Susanne Matt. «Weil Präsident Obama seinen Töchtern einen solchen geschenkt hat, habe ich heute urplötzlich zehn davon – oder zumindest Lagottos, eine besser erhältlich Rasse, die jener sehr ähnlich sieht.»

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