Öl
Investoren machen sich Sorgen um BP

BP kämpft seit sieben Wochen gegen das ausfliessende Öl im Golf von Mexiko. Börse und Behörden reagieren nervös.

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Renzo Ruf, Washington

Mit zunehmender Nervosität verfolgen die Investoren, wie BP gegen die Ölpest im Golf von Mexiko ankämpft. Am Dienstag, als die New Yorker Börse nach einem langen Feiertagswochenende ihre Arbeit wieder aufnahm, stürzte die Aktie des britischen Multis um fast 15 Prozent ab. Aufgeschreckt wurden die Händler von neuerlichen Schreckensmeldungen über das Ausmass des Ölteppichs an der Küste der US-Bundesstaaten Louisiana, Alabama, Mississippi und Florida. Bereits jetzt gilt das Unglück als grösste Umweltkatastrophe in der Geschichte Amerikas; und noch immer strömt das Öl fast ungehindert aus dem Bohrloch der explodierten Plattform «Deepwater Horizon» aus. Der vierte Versuch, eines der Löcher zu stopfen, stockte gestern wegen technischer Probleme.

Bewohner des Mississippi-Deltas berichten von Ölfunden in den weitverzweigten Bayous, den Flussarmen des gewaltigen Stromes. Die Fachleute werden immer pessimistischer, wenn sie von den nicht wiedergutzumachenden Schäden für Flora und Fauna der Feuchtgebiete im Süden Louisianas sprechen. «Wir befürchten, dass Tierarten wie der Braunpelikan, die vor Kurzem vor dem Aussterben gerettet wurden, nun erneut ums Überleben kämpfen», sagt der Biologe Michael Blum von der Tulane University in New Orleans.

Es droht ein Investions-Stopp

Analysten der Credit Suisse prognostizieren mittlerweile, dass BP auf einer Rechnung von bis zu 37 Milliarden Dollar sitzen bleiben wird - 23 Milliarden Dollar davon für Aufräum- und Putzarbeiten. Das ist selbst für eine Geldmaschine wie BP (Jahresgewinn 2009: 16,6 Milliarden Dollar) eine Stange Geld. Theoretisch bedeutet dies, dass der Ölmulti während der nächsten drei Jahre keine Dividende ausschütten und Investitionen tätigen könnte.

Ausserdem, und dies bereitet den Investoren wohl die grössten Kopfschmerzen, droht ein jahrelanger Rechtsstreit mit Tausenden unberechenbaren Klagen. Bei der Havarie des Öltankers Exxon Valdez hat der oberste US-Gerichtshof das letzte Wort im Rechtsstreit um die Ausgleichszahlungen im Jahr 2008, fast zwanzig Jahre nach der Umweltkatastrophe im kanadischen Prince William Sound, gesprochen.

Gemäss dem nationalen Krisenstab sind 31 000 Forderungen gegen BP eingereicht worden; bereits hat BP über 39 Millionen Dollar an die geschädigte Lokalbevölkerung des Südens ausbezahlt, vor allem an arbeitslose Fischer. Hinzu kommt, dass das Justizministerium am Dienstag offiziell bestätigte, dass eine Voruntersuchung gegen den Ölmulti läuft.

Das bedeutet: Die Ankläger der Regierung prüfen, ob im Zuge der Explosion der Bohrplattform am 20. April das Straf- oder das Zivilrecht verletzt wurden. Politbeobachter zeigten sich wenig überrascht über die Klagedrohung. Sie weisen darauf hin, dass es eigentlich keine Zweifel über Gesetzesbrüche gebe: «Wer Öl in den Golf von Mexiko fliessen lässt, der verletzt Umweltschutz- und Artenschutzgesetze. Das ist doch glasklar», sagte ein Washingtoner Insider.