Breaking the Silence
Israelische Soldaten beichten Gräueltaten

Die Menschenrechtsorganisation «Breaking the Silence» sammelte Geschichten von israelischen Kriegsverbrechen und veröffentlichte diese. Seitdem stehen die Organisatoren der Gräueltaten wie auch die ehemaligen israelischen Soldaten selbst in ihrer Heimat unter Beschuss.

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Gaza-Krieg

Gaza-Krieg

Matthias B. Krause, Berlin

Die Gaza-Offensive der israelischen Armee gegen die Hamas Ende 2008 ist vielleicht fünf, sechs Tage alt. Es ist Nacht, es ist ruhig, die Soldaten halten ihre Stellung irgendwo im Feindesland. Plötzlich kommt Hektik auf. Jemand hat einen Lichtschein entdeckt. Ein alter Mann kommt auf sie zu. Er hat ein weisses Hemd an und eine Taschenlampe in der Hand. Ein Terrorist? Ein Selbstmordattentäter? Ein Spion der Hamas?

Der Kommandant schickt Scharfschützen in Stellung. Noch 150 Meter. Die Soldaten sind sich jetzt sicher, dass der Mann keine Waffe hat. Sie möchten Warnschüsse abgeben. Der Befehlshaber verweigert. «Der Alte sah aus wie einer, der nach einer Unterkunft oder nach Essen sucht», erinnert sich ein Soldat später an die Szene. Noch 70 Meter. Wieder wollen die Soldaten Warnschüsse abgeben. Wieder verweigert der Kommandant sie ihnen. Sollte der Mann einen Gürtel mit Sprengstoff unter seinem Hemd tragen, könnte er alle in die Luft jagen, wenn er noch näher kommt. Noch 25 Meter. Einer der Scharfschützen drückt ab, dann feuern seine Kollegen. Der Mann schreit, sinkt getroffen zu Boden, stirbt. Der Kommandant sagt: «Die Nacht ist eröffnet.» Am nächsten Morgen schicken sie einen Bombenspürhund zur Leiche. Doch der alte Mann trug nichts anderes als sein weisses Hemd und eine Taschenlampe.

Als Nestbeschmutzer beschimpft

Diese und andere Geschichten von israelischen Soldaten, die Phosphor-Bomben in Wohngebiete feuerten, die Zivilisten als Schutzschilde missbrauchten und eine Spur der Zerstörung hinterliessen, hat die Menschenrechtsorganisation «Breaking the Silence» gesammelt und im letzten Sommer veröffentlicht. Seitdem stehen deren Organisatoren, allesamt selbst ehemalige Soldaten der israelischen Armee, in ihrer Heimat unter Beschuss. Sie werden als Verräter und als Nestbeschmutzer beschimpft. Ganz wie einst der US-Kriegsveteran John Kerry, der vor dem amerikanischen Kongress über die Gräueltaten der GI in Vietnam Zeugnis ablegte. Oder wie die Iraq Veterans Against the War, die in den USA die Diskussion über den Sinn des jüngsten Irak-Einsatzes massgeblich befeuerten.
«Breaking The Silence» kommt im Prinzip zu denselben Erkenntnissen wie Richard Goldstone. Der südafrikanische Richter schlussfolgert in seinem für die UNO verfassten Bericht, dass im Gaza-Krieg beide Seite Kriegsverbrechen begangen hätten. Als Konsequenz fordert er sowohl die Palästinenser als auch die Israeli auf, unabhängige Untersuchungen einzuleiten. Das EU-Parlament verabschiedete zudem letzte Woche eine Resolution, die beide Seiten zur Aufklärung auffordert.
Die israelische Regierung beschwerte sich prompt, sie werde dadurch mit der Terror-Organisation Hamas in einen Topf geworfen. Doch für «Breaking The Silence»-Mitbegründer Yehuda Shaul, der hinter den Kulissen Lobbyarbeit bei den Abgeordneten leistete, war die Entscheidung der EU ein kleiner Sieg. Er will, dass die israelische Gesellschaft endlich anfängt, sich mit dem auseinanderzusetzen, was in ihrem Namen in den besetzten Gebieten geschieht. Erst dann wäre das Schweigen wirklich gebrochen.

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