Micheline Calmy-Rey: Nicht ohne meine Handtasche!

Es ist bekannt: Die Vorliebe unserer Aussenministerin für praktische XXL-Taschen. Egal, auf welchen globalen Pfaden Micheline Calmy-Rey gerade wandelt- derzeit ist es Zentralasien - , eine ist immer dabei: ihr grosses, rotes Survival-Pack. Was manche Image-Berater in Rage bringt, uns Frauen aber zu verständnisvollen Seufzern hinreisst. Gedanken zum wichtigsten Accessoire einer Frau.

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Micheline Calmy-Rey und die Taschen

Micheline Calmy-Rey und die Taschen

Keystone

Claudia Landolt Starck

Gewiss, grosse Taschen sind praktisch, und für die moderne Frau so etwas wie ein Survival-Pack im Alltag. Dennoch: Gefüllt sind die Taschen der aktuellen Saison so schwer, dass man einen kräftigen Mann braucht, der sie für einen trägt. Damit wäre der Ur-Sinn einer Tasche -nämlich Freiheit - wohl endgültig pervertiert.

Die Handtasche ist der perfekte Begleiter einer Frau, und so etwas wie deren Visitenkarte, sagt die deutsche Designerin Jette Joop. Die richtige zu finden kann aber mitunter ebenso zermürbend sein wie die Suche nach dem berühmten richtigen Mann. Nicht von ungefähr kauft sich Carrie Bradshaw, die Serienheldin aus «Sex and the City» bei Liebeskummer stets Handtasche, Schuhe und einen hochprozentigen Drink - in dieser Reihenfolge. Ästhetik oder Nutzen spielen dabei eine zweitrangige Rolle. Die britische Forscherin Jane Sadler vom Baylor Medical Center in Garland hat sogar herausgefunden, dass die durchschnittliche Frauentasche bis zu fünf Kilo pro Stück auf die Waage bringt, und damit ihren Trägerinnen Nacken- und Schulterschmerzen verursachen können.

Im Würgegriff der Handtasche

Wie kommt es nun aber dazu, dass sich die meisten weiblichen Wesen ohne eine Tasche unvollständig fühlen? Und ihr halbes Leben damit verbringen, jede Saison eine neue, angeblich noch angesagtere Tasche dazuzukaufen?

Schuld daran ist unter anderem dem Marketingdampfer der grossen Designer. Diese hauen Taschenmodellle wie Massenware raus, nicht etwa aus Liebe zum Produkt, sondern weil ihre Konzerne das Geld nicht mit Mode, sondern mit Accessoires machen. Und nicht wenige Häuser verschicken haufenweise Gratisexemplare an Modereakteurinnen, die die jeweiligen «It-Bags» so lange hypen, bis sogar unschuldige Männer darauf hineinfallen und sich plötzlich aus Versehen ein Hemd kaufen, «Bodega» lesend, wo «Bottega» steht. (Bottega Veneta ist ein italienisches Label, deren Taschen betont schlicht sind. Dafür bezahlt man dann mindestens 1500 Franken, durchschnittlich.) Denn irgendwann wurde uns Frauen eine Mär eingeimpft, an der wir beharrlich festhalten. Sie lautet: Trage die richtige Tasche, und der sie umgebende Nimbus wird dich in den Himmel der erlauchten Gesellschaft hieven.

Eine Ausnahme ist Carine Roitfeld, die Chefredakteurin der französischen Vogue, so etwas wie die Stilbibel der Modewelt. Sie tat schon vor vier Jahren in einem Interview mit dem britischen «Daily Telegraph» ihre Befreiung vom Taschen-Joch kund: «Ich habe», sagte sie, »meine Hände immer noch lieber in den Hosentaschen, als damit eine Tasche zu halten. Alles, worum es heute geht, ist Taschen, Taschen, Taschen verkaufen. Ich hasse Taschen.»

Nun gut, Carien Roitfeld verfügt als umworbene Modekönigin auch über die entsprechende Entourage, und muss in ihrem besten Stück nicht das mobile Kinderzimmer oder das halbe Büro mit sich rumschleppen. Um auf unsere Aussenministerin zurückkommen und die Worte jenes Stilexperten wiederzugeben, der sich unlängst in der genannten Boulevardzeitung über Calmy-Reys Taschen-Missgriff ereifert hat: sie habe die vier Verträge, die der russische Präsident Dmitri Medwedew bei seinem Besuch in der Schweiz unterschrieben habe, in den Untiefen der XXL-Tasche verstaut.

Wie symbiotisch die Beziehung zu einer Tasche schliesslich sein kann, hat Alfred Hitchcock 1954 bereits in seinem Film «Das Fenster zum Hof» gezeigt. Darin entdeckt Grace Kelly das finale Indiz für die Ermordung der Nachbarin, als sie merkt, dass deren Handtasche seit Tagen am Bettpfosten in der Wohnung hängt. Sie kommt zum Schluss, dass eine Frau nie ohne das geliebte Stück die Wohnung verlassen würde. Denn, so Kellys These: Nur der Tod kann eine Frau von ihrer Lieblingstasche trennen.

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