Gehörlosenpfarramt
«Nicht taubstumm, taubsprechend»

Vor 100 Jahren stellte der Kirchenrat dem Zürcher Regierungsrat den Antrag, ein Gehörlosenpfarramt zu schaffen. Gehörlose wurden damals als «Taubstumme» bezeichnet und ein Pfarrer hatte Verständnis «für die Sterilisation nach deutschem Vorbild.»

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Gehörlose

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Limmattaler Zeitung

Andrea Trueb

Maul- und Klauenseuche, Eisenbahnstreik, Kohlenmangel und zwei Weltkriege hat das reformierte Gehörlosenpfarramt Zürich überstanden - am kommenden Wochenende feiert es seinen 100. Geburtstag. «Damals bezeichnete man gehörlose Menschen als «taubstumm» und schloss die Betroffenen aus vielen Lebensbereichen aus», erzählt Ulrich Bosshard, Leiter Diakonie und Seelsorge und zuständig für das Gehörlosenpfarramt.

Die Gebärdensprache sei als «Affensprache» verpönt gewesen und den betroffenen Gehörlosen sei kein anderer Weg offen gestanden, als sich der Norm - also den hörenden Menschen und ihrer Art zu Kommunizieren - anzupassen.

Kinder anderswo versorgt

Eine Chronik des Historikers Michael Gebhard, die zeitig zum Jubiläum vom Theologischen Verlag Zürich herausgebracht wird («Mit den Augen hören»), zeigt eindrücklich, dass sich sogar die Gehörlosenpfarrer mit dem Recht der Gehörlosen und Hörbehinderten auf Gleichberechtigung schwer taten. So äusserte sich Pfarrer Jakob Stutz 1936 im Jahresbericht zuhanden des Kirchenrats: «Für das taubstumme Ehepaar wäre es besser gewesen, keine Kinder zu haben.

Der Mann ist oft arbeitslos und die Frau, auch taubstumm, versteht es zu wenig, Kinder zu erziehen. Wäre nicht das Jugendamt eingeschritten und hätten die beiden Kinder zeitweilig anderswo versorgt, sie wären kaum mehr am Leben.» Abschliessend hält Stutz dann noch fest, dass es ihm nicht zu verargen sei, wenn er in Anbetracht dieser Schwierigkeiten «für die Sterilisation nach deutschem Muster allerlei Verständnis» habe.

Hundert Jahre später zeichnet Bosshard glücklicherweise ein anderes Bild. Und auch die im Buch enthaltenden neun Porträts von Menschen in der Gehörlosengemeinde (Veronika Kuhn und Matthias Müller Kuhn) erzählen zwar auch von Herausforderungen und schwierigen Momenten, gleichzeitig aber von einer gehörigen Portion Lebensfreude und Mut.

So zum Beispiel Edwin Zollinger, der neun Mal einen Sechstausender-Gipfel bestieg. Der Bergsteiger erzählt, dass er als Gehörloser immer zwischen zwei Hörenden gehe, was die Kommunikation in schwierigen Situationen erleichtere. Dennoch brauche es viel Vertrauen in den anderen, so Zollinger.

100-Jahr-Jubiläum

Festgottesdienst, 13. September 2009, 14 Uhr in der reformierte Kirche Oerlikon; anschliessend Buch- und Bildvernissage im benachbarten Gehörlosenzentrum (liz)

Oder Heather Schmidli, die in Kinderjahren als stur galt, weil lange Zeit nicht bemerkt wurde, dass sie nach einer vermeintlich harmlosen Kinderkrankheit ihr Gehör beinahe vollständig verloren hatte. Schmidli arbeitet heute als Juristin in einer Grossbank und wundert sich darüber, wie leichtgläubig hörende Menschen sein können, «weil sie sich zu sehr aufs gesprochene Wort verlassen und zu wenig den ganzen Menschen im Auge haben.»

Gefühl der Einsamkeit

Im beruflichen Alltag von Schmidli spielt die Kommunikation eine zentrale Rolle. Viel schneller als andere stösst sie dabei an Grenzen. Einfach zum Telefonhörer zu greifen und bei einem Kunden nachzufragen, ist für sie nicht möglich. Wenn sie zum Sprechenden keinen Sichtkontakt hat, ist eine Verständigung undenkbar.

Sich mit mehreren Menschen gleichzeitig zu unterhalten, in einem schlecht beleuchteten Raum, ist für sie eine Überforderung. «Manchmal fühle ich mich in solchen Situationen isoliert. Ich kämpfe gegen das Gefühl der Einsamkeit. Die Kommunikation ist immer mit einer besonderen Anstrengung verbunden», so Schmidli.

Armbinde mit dem Signet «taubstumm»

Begeistert ist Schmidli von der gehörlosengerechten Kirche in Oerlikon. In der vor dreissig Jahren gebauten Kirche steht eine Orgel, die auf dem hölzernen Boden Vibrationen erzeugt, die durch die Füsse wahrgenommen werden. Die Sitze sind wie in einem Hörsaal im Kreis angeordnet und in die Höhe gestaffelt, was dem Publikum das Lippenlesen ermöglicht beziehungsweise den Blick frei gibt auf die Ausführungen in Gebärdesprache.

Eine weitere Besonderheit ist der 1954 von Rolf Ruf gegründete Zürcher Mimenchor. Die Idee dahinter: Die Gehörlosen sollten einen Beitrag zur Liturgie eines Gottesdienstes leisten mit Ausdrucksmitteln, die ihnen entsprechen. So erzählt der Mimenchor biblische Geschichten mit pantomimischen Bewegungen. Zum Repertoire gehören unter anderem «Der Turmbau von Babel» und «Der verlorene Sohn».

Der heute über siebzigjährige Ruf, der als Kind beim Busfahren eine Armbinde tragen musste mit dem aufgedruckten Signet «taubstumm», erzählt, dass er bis weit ins Erwachsenenalter hinein immer wieder habe erklären müssen, dass er nicht taubstumm sei: «Ich sage jeweils: Wir können sprechen. Ich bin nicht taubstumm, ich bin taubsprechend.»

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