Thea Aebi
Platz für Tradition und Fortschritt

Als progressiver Stachel in der konservativen Landbevölkerung kann die Oekonomische und Gemeinnützige Gesellschaft des Kantons Bern (OGG) betrachtet werden. Doch sie entwickle sich weiter, kommentiert OGG-Präsidentin Thea Aebi im Gespräch.

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Thea Aebi

Thea Aebi

Berner Rundschau

Samuel Thomi

Frau Aebi, Sie präsidieren einen der ältesten Vereine der Schweiz. Begleitet einem da täglich dessen Geschichte?

Thea Aebi: Ich bin Präsidentin der ältesten gemeinnützigen Gesellschaft der Schweiz. Landesweit gibt es noch Vereine, die älter sind als wir, wie zum Beispiel die Stadtschützen Burgdorf, die es seit 475 Jahren gibt. Die grosse Bedeutung der OGG-Geschichte ist mir seit der Erarbeitung und Herausgabe unseres Jubiläumsbuches «Kartoffeln, Klee und kluge Köpfe» so richtig bewusst worden. Klar fragte ich mich, als ich vor zehn Jahren angefragt worden bin, kann ich das, als erste Frau und Nicht-Bernerin? Ich habe mein Ja-sagten bis heute nicht bereut.

Was fasziniert Sie an diesem Amt?

Aebi: Als Bäuerin mit Kleinkindern war es anfangs ein guter Ausgleich zur Familien- und Hofarbeit. Mich begeistert, was man alles mit Freiwilligenarbeit erleben und erreichen kann. Und dies ohne «Arbeitsverträge».

Sie nutzten die relativ offen formulierte Anforderung ans OGG-Präsidium?

Aebi: Die OGG geniesst viel «Narrenfreiheit». Die Aktiven und Hauptverantwortlichen prägen jeweils die Gesellschaft. Es kommt ihr zugute, dass es immer wieder Menschen gibt, die sehen, wo Nötiges und Dringliches zu tun ist. So sind die Aufgaben sinnstiftend und dienen allen.

Wenn das Aufgabengebiet so breit gefasst ist, und Ideologien weniger zählen, gab es auch Momente, die Sie mit Zurückhaltung angegangen sind?

Aebi: Als Vorstandsmitglied war ich gegenüber der Idee, betreute Familienplätze auf Bauernhöfen durch die OGG zu fördern, zurückhaltender eingestellt. Ich sah darin einen weiteren zusätzlichen Aufwand für die Bauernfamilien. Das war Mitte der 1990er-Jahre. Heute frage ich mich nicht mehr, ob Bauernfamilien solch ein Angebot zusätzlich anbieten sollen. Die Landwirtschaft wandelt sich, neue Schwerpunkte werden gesetzt. Es zeigt sich klar, dass das Betreuen von Menschen eine gute Dienstleistung ist. Sie muss aber recht bezahlt sein.

Seit vergangenem Herbst bietet die OGG das Notruftelefon 079 200 00 44 für Bauernfamilien an. Wie entwickelt sich dieses Angebot seither?

Aebi: Bis zu drei Anrufe pro Woche sind der Durchschnitt. Inzwischen sind es 15 Vertrauenspersonen, die zur Verfügung stehen, um mit den Anrufenden in Kontakt zu treten, sie zu besuchen und zu begleiten.

Was sind es für Fälle?

Aebi: Die ganze Bandbreite von der Frage wie «Wie finde ich einen Betriebshelfer?» bis zum Hilferuf «Wir reden nicht mehr miteinander!»

Und von wo stammen die Anrufe?

Aebi: Zu Beginn kam ein Drittel auch von ausserhalb des Kantons Bern. Das überstieg unsere Kapazitäten. Heute leiten wir diese Anfragen an die jeweiligen kantonalen Stellen weiter.

Die OGG ist auch ein «Medienunternehmen» und hält 51 Prozent am 1846 gegründeten «Schweizer Bauer».

Aebi: Das hängt mit unserer Tradition von Preisausschreibungen zusammen. In den so genannten Abhandlungen - der Vorgängerin des «Schweizer Bauer» - wurden die Resultate gedruckt und damit unter die Leute gebracht. Als Fachzeitschrift ist der «Schweizer Bauer» in der Landwirtschaft von grosser Bedeutung.

Ein gutes Sprachrohr für den Verein?

Aebi: Das eigentliche Sprachrohr unserer Gesellschaft ist das «OGG-Bulletin». Doch wenn es Sinn macht, veröffentlichen wir unsere Anliegen auch im «Schweizer Bauer». Mit der Übernahme der 49 Prozent-Beteiligung durch den Zürcher Verlag Tamedia und den allgemeinen wirtschaftlichen Auswirkungen, wird es auch bei uns Veränderungen geben.

Als die OGG gegründet wurde, gab es eine Versorgungskrise. Heute haben wir eine Wirtschaftskrise. Was sind deren Auswirkungen auf die OGG?

Aebi: Am Anfang wurde die OGG von Ökonomen geprägt. Das gemeinnützige Element kam später dazu. Die Verbindung der städtischen und ländlichen Gesellschaften war zu der Zeit weitsichtig und wichtig. Ich bin überzeugt: Würden heute die Verantwortlichen nach dem Leitsatz der Balance von Gemeinnützigkeit und Ökonomie streben, hätten wirtschaftliche Krisen weniger hatte Auswirkungen.

Wir scheinen aber an einem anderen Punkt. Was bedeutet dies für die OGG?

Aebi: Leider verhielten sich die Finanzexperten anders, das ist so. Und wie es aussieht, machen sie keine Anstalten, sich wirklich zu ändern. Tradition und Fortschritt müssen beide Platz haben - immer zum Vorteil des Menschen.

Was heisst das für die Landwirtschaft?

Aebi: Ich könnte mir vorstellen, dass sich die OGG stärker wieder für die Landwirtschaft einsetzen wird. Ohne etwas heraufbeschwören zu wollen: Der Kampf um Wasser und Lebensmittel hat begonnen. Wenn ich sehe, wie empfindlich die Natur reagiert, frage ich mich, welchen Platz wir wie einnehmen werden.

Je nach Perspektive gilt die Landwirtschaft eher als konservativ, bewahrend. Die OGG im Gegensatz eher als progressiv. Sind sie mit ihrem Verein der Stachel im Fleisch der Bauer?

Aebi: Die Vertreter der OGG hatten stets nicht nur die Landwirtschaft im Blickwinkel. Daher schafften sie es auch, etwas zu bewegen in diesen eher verhärteten, konservativen bäuerlichen Strukturen. Zum Beispiel brachte die OGG die Bauer-Unternehmerschulung in die Schweiz. Sie hilft Bäuerinnen und Bauer mit all den zusätzlichen Herausforderungen vertraut zu werden, die zu einem guten Management und Umfeld auf dem Hof für die Menschen, die Tiere und die Grundlagen führen. Dieses Ausbildungsangebot hat sich inzwischen in der ordentlichen landwirtschaftlichen Bildung etabliert. Dass wir die Zeichen der Zeit auch jüngst wieder erkannt haben, denke ich, widerspiegelt sich im neuen Ausbilungslehrgang zur «NaturWellnessBegleiterin». Ich bin überzeugt, mit diesen Grundlagen lässt sich ein bedeutendes zukünftiges Nischenangebot auf dem Bauernhof entwickeln.