Sexuelle Belästigung
Sexuelle Belästigung: Eine Polemik auf die «Freude am andern Menschen»

Eine neue Studie besagt: Die Hälfte aller Menschen erlebt am Arbeitsplatz unerwünschtes Verhalten, Männer wie Frauen. Aber wo beginnt diese und wo handelt es sich lediglich um überzogene politische Korrektheit? Eine heikle Frage.

Max Dohner
Drucken

Darf ich Sie bitten, liebe Leserin, lieber Leser, genau darauf zu achten, wie Sie reagieren am Ende der folgenden Anekdote:

Am Strand lag eine Frau im knappen blauen Bikini. Von der nahen Bar schwankte ein Fettwanst heran, eine Bierdose in der Hand, die Haare wirr vor der Stirn. In seine verquollenen Augen schien kein Bild zu steigen: kein Gesicht, keine Farbe, kein Reiz. Bei der Frau aber blieb er stehen, nach wie vor in labiler Balance.

Jetzt triefte sein Blick förmlich vor Begriffsstutzigkeit. Die Frau im blauen Bikini schien nichts zu bemerken, oder sie erstarrte. Alle anderen hielten den Atem an. Dann schlurfte der Kerl weiter und schüttelte den Kopf: «So wenig Blau», stiess er hervor (der Stossseufzer eines Märtyrers): «So wenig Blau für so viel Himmel!»

In einem Unternehmen wäre das ein Fall für die Personalabteilung, für eine ernste Unterredung, wäre sexuelle Belästigung. Hand aufs Herz: Haben Sie das Bonmot des betrunkenen Fettwanstes so empfunden? Wenn ja – sofort, oder erst etwas später, als Sie darüber nachdachten?

Ich will Ihnen meine Reaktion frei bekennen (immerhin war ich damals Zeuge der Szene): In meinen Augen war der Kerl nichts weniger als ein Genie. Aus dem Nebel seines Stumpfsinns heraus erblickte er ein Bild, das ihm den Atem nahm, und fasste es augenblicklich in ein Wort, das unvergesslich blieb: «So wenig Blau für so viel Himmel!» Auch mich ekelte der Kerl, aber auf diese Gabe wurde ich geradezu brennend neidisch.

Noch ein Beispiel: In einer Stadt im Süden spazierten zwei Freunde aus dem Norden durch eine Ausgehmeile. Gegenüber stöckelte eine schlanke hochgewachsene Frau eine Blumenrabatte entlang, bewachsen von Bougainvillea und Amaryllis. Unwirsch redete sie ins Handy. Die beiden Männer blieben stehen, wie geblendet: zwei Ruderknechte am Fels der Loreley.

Da keilte sie ohne jede Warnung ein barfüssiger Strolch in staubigen Shorts auseinander. Blindlings wetzte er über die Strasse. Drüben beugte er sich über die Rabatte, riss eine Amaryllis aus und reichte sie der Schönen mit nahezu höfischer Eleganz: «Jetzt sind es zwei Blumen, meine Preziose.»

Den Nordmännern blieb der Mund offen: «Jeder Ansatz zu Flirt und Romanze», sagte der eine kraftlos, «wird uns zu Hause ausgetrieben. Mit dem Ergebnis, dass wir hier von jedem Strassenbengel mit Charme übertroffen, ja gedemütigt werden.» – «Jaja», spottete der andere, «früher war mehr Lametta.»

Trocknet die sogenanntepolitische Korrektheit wirklich «jeden Ansatz zum Flirt» aus? An eine Antwort auf diese Frage wagen sich heute immer weniger. Das ist die eine offenkundige Feststellung. Die andere: Im Vergleich zum Klang obiger beider Anekdoten tönt der folgende Jargon tatsächlich ungleich trockener.

Wir zitieren aus der jüngsten Studie des Schweizerischen Nationalfonds zum Thema «Sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz» (gestern publiziert): «Insgesamt gab rund die Hälfte der über 2400 befragten Angestellten an, schon einmal eine unerwünschte, potenziell belästigende Verhaltensweise erlebt zu haben – Frauen und Männer in ähnlichem Ausmass.

66 Prozent der Frauen und 71 Prozent der Männer räumten in einer zweiten Umfrage unter den «Verursachenden» ein, in zwölf Monaten mindestens einmal ein Verhalten gezeigt zu haben, das vom Gegenüber potenziell als belästigend empfunden werden kann. Zum Beispiel sexistische Sprüche gemacht, mit jemandem eine sexuelle Diskussion angefangen, pornografisches Material verteilt und gar einen Arbeitskollegen unsittlich berührt zu haben.»

Die Studie zweier Gruppen um Franciska Krings von der Universität Lausanne und Marianne Schär Moser vom Unternehmen «Forschung und Beratung» kommt zum Schluss: «Potenziell belästigende Verhaltensweisen gehören vielerorts zum Arbeitsalltag – längst nicht immer sind Männer die Täter und Frauen die Opfer.»

Entscheidend sei die «Unternehmenskultur, ob sexuelle Belästigungen auftreten». Die Studie empfiehlt, Kampagnen und allgemeine Prävention dagegen in einen «breiten Kontext» einzubetten, und dass «Vorgesetzte hart und rasch durchgreifen».

Auffällig ist ein «Röschtigraben» bei der «subjektiven Betroffenheit» gemäss Studie (leider gehen die Verfasser mit keiner Silbe erklärend darauf ein): Während sich in der Deutschschweiz rund 31 Prozent aller Frauen am Arbeitsplatz schon einmal sexuell belästigt fühlten, waren es in der Westschweiz und im Tessin je rund 18 Prozent.

Es wäre nun sehr kühn, zu behaupten, in der Romandie und im Tessin wären die Leute beherrschter oder robuster bei Anspielungen und Anzüglichkeiten im Grossraumbüro. Der Grund hierfür muss anderswo liegen. Wohl darin, dass Romands und Tessiner einfach das delikate Spiel von Reiz und Gegenreiz, Koketterie und Ironie, Kompliment und Zote (noch) ein wenig besser spielen als Deutschschweizer (im Sinne des barfüssigen Fratzes in unserer zweiten Anekdote), ohne die vielen disparaten Untertöne solcher Spiele durcheinanderzubringen.

Keine Frage: Man soll sich unter seinesgleichen anständig benehmen. Aber man soll sich die Freude am anderen Menschen nicht austrocknen lassen; nie die Übung vernachlässigen, den richtigen leichten Ton für solche Freude zu finden. Keine Seele freut sich dran, so unsichtbar zu bleiben, wie es Reglemente bestimmen.

Ich ziehe es jedenfalls vor, eine herzhafte Zote zu hören, statt – welch traurig hilfloser Akt! – irgendwann anonym eine Schachtel «Mon Chéri» im Ablagefach zu finden.

Aktuelle Nachrichten