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Sie nennt ihn liebevoll «Honigtirggeli»

Seit bald 50 Jahren hat Marta Baumgartner die Autoprüfung. Seit 40 Jahren fährt sie einen Ford Taunus XL und sorgt in der Gegend für Aufsehen. Die Rentnerin über ihre Beziehung zum Auto – damals und heute.

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Schweiz am Sonntag

Von Astrid Bucher

Jedes Oldtimer-Liebhaber-Herz schlägt höher, wenn sie mit ihrem honiggoldenen Auto durch die Strassen von Solothurn braust: Marta Baumgartner fährt einen Ford Taunus XL, Jahrgang 1970. Sie selber ist im Dezember 1922 geboren und noch ziemlich rüstig für ihr Alter. «Es geht alles etwas gemächlicher, aber das ist ja normal», sagt sie. All die Jahre hat sie das Auto immer gut gepflegt: «Es ist in einer Mietgarage untergebracht, und je nach Kilometerstand lasse ich den Service machen.» Wenn heute ein kaputtes Teil ersetzt werden muss, ist ihr Garagist jeweils gefordert und suche manchmal sogar bis nach Deutschland danach. «Es spielt auch eine grosse Rolle, wie ein Auto gefahren wird: Meistens bin ich den Ford gefahren, vielleicht ist er darum noch so gut im Schuss», scherzt Baumgartner.

«Ich habe mir oft überlegt, was wäre, wenn ich nicht mehr fähig bin, selber zu fahren», sagt die 86-Jährige nachdenklich. «Ich habe das Auto noch immer sehr gerne und bin froh darum», sagt sie. «Solange es möglich ist, möchte ich noch damit ausfahren.» Eines Tages, so hofft sie, wird sie selber merken wann genug ist und sie den Führerschein abgeben müsse: «Das wäre nicht einfach für mich.»

Die rüstige Dame benützt das Auto allerdings nur noch, wenn sie ein Ziel vor Augen hat: zum Einkaufen oder um auf den Friedhof zu gelangen. Ihr Mann ist vor 13 Jahren gestorben. «Ich achte darauf, dass ich nicht zu Stosszeiten unterwegs bin», sagt Baumgartner. Einmal im Monat fährt sie zum Jahrgängertreffen nach Grenchen, dort, wo sie als Tochter eines gelernten Uhrmachers (Horloger complet) aufgewachsen ist. «Ich bin die Einzige meines Jahrganges, die noch selber Auto fährt», sagt sie nicht ohne Stolz. «Reisli ins Grüne geniesse ich als begeisterte Beifahrerin. Und auf der Autobahn fahre ich sowieso schon lange nicht mehr.»

Jährlich muss Marta Baumgartner ein Arztzeugnis vorlegen, damit sie wegen einer Gehbehinderung eine Karte für Parkierungserleichterung von der Stadtpolizei erhält. «Zuhause gehe ich ohne Stock, aber auswärts brauche ich eine Gehhilfe und bin darum froh um das Auto.» Der Doktor prüfe jeweils ihr Gehör, die Augen, den Puls, das Reaktionsvermögen und ob sie die Farben noch unterscheiden könne. «Dann muss ich zehnmal vor dem Doktor in die Knie», sagt Baumgartner und lacht. «Ich habe auch schon freiwillig den Kurs ‹Autofahren im Alter› vom TCS besucht. Das war tipptopp, da konnte ich mein Wissen wieder auffrischen.» Zudem musste die Seniorin einer Expertin der Motorfahrzeugkontrolle ihr Fahrkönnen mit dem eigenen Auto unter Beweis stellen (siehe auch Kontext rechts). «Am Ende gratulierte mir die Fahrlehrerin, ich sei noch zugelassen auf der Strasse.» Zugegebenermassen sei das bereits wieder eine Weile her.

Die stets arbeitsame Frau besass seit 1966 ein Auto, damals einen Ford Capri Coupé. 1967 hat die Grenchnerin nach Solothurn geheiratet und ist mit ihrem Ehemann in das gemeinsame Haus gezogen. Dort wohnt sie noch heute und besorgt selbstständig Haushalt und Garten. «Mein Mann war Kaufmann, und als er 1970 in Pension ging, haben wir unsere beiden Autos verkauft und uns nach einem neuen umgesehen. Beim ersten Testfährtli mit dem Ford Taunus XL war klar, den nehmen wir», erinnert sie sich. «Mein Honigtirggeli», wie Marta Baumgarnter das Auto der Farbe wegen liebevoll nennt, «wird nächstes Jahr 40 Jahre alt.» Aus Sicht der Rentnerin ein Jungbrunnen, in der Automobilbranche ein Oldtimer, mit dem sie manchen Autoliebhaber glücklich machen könnte. Sie hatte auch schon eine Einladung für eine Oldtimer-Ausstellung erhalten, erzählt sie. Da habe sie dankend abgelehnt: «So etwas hat mich nie interessiert.»

Es war 1960, als die damals noch ledige, 38-Jährige die Autoprüfung absolvierte. «Ich habe mich richtig darauf gefreut, ich wollte das unbedingt lernen», erinnert sich die damalige Disponentin der Eterna in Grenchen. «Gleich beim ersten Versuch habe ich die theoretische und die praktische Prüfung bestanden.» Nur der Preis für die Fahrstunde kommt ihr heute nicht mehr in den Sinn. Alfred Hachen, Fahrlehrer aus Lohn-Ammannsegg, der 1962 seine Fahrschule im Kanton Solothurn eröffnete, meint: «Damals kostete die Stunde grob geschätzt um die 15 Franken.»

Und was ist das Rezept von Marta Baumgartner, dass sie im hohen Alter noch so fit durch den Alltag gehen kann? «Am Abend nicht zu früh ins Bett gehen - die guten Sendungen im Fernsehen kommen nämlich erst nach dem ‹10vor10›, Kreuzworträtsel lösen und jeden Tag so annehmen, wie er ist.»

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