Jugendgewalt
Sind die jungen Schläger auch unter uns?

Die Zahlen sind schockierend: 230 000 Jugendliche leiden in der Schweiz jährlich unter Gewalt durch Gleichaltrige. Wie siehts in der Region Baden aus?

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Aargauer Zeitung

Maja Sommerhalder, Sara Carter, Markus Dasen

Tatort Pausenplatz: Der zierliche Knabe hat keine Chance. Wehrlos liegt er auf dem Betonboden. Obwohl seine Nase blutet, prügeln seine Klassenkameraden weiter auf ihn ein. Sie fühlen sich überlegen, als sie die Jubelrufe ihrer Mitschüler hören. Sind solche Szenen auch bei uns an der Tagesordnung?

Der Bericht «Jugend und Gewalt» zeigt schockierende Zahlen

230 000 Jugendliche im Alter von 12 bis 17 Jahren leiden jedes Jahr unter Gewalt durch Gleichaltrige. Bei rund 30 000 Fällen ist ein Arztbesuch nötig. Jetzt will der Bundesrat mit einem mehrstufigen Präventionsprogramm verstärkt gegen Jugendgewalt vorgehen. Defizite bei der Bekämpfung ortet man in der Koordination und Integration von Gewaltprävention. Zudem würden Hochrisikogruppen zu wenig erreicht. Bereits bestehende Aktionspläne auf lokaler Ebene sollen deshalb besser koordiniert und der Zugang zu Risikogruppen erleichtert werden. (az)

Der Gemeinderat für Soziales ist sich aber bewusst, dass es viele Jugendliche nach Baden in den Ausgang zieht. Daniel Schibli ist vom grossen Nutzen der Schulsozialarbeiterin überzeugt. Und auch der Jugendarbeiter «hole die Jugendlichen erfolgreich ab». Zudem seien Vereine wie Jungwacht oder Jungschützen äusserst wertvoll: «Dort können die Jugendlichen Luft ablassen.» Zusammenarbeit mit anderen Gemeinden findet nicht statt - noch nicht. «Wir würden die Jugendarbeit gerne regionalisieren. Baden hat in diesem Bereich eine Vorbildrolle. Da ist viel Know-how vorhanden», sagt Schibli.

Baden: wenig Scharmützel

In Baden selbst gebe es kaum Gewalt unter Jugendlichen, wie Sacha Studer, Leiter des Fachbereichs Jugendarbeit, sagt: «Bei unserer Aktion ‹comtainer› hatten wir Besuch von rund 1000 Jugendlichen. Nicht ein einziger Vorfall wurde uns gemeldet.» Bei diesem Projekt zeigte Baden mit einem Container Präsenz mitten in der Stadt. Von diesem aus haben sich speziell ausgebildete Zivildienstleistende und Jugendarbeiter den Fragen und Sorgen der Jugendlichen gestellt, dies auch spät nachts zu Ausgangszeiten. «Comtainer» wird auch 2009 wieder durchgeführt. Trotzdem: Im Jugendkulturlokal Merkker hätten sich in den letzten Monaten vielleicht drei Scharmützel zugetragen, muss Studer zugeben. Er betont, dass sich die bekannten Vorfälle auf den öffentlichen Raum beschränken. Gewalt in privater Umgebung entziehe sich meist den Kenntnissen der Jugendarbeit.

70 bis 80 Prozent der Jugendlichen, die nach Baden in den Ausgang kommen, wohnten in anderen Gemeinden. Deshalb sei das Netzwerk unter den Gemeinden wichtig: «Die Jugendarbeit Regio des Bezirks Baden bietet bereits eine Plattform für den Austausch und die Zusammenarbeit.» Die Jugendarbeit will auch mit Projekten wie dem Lokal Triebgut an der Limmat oder dem Merkker die Jugendlichen sinnvoll beschäftigen.

Windisch: Eltern sind gefragt

Auch in Windisch hat man mehr mit Vandalismus als mit Jugendgewalt zu kämpfen, wie Gemeindeschreiber Stefan Wagner bestätigt: «Schlägereien werden uns selten gemeldet, dafür werden öfter mal Wände besprayt.» Man unternehme viel, damit Gewalt gar nicht erst aufkomme. So nimmt die Gemeinde an kantonalen und nationalen Präventionsprojekten teil. «Wir versuchen, übermässigem Alkoholkonsum vorzubeugen.» Prävention findet auch in der Schule, in Jugendtreffs und in Vereinen statt. «Die verschiedenen Institutionen arbeiten eng zusammen.»

In Zukunft soll diese Zusammenarbeit auch über die Gemeindegrenze hinausgehen. Ziel ist ein regionales Jugendarbeitskonzept, wie Wagner erklärt: «Wir sind momentan mit der Jugendarbeit Brugg und Eigenamt im Gespräch.» Damit die Jugendarbeit richtig erfolgreich ist, sind aber auch die Eltern gefragt: «Wir würden sie gerne stärker in die Pflicht nehmen. Allerdings ist es sehr schwierig, an gewisse Eltern heranzukommen.»

Bad Zurzach: laute Jugend

Dass Bad Zurzach speziell von Jugendgewalt betroffen sei, glaubt Gemeindeschreiber René Huber nicht. Meistens seien es eher typische Jugendstreiche. Anwohner beklagen sich manchmal wegen nächtlicher Ruhestörung. Mit der reformierten und der katholischen Kirchengemeinde betreibt Bad Zurzach eine offene Jugendarbeit. Zusammen finanzieren sie die Anstellung eines Jugendarbeiters, der den lokalen Jugendtreff betreut. «Dieser ist offen für alle Jugendlichen. Allerdings wird er aber mehrheitlich von ausländischen Staatsangehörigen besucht», sagt Huber. Auch Jugendliche aus den kleinen Nachbargemeinden seien dort anzutreffen.

Wer nicht in den Jugendtreff geht, weicht in den Kurpark oder auf das Bahnhofgelände aus. Verschiedene Anwohner fühlten sich deswegen belästigt von Lärm oder Littering. Von Jugendgewalt sei aber nichts bekannt. Die Jugendarbeit beschränkt sich auf Bad Zurzach. «Die umliegenden Orte haben oft weniger als 1000 Einwohner und viele Jugendlichen kommen sowieso zu uns», sagt Huber.

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