Griechenland

Student schwärmt für Sokrates

Je fremder eine Sprache ist, umso mehr fasziniert sie Maurus Kaufmann. Der Student aus Seon kann nicht nur Altgriechisch, sondern auch Hebräisch.

Irena Jurinak

Gerade mal 19 Jahre alt, spielt Maurus Kaufmann in seiner Freizeit nicht nur Volleyball, sondern liest Texte von griechischen Philosophen in der Originalfassung. Beispielsweise schwärmt der Student aus Seon von den sokratischen Dialogen. «Die Stringenz in Sokrates' Denkweise gefällt mir. Selbst nachdem über ihn das Todesurteil verhängt wurde, blieb er sich treu.»

Kürzlich überreichte der griechische Minister für Bildung Maurus Kaufmann in Athen ein Diplom. Unter allen nicht griechischen Teilnehmern hatte der Kantischüler an einem internationalen Wettbewerb (siehe Kasten) am besten abgeschnitten und durfte zur Preisverleihung fünf Tage nach Griechenland reisen.

Er wollte Platon im Original lesen

Im Alter von 15 Jahren begann Maurus Kaufmann Altgriechisch zu lernen. «Ich wollte unbedingt Platon im Original lesen.» Viele bedeutende philosophische und kulturelle Texte seien auf Griechisch verfasst worden. «Und ich hatte schon immer ein allgemeines linguistisches Interesse.»

In den ersten beiden Monaten galt es, das griechische Alphabet zu lernen, danach ging es ans Wörtchenbüffeln. Nach fünf Jahren Griechischunterricht - ein Jahr in der Bezirkschule und vier Jahre in der Kanti - liest Maurus Kaufmann griechische Originaltexte.

Für den Wettbewerb der griechischen Regierung bereitete er mit seiner Lehrerin Franziska Geering von der Alten Kantonsschule Aarau zwei Texte des Schriftstellers und Philosophen Xenophon vor. Diese galt es an einer Prüfung zu übersetzen, zusammenzufassen und zu interpretieren. «Die Grammatikfragen waren fast banal. Am anspruchsvollsten waren die Fragen zur Bedeutung der Texte für heute», sagt Kaufmann. Professoren der Universität Athen korrigierten und bewerteten die Arbeiten.

Als bester Nichtgrieche reiste der Student auf Einladung der griechischen Regierung gemeinsam mit seiner Lehrerin und 50 weiteren Schülern und Lehrern aus Europa, Mexiko und Russland nach Athen. Dort besuchten die Teilnehmer den Poseidontempel bei Cape Sounion, Athen und die Ruinen der alten griechischen Stadt Mykene.

Die Verständigung mit den Einheimischen war nicht immer einfach. Altgriechisch und das heute gesprochene Neugriechisch sind sehr verschieden. «Aber ich konnte die Schilder lesen und meistens herleiten, was es heisst.»

Tote Sprache lebt weiter

Wenn man ihn fragt, warum er unbedingt eine tote Sprache lernen wollte, entgegnet er, sie sei gar nicht wirklich tot. «Sie lebt in vielen Sprachen weiter, auch im Deutschen beispielsweise in Pädagogik oder Auto.»

Ausserdem gefällt ihm der analytische Teil beim Übersetzen der Texte. «Die Übersetzung ist immer auch gleichzeitig Interpretation.» Der Kantonsschüler mit Akzentfach Latein und Schwerpunktfach Mathematik und Physik hat ein Faible für fremde Sprachen. In den letzten zwei Jahren lernte er auch Hebräisch. Er sei schon ehrgeizig. «Aber nur, wenn mich etwas interessiert.» In die Fächer, die ihn nicht besonders gefesselt hätten, habe er sich nicht so hineingekniet. «BWL beispielsweise machte mir nicht so viel Spass.»

Dafür engagiert er sich für politische Anliegen - auch wenn er sich nicht mit einer Partei identifizieren kann. Er sammelte Unterschriften gegen die Einführung des biometrischen Passes. Diese Woche begann er sein Studium der Elektrotechnik und Informationstechnologie an der ETH Zürich. Griechische Texte werden aber weiterhin sein Hobby bleiben.

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