Bern
Vier Wochen Schule am Stubentisch

Letztes Jahr kam das jüngste Kind der Alpschule Wildeggli aus dem Schulalter. Nun kommen keine Lehrer mehr, um für ein «Erlebnisgeld» hoch über Schönried zu unterrichten.

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Alpschule

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Berner Rundschau

Katharina Schwab

Hoch über Saanenmöser, auf 1700 Metern über Meer, liegt die Alp Wildeggli auf einer Sonnenterrasse. Eine normale Alphütte im Saanenland? Keineswegs. Es gibt keinen Strom, aber ein Plumpsklo namens «Villa Trachsel», und gekäst wird noch über offenem Feuer. Vor allem aber: Während der letzten 13 Sommer lernten Trachsels Kinder hier den Stoff, den ihre Kollegen unten im Tal in Lauenen im Klassenzimmer durchnahmen.

Vier Wochen nach den Sommerferien rechneten, lasen und büffelten jeweils bis zu sieben Kinder auch von umliegenden Höfen in der Alpschule. Ruth und Viktor Trachsel mit ihren sechs Kindern lebt jeweils von Anfang Juni bis Mitte September auf der Alp.

Die Zukunft ist ungewiss

Das bernische Volksschulgesetz sieht Alpschulen nicht explizit vor; das Schulinspektorat kann jedoch Privatunterricht auf Alpbetrieben bewilligen. Entsprechend führt der Kanton keine Statistik, wie viele Kinder von öffentlichen Schulen jeweils einzelne Wochen auf einer Alp unterrichtet werden. Laut Max Suter, Vorsteher Amt für Kindergarten, Volksschule und Beratung, sind es im «Raum Emmental/Oberaargau einzelne und im Raum Oberland jeweils mehrere Kinder» pro Sommer. Klar ist aber, dass die Kosten «voll zulasten der Eltern» gehen; der Kanton zahlt nichts an Alpschulen. Suter kommentiert, dass man die längere Alpschulung hinsichtlich der kommenden Volksschulgesetzrevision «für die Zukunft zu prüfen» habe. Einerseits werde dadurch der unentgeltliche Unterrichtsanspruch nicht gewährleistet, andererseits könne das längere Fernbleiben vom Unterricht in der Stammklasse für einzelne Schüler «pädagogisch und stofflich nicht unproblematisch» sein. Zur Frage, ob Alpschulen im Kanton Bern zu- oder abnähmen, kann sich Suter nicht äussern: Es sei «keine Tendenz» auszumachen. (sat)

«Hier wird es nie langweilig»

«Am Anfang bin ich jeden Morgen mit den Kindern ins Tal gefahren, das war eine harte Zeit», blickt sie zurück. Sie musste gleich wieder hinauf, um zu käsen und die Kälber zu tränken, um am Nachmittag die Kinder wieder im Tal abzuholen. Trachsels Kinder hätten auch bei Freunden im Tal bleiben können; das wurde aber nie in Betracht gezogen. Die «Längizyti» wäre zu stark gewesen, «und die Kinder sind sehr gern auf der Alp. Hier wird es nie langweilig», sagt die Mutter. Schliesslich kam die Idee mit der Alpschule.

Die Lehrer im Tal und der Schulinspektor waren einverstanden - den vier Wochen Privatunterricht stand nichts mehr im Weg. Privatunterricht war es wortwörtlich: Meist waren es fünf Schüler, die in der Stube am Holztisch sassen und eifrig lernten. Die Lehrerin oder der Lehrer lebte mit der Familie, und wer Gefallen daran hatte, packte am Nachmittag bei der Arbeit zu.

«Singen während des Melkens»

Um 8.45 Uhr begann der Unterricht; Lektionen gab es nicht - bis zur Kaffeepause wurde durchgearbeitet. «Die Lehrer waren immer erstaunt, zu was die Kinder fähig waren», erzählt Ruth Trachsel. Denn die Kinder wussten: Wenn sie am Vormittag viel lernten, mussten sie am Nachmittag nicht die Schulbank drücken, sondern konnten draussen helfen oder spielen. Abgedeckt wurden alle Fächer ausser Singen und Turnen: «Das machten sie während des Melkens und Arbeitens.»

Die Lehrer, die in der Alpschule unterrichteten, erhielten «nicht den üblichen Lehrerlohn, sondern ein Erlebnisgeld, damit waren sie zufrieden». Eine der Lehrerinnen war auch Nadine Masshardt, die in einer Kolumne in dieser Zeitung regelmässig von der Alp berichtete.

«Für mich war es eine eindrückliche Zeit mit den Kindern auf der Alp und in der Natur. Und ich hoffe, dass es auch in Zukunft die Möglichkeit geben wird, eine Alpschule zu führen», blickt die Langenthalerin auf Anfrage zurück. Mitte Juni dieses Jahres veranstalteten Trachsels ein Alpschulfest und luden alle ehemaligen Lehrer ein: «Das war ein Fest», berichtet Ruth Trachsel begeistert. So konnten sie, die sonst erst im August oben waren, einmal den Alpfrühling sehen.

Schwarzenburgerland und Saanenland

Das Schwarzenburgerland und das Saanenland gehören zu den abgelegenen Gebieten im Kanton Bern. Beide Regionen stellen wir in einer Sommerserie abwechselnd vor: Heute: eine Alpschule im Saanenland.

«Wie Ferien»

Die drittjüngste Tochter Nicole ist diesen Sommer zwei Monate auf der elterlichen Alp. Die 20-Jährige hat gerade ihre Lehre abgeschlossen und beginnt nach dem Sommer eine Stelle als Detailhandelsangestellte in der Landi in Gstaad. Sie rührt im grossen Käsekessi und sagt: «Ein Sommer auf der Alp ist wie Ferien für mich.» Sie habe es immer genossen, in die Alpschule zu gehen. Sie sei in der Schule immer gut mitgekommen und habe dadurch keine Nachteile erfahren.

Lange Sommerferien, wie es sie noch zu Zeiten gab, als Ruth und Viktor Trachsel selber die Schulbank drückten, gibt es längst nicht mehr. Seit Jahren werden die Sommerferien immer weiter verkürzt. Nächstes Jahr beispielsweise werden die Schulen im Saanenland bereits Anfang August das Schuljahr aufnehmen: «Das macht es für junge Bauernfamilien mit Kindern sehr schwierig, auf die Alp zu gehen», sagt Ruth Trachsel. Eine Alpschule einzurichten, sei einfach die beste Lösung. Vehement dieser Meinung ist auch Tochter Nicole.

«Eine schöne Zeit»

Dass ihre Kinder nun nicht mehr in die Schule gehen und somit auch die Alpschule ein Ende hat, stimmt Ruth Trachsel wehmütig: «Es war eine schöne Zeit für die Kinder, für uns und für die Lehrer.»

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