Von der Hochfinanz zu den Grünen

Klaus Kirchmayr ist der Senkrechtstarter im Landrat: Nach nur zwei Jahren hat er sich bereits zum Wortführer der Grünen gemausert. Der Ex-Banker sorgt mit unkonventionellen Ideen für Furore.

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bz Basellandschaftliche Zeitung

Hans-Martin Jermann

Ende Juni 2009: Die Hälfte der laufenden Legislatur im Landrat ist vorbei. Beste Gelegenheit, Zwischenbilanz zum Parlamentsbetrieb der letzten zwei Jahre zu ziehen. Zum Beispiel zur Frage, welche Landräte, die 2007 neu gewählt wurden, besonders aufgefallen sind. Und da führt an einem Namen kein Weg vorbei: Klaus Kirchmayr.

Sein ungewöhnlicher erster Auftritt im Parlament am 2. Juli 2007 sagt bereits einiges über ihn aus: Zur Anlobung brachte der Grüne einen Gesetzesauftrag mit, worin er von der Regierung eine Aufsichtsdelegation für Grossprojekte forderte. Der Quereinsteiger, der zuvor nie ein politisches Mandat bekleidet hatte, trat im Liestaler Regierungsgebäude von Beginn an entschlossen und ohne falsche Scheu auf. Mögliche Hoffnungen der Gegner, das «Greenhorn» könnte sich als übereifriger Vorstösse-König totlaufen, zerstreuten sich bald. Zwei Jahre nach Kirchmayrs Wahl zeigt sich: Seine Meinung hat Gewicht - vor allem bei finanzpolitischen Themen und in Justizfragen.

Gesagt

«Klaus Kirchmayr regt sich über den Unsinn von Postulaten auf - obwohl er selber am meisten Postulate einreicht.»

Hans-jürgen Ringgenberg (SVP) kritisierte im Januar - nicht ganz ernst
gemeint - die Flut an Vorstössen von Landratskollege Kirchmayr.

Im Kader des Bankvereins

Das Erfolgsgeheimnis: Der Aescher überrascht wohl mit prägnante Aussagen, politisiert aber pragmatisch und ohne Scheuklappen. Damit kommt er auch im bürgerlichen Lager an. Kirchmayr ist kein klassischer Grüner. Davon zeugt nicht nur sein Auftreten im Landrat - als einziger seiner Fraktion trägt er immer Anzug und Krawatte - sondern vor allem sein beruflicher Werdegang: Der studierte ETH-Ingenieur und Ökonom war zehn Jahre für den Bankverein tätig, zunächst als Informatiker, später in leitenden Positionen in der Finanzabteilung. Im Jahr 2000 gründete er mit Bank-Kollegen ein Unternehmen, das Firmen rund um den Globus bei Akquisitionen und Fusionen berät. Der 46-Jährige beschäftigt heute rund 30 Angestellte.

Was macht ein Vertreter der Hochfinanz bei den Baselbieter Grünen? «Ich schätze ihre Offenheit. Es gibt keine Denkverbote - was mich überrascht hat», sagt Kirchmayr. Er sei mit offenen Armen aufgenommen worden. Seine unzähligen Wortmeldungen und Vorstösse in den letzten zwei Jahren zeigen: In der Energie- und Umweltpolitik bewegt er sich auf Parteilinie, bei finanz- und wirtschaftspolitischen Fragen indes schert der Querdenker oft Richtung «bürgerlich» aus.

Spontan

Spontane Antworten von Klaus Kirchmayr auf Stichworte, die ihm die bz vorgelegt hat:

UBS: Die UBS ist noch nicht über dem Berg. Die staatliche Aufsicht hat viel Arbeit vor sich: Sie muss ein neues Umfeld schaffen für Grossbanken, in welchem diese keinen Schaden anrichten können.

Easy Jet: Ein innovatives Unternehmen, das einer schwierigen Branche neue Impulse verliehen hat. Zugleich verdeutlicht Easy Jet in erschreckender Weise, dass im Transportwesen keine Kostenwahrheit besteht.

EBM: In der Energiepolitik wäre eine Vorwärtsstrategie nötig, doch die EBM agiert mutlos und ohne Visionen. Auch verstehe ich nicht, warum sich die EBM mit dem Landrat anlegt, statt sich mit ihm zu verbünden.

Theater-Subventionen: Das Theater hat für das weltoffene Basel eine Leuchtturm-Funktion. Es ist ein extrem wichtiger Standortfaktor. Dass sich das Baselbiet nun finanziell stärker beteiligen will, geniesst meine volle Unterstützung.

Couchepin-Nachfolge: Die Grünen hätten Anspruch auf einen Bundesratssitz. Das Machtkartell in Bern wird alles versuchen, dies zu verhindern. Das ist ein Armutszeugnis. (haj)

Den ehemaligen Banker und Unternehmer würde man denn auch eher bei der FDP vermuten. «Stimmt. Das Problem ist: Bei der FDP ist der Liberalismus, dem ich sehr das Wort rede, kaum mehr vorhanden.» Die FDP sei zur Strukturerhalter- und Geldausgeberpartei mutiert. Stets werde behauptet, die Linken seien die grossen Geldverschwender. «Doch wer will im Baselbiet ein megalomanisches Bruderholzspital und überrissene Strassenprojekte? - Das Geld wird von den Bürgerlichen ausgegeben, ohne jede Scham», kritisiert Kirchmayr.

Kompensation für Geschäftsflüge

Kritische Fragen gäbe es aber auch an seine Adresse: Wie kann es der Unternehmer mit seinem Gewissen vereinbaren, dass er schnell mal für ein Business-Meeting zum Firmenzweitsitz nach London fliegt? «Wir leisten für sämtliche Flüge in unserer Firma eine CO2-Kompensation», stellt Kirchmayr klar. Im Übrigen habe die Anzahl der Business-Flüge stark abgenommen: von mehrmals pro Woche zu ein bis zwei Mal pro Monat. «Trotzdem bleibt ein Widerspruch», fügt er selbstkritisch an. Ein Widerspruch allerdings, der sich mit der ihm eigenen Grosszügigkeit relativieren lässt.

Kirchmayr will nicht zu jenen gehören, die das Polit-Parkett für ideologische Kleinkriege und persönliche Schuldzuweisungen nutzen. Über sich sagt er: «Ich denke konzeptionell und in grossen Zusammenhängen.» Strategien entwickeln und Denkanstösse geben - das ist seine Stärke. Für Furore sorgte er etwa im Februar 2008 mit einem Vorstoss, der ein Stimm- und Wahlrecht ab Geburt verlangte. Dass er damit abblitzen würde, war ihm bereits im Vorfeld klar. Und doch brachte er mit seiner Forderung für ein «Stimmrechtsalter 0» die Debatte in Gang, wie das Gewicht von Familien gestärkt werden könnte.

Nie in der Gemeinde politisiert

Kirchmayrs Stärke als Stratege ist zugleich seine Schwäche: Im persönlichen Umgang gilt er zwar als unkompliziert und freundlich, aber auch als reserviert und wenig volksnah: «Ich wäre kein guter Gemeindepolitiker», gesteht Kirchmayr. «Da läuft mir die Politik zu stark auf der persönlichen Ebene ab.» Das ist neben dem starken beruflichen Engagement eine Erklärung, weshalb er, der seit seiner Jugend in Aesch lebt, nie im Gemeinderat politisiert hat.

Eine Verbindung zur Gemeindepolitik hat Kirchmayr trotzdem - via Ehefrau Christine Koch, die sich als Präsidentin der örtlichen SP vehement gegen die Überbauungspläne in Aesch Nord einsetzt. Die Position seiner Frau unterstützte Kirchmayr kürzlich als wortgewaltiger Podiumsteilnehmer. Ansonsten wird im Hause Kirchmayr-Koch respektive Koch Kirchmayr Eigenständigkeit gross geschrieben: «Wir inspirieren uns gegenseitig mit unseren Ideen, haben aber auch andere Meinungen und verfolgen andere Ziele», stellt Kirchmayr klar.

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