In Haushalten im Grossraum Aarau hängen seit ein paar Monaten Ungetüme: Es handelt sich um transparente 110-Liter-Säcke mit gelben Bändeln. In diese Säcke sollen die Bürger Kunststoffabfälle stopfen: vom Joghurtbecher über die Salamiverpackung und Fertigsalatschale bis zum Kinderspielzeug.

Ab April werden die Säcke auch der Bevölkerung im Grossraum Baden und Brugg angeboten. Expandiert wird gleichzeitig auch in den Kanton Zürich, unter anderem in die Regionen Limmat, Furttal, Zürich und Unterland. Die Säcke müssen gekauft werden (im Raum Aarau etwa bei der Post à Fr. 3.50 pro Sack) und schliesslich gefüllt zu spezifischen Entsorgungsstationen gefahren werden.

Bereits länger Erfahrung mit der separaten Entsorgung von Plastik haben Bewohnerinnen und Bewohner in den Kantonen Uri und Graubünden. Treiber hinter der Expansion des sogenannten Kunststoffsammelsacks ist die Firma Paul Baldini AG aus Altdorf im Kanton Uri.

Verschiedene Systeme im Aufbau

Doch die Urner Firma ist nicht der einzige Akteur, der derzeit das Plastik-Recycling vorantreibt. Die Nase vorn haben die Detailhändler: Seit Ende 2013 ist es in allen Migros-Filialen möglich, leere Plastikflaschen aus dem Haushaltsbereich (Shampoo, Waschmittel, Essig, etc.) abzugeben. Coop nimmt einzig Kunststoff-Milchbehälter zurück.

Dabei soll es nicht bleiben: Der Dachverband der Recycling-Organisationen in der Schweiz, Swiss Recycling, arbeitet daran, ein schweizweit koordiniertes System für Kunststoffrecycling aufzubauen. «In einem Jahr wollen wir startklar sein», sagt Geschäftsführer Patrik Geisselhardt.

Ihm schwebt vor, das Migros-System für die ganze Schweiz zu übernehmen. Dabei will Swiss Recycling einerseits mit den Detailhändlern zusammenspannen, andererseits ist auch eine Zusammenarbeit mit den kommunalen Sammelstellen geplant.

Damit werden in einigen Kantonen parallel verschiedene Plastik-Sammel-Systeme aufgebaut. Im Kunststoffsammelsack-System wird der Konsument zur Kasse gebeten, muss in seinem Zuhause Platz finden für den grossen Recyclingsack, kann dafür jede Art von Plastikabfall hineinwerfen.

Im Migros-System hingegen ist kein 110-Liter-Sack vorgesehen. Dafür sind an den Sammelstellen nur Plastikflaschen gefragt. Abfälle wie Lebensmittelverpackungen, CD-Hüllen oder Plastiktuben landen weiterhin im Hauskehricht.

Internationaler Trend

Die Initiativen im Bereich Kunststoffrecycling in der Schweiz folgen einem internationalen Trend. Mit dem steigenden Bewusstsein um die Endlichkeit der natürlichen Ressourcen gewinnt das Plastik-Recycling an Fahrt. «Kunststoff ist Öl, und dies ist nicht unendlich vorhanden. Durch ein gezieltes Recycling können die natürlichen Ressourcen geschont werden», sagt Sammelsack-Erfinder Ivo Baldini. Auf der Sammelsack-Website heisst es, jedes Kilogramm rezyklierter Kunststoff könne einen Liter neues Öl ersetzen.

Das Recycling soll künftig nach dem Verursacherprinzip durch den Konsumenten gleich beim Kauf vorfinanziert werden. Laut Geisselhardt werden die Bürgerinnen und Bürger diese Kosten allerdings kaum spüren. So soll die Recyclinggebühr etwa für eine Shampoo-Flasche nur zirka 1 Rappen betragen.

Einfach soll es sein

Die Köpfe hinter den unterschiedlichen Systemen vertreten ihren Ansatz jeweils überzeugt – und argumentieren hier wie dort mit dem Stichwort Einfachheit. Baldini sagt: «Das System muss unkompliziert sein. Der Konsument soll sich nicht wie in Deutschland überlegen müssen, ob ein bestimmter Kunststoff separat gesammelt werden soll oder nicht.»

Swiss Recycling setzt den Akzent leicht anders: «Weniger ist mehr. Wir konzentrieren uns auf Flaschen, dafür kriegen wir eine saubere stoffliche Verwertung hin», sagt Geschäftsführer Geisselhardt.

Das heisst: Flaschen können rezykliert und wiederverwertet werden. Plastikabfall wie Tuben oder Nachfüllbeutel bestehen hingegen meist aus verschiedenen Kunststoffarten. Diese erschweren das Recycling. «Diese Stoffe müssen aus dem gesammelten Kunststoff aussortiert werden und landen in der Verbrennung», sagt Geisselhardt. Konsumenten könnten sich dadurch getäuscht fühlen. «Das kann zu einem Imageschaden führen.»

Einen solchen fürchtet die Firma Baldini nicht: Es werde offen kommuniziert, dass etwa 50 Prozent der Abfälle nicht rezykliert, sondern sogenannt thermisch verwertet werden, sagt Ivo Baldini. «Dieser Anteil tut aber auch sein Gutes: Diese Kunststoffabfälle werden in der Zementproduktion anstelle von fossilen Brennstoffen wie Öl und Kohle als Ersatzbrennstoff genutzt.»

Nach Ansicht von Baldini ist der Ansatz von Migros und Swiss Recycling «nur der halbe Weg». Trotzdem sei jedes Kunststoffsammeln besser als das grundsätzliche Verbrennen von Plastik mit dem Hauskehricht, wie es derzeit in der Schweiz noch weitverbreitet Usus ist.

Ein Drittel Volumen im Abfallsack

Ob mit dem Kunststoffsammelsack oder mit dem Migros-System: Konsumenten sollen sich daran gewöhnen, Plastik separat zu entsorgen. Die Recycling-Spezialisten zweifeln nicht daran, dass die Bürgerinnen und Bürger in der Schweiz diesbezüglich begeisterungs- und lernfähig sind. Immerhin nimmt der Kunststoff rund 30 Prozent des Volumens im Kehrichtsack ein.

Baldini sagt: «Unsere Erfahrung zeigt: Es ist ein Bedürfnis der Bevölkerung, die grossen Mengen an Kunststoff sinnvoll zu nutzen. Die gesammelten Mengen waren in den verschiedenen Regionen von Anfang an konstant hoch.»