«Meine Mutter war eine Tasse Zucker. Man konnte sie jederzeit ausleihen», sagt die neunjährige Pearl. Und: «Sie kannte alle Liebeslieder, all die Ich-bring-dich-um-wenn-du-mich-verlässt-Lieder, die ganze Universität der Liebe.» Warum sich die Mutter trotzdem das Leben verpfuschen lassen will von diesem Mann namens Eli, kann Pearl nicht verstehen. Doch so ist es. Mit betörenden Bildern, die sich wie in den Mörderballaden eines Nick Cave über die harte Realität legen, zeichnet Jennifer Clement ein schicksalhaft vorherbestimmtes Leben: «Das Süsse sehnt sich nach dem Bösen, und Mr. Bad erkennt Miss Sweet immer schon von weitem», heisst es auf der ersten Seite ihres Romans «Gun Love».

Das Buch selbst ist angelegt wie eine Ballade. Mit dem Refrain schliesst sich der Kreis, und die Autorin schaltet einen Gang höher. Sie wechselt in den Modus eines eigenartigen Roadmovie, legt nochmals zu und lässt «Gun Love» im Stil von Quentin Tarantinos «Kill Bill» im Rächerinnenmodus ausklingen.

Die Krüppel im Veteranenspital

Margot war siebzehn, als sie schwanger wurde. Ihre Tochter brachte sie kurz vor ihren Abschlussprüfungen ganz allein auf die Welt und versteckte sie zunächst in einem Schrank. Dann setzte sie sich in den Mercury Topaz Automatik, den sie zum Geburtstag bekommen hatte, und flüchtete aus dem wohlhabenden, aber kaltherzigen Zuhause. Zunächst provisorisch richtet sich die Teenager-Mum mit Kind im Auto auf einem Trailerpark im Nirgendwo von Florida ein – zwischen einem Fluss voller Alligatoren, die nach den Beinen der spielenden Mädchen schnappen, und einer Müllkippe mit giftigen Dämpfen, die auf heiligem Indianerland eingerichtet ist. Hilfsarbeit findet sie in einem Veteranenspital, wo die am Traum der Amerikanischen Vormacht Zerschellten nunmehr ein trauriges Leben als Krüppel fristen.

Vierzehn Jahre später leben Pearl und Margot noch immer in dem Trailerpark. In inniger Liebe ist die Mutter-Kind-Familie miteinander verbunden. Bis der Mann namens Eli auftaucht. Margot, selbst fast noch ein Kind und kaum grösser als die Tochter, verfällt ihm sofort: «Meine Mutter riss den Mund auf zu einem grossen O und atmete ihn direkt in sich ein. Von da an musste er nur noch nach ihr pfeifen», sagt Pearl. Eli jedoch führt ein Doppelleben. Mit dem lokalen Pastor hat er einen Waffenhandel aufgezogen. Vor Ort kauft dieser den Leuten die Waffen ab, angeblich um der Waffenmisere ein Ende zu setzen, schmuggelt sie aber heimlich nach Mexiko über die Grenze. Aus dem geheimen Lager zweigt Eli eine Pistole ab und schenkt sie der Mutter «Eli dachte, das ist genau das, was eine Waffe braucht, zwei Mädchen, die allein in einem Auto leben», so Pearl. Seit Tschechow weiss man: Wird in einem Roman eine Waffe eingeführt, muss sie irgendwann losgehen.

«Gun Love» ist der fünfte Roman der US-amerikanischen Autorin Jennifer Clement und der zweite, der auf Deutsch übersetzt ist. Mit «Gebete für die Vermissten» hatte die heute 58-jährige Autorin, die in Mexico City aufgewachsen ist, 2014 viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Der Roman spielte in Mexiko, Schauplatz war die Stadt Guerrero in den Händen der Drogenmafia. Männer gibt es in Guerrero keine mehr, sie sind entweder tot oder in die USA ausgewandert. Die Frauen leben in ständiger Angst vor den Drogenbaronen. Ihre Töchter verstecken sie in Erdlöchern, oder sie malen ihnen gelbe und schwarze Zähne in den Mund, um sie vor Menschenhandel zu schützen. Jennifer Clement hat ausgiebig über versteckt lebende Frauen in der Narco-Kultur recherchiert. Darüber sprach sie beim Treffen, als sie 2014 mit dem Buch zu einer Lesung nach Zürich kam.

In «Gebete für die Vermissten» wie im neuen Roman «Gun Love» gehört die erzählerische Stimme einem Mädchen an der Schwelle zur Pubertät. In beiden Romanen nimmt die Sprache einen sofort gefangen. Pearl in «Gun Love» analysiert nicht, sie beobachtet und spricht scheinbar kindlich, verstörend schön. Die Bücher sind miteinander verknüpft. Beide erzählen von mafiösen Strukturen, beide von der existenziellen Ausgesetztheit der Mädchen, beide sprechen vom Elend diesseits und jenseits der Grenze, die vorgibt, die Länder zu trennen, tatsächlich jedoch das entscheidende Scharnier ist. Seit unter Bill Clinton der Zaun auf einer Länge von 1125 Kilometern gezogen wurde, kontrolliere die Drogenmafia die Grenze, hatte die Autorin 2014 gesagt. «Solange in den USA die Nachfrage nach Drogen besteht und sie legal und illegal Waffen liefern, ist es unmöglich, gegen die Anbieter vorzugehen.» Auch in den USA hat sie recherchiert. Im neuen Buch zeichnet sie das Milieu, aus dem sich der illegale Waffenhandel nährt. Es ist das Land der Abgehängten, der Sumpf von Trumps Anhängerschaft.

Der Stamm der Träumer

«Gun Love», das für den National Book Award nominiert war, ist jedoch keine sozialkritische Studie. Die 58-jährige Autorin ist die erste Präsidentin der Schriftstellervereinigung PEN International, sie hat zuvor mehrere Gedichtbände publiziert. Jennifer Clement setzt der kalten Realität mit ihren poetischen Bildern eine magische Wirklichkeit entgegen. Denn das ist es, was Margot ihrer Tochter mitgeben will: «Man lernt schnell, dass Träume besser sind als das Leben», sagt sie. «Wir gehören zum Stamm der Träumer.»

Doch Margot leidet an zu viel Mitgefühl, das sei eine Krankheit, sagt Pearl. «Gun Love» liest sich als altes Lied eines angekündigten Todes: «Sie lief direkt in die Kugeln hinein, als liefe sie an einem heissen Julitag in Florida in das Wasser einer Sprinkleranlage», so Pearl. Es ist nicht die Waffe, die Eli ihr gegeben hat. Noch nicht.