Vulkan
Wird der grösste Vulkan Islands bald den Flugverkehr lahmlegen?

Seit Ende August macht der grösste Vulkan Island unsicher – problematisch ist die giftige Gaswolke. Wenn Bárðarbunga ausbricht, befürchten Experten verheerende Folgen.

Andreas Walker
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Der Autor und Fotograf Andreas Walker war vom 17. bis 24. September vor Ort. Nur mit Bewilligungen kamen er und sein Team in die Zone rund um den isländischen Vulkan Bárðarbunga. Weil dieLage so brenzlig ist, wurde das Areal grossräumig abgesperrt. Das Team musste täglich 100 Kilometer in die Gefahrenzone fahren – und dieselbe Strecke abends wieder zurücklegen. Andreas Walker

Der Autor und Fotograf Andreas Walker war vom 17. bis 24. September vor Ort. Nur mit Bewilligungen kamen er und sein Team in die Zone rund um den isländischen Vulkan Bárðarbunga. Weil dieLage so brenzlig ist, wurde das Areal grossräumig abgesperrt. Das Team musste täglich 100 Kilometer in die Gefahrenzone fahren – und dieselbe Strecke abends wieder zurücklegen. Andreas Walker

Seit Ende August brodelt es am isländischen Vulkan Bárðarbunga. Experten befürchten, dass ein weiterer Ausbruch direkt unter dem Gletscher erfolgen könnte. Dies hätte verheerende Folgen.

Aus den Spalten des Holuhraun tritt seit Wochen rot glühende Lava an die Oberfläche. Als Holuhraun wird ein Lavafeld im isländischen Hochland nördlich des Gletschers Vatnajökull bezeichnet, das durch Spalteneruptionen entstanden ist. Bisher wurde dieses Lavafeld dem Vulkansystem des Askja
zugeordnet. Jetzt zeigen neuere Untersuchungen: Die Zusammensetzung der Lava weist auf eine Zugehörigkeit zum System der Bárðarbunga hin. Das Lavafeld ist inzwischen auf etwa 50 Quadratkilometer angewachsen.

Island und seine Vulkane

Island ist mit 17 bis 20 Millionen Jahren geologisch gesehen sehr jung. Dies ist durch die Lage auf dem Mittelatlantischen Rücken bedingt. Mittelozeanische Rücken, zu denen auch der Mittelatlantische zählt, sind Orte, an denen sich der Ozeanboden regelmässig erneuert. Durch Konvektionsvorgänge im Erdinnern entsteht eine Krafteinwirkung auf den Ozeanboden, in dessen Folge er «aufreisst» und der Riss durch nachfliessendes Magma ausgefüllt wird. Mit der Zeit entsteht ein unterseeisches Gebirge. Island liegt somit an der «Nahtstelle» der Eurasischen und Nordamerikanischen Platte. Da sich Europa und Nordamerika pro Jahr um zwei Zentimeter voneinander entfernen, wird die Erdkruste über dem Mittelatlantischen Rücken immer wieder aufgerissen und verursacht in Island eine grosse vulkanische Aktivität.

Giftgaswolke breitet sich aus

Besonders problematisch sind die giftigen Gase, die der Vulkan in riesigen Rauchwolken freigibt. Noch nie waren seit Beginn der Messungen Anfang der Siebzigerjahre derart dichte Schwaden von Schwefeldioxid über Island gemessen worden.

Etwa 20'000 Tonnen Schwefeldioxid pustet der Vulkan pro Tag in die Atmosphäre. In solchen Konzentrationen kann die Giftgaswolke des Vulkans die Gesundheit schädigen. Deshalb empfahlen die isländischen Behörden den Menschen, die in Windrichtung wohnen, Fenster und Türen zu schliessen. Messungen zeigen, dass sich die Schwefelwolke bis nach Norwegen erstreckt – Norweger berichten von einem unangenehmen Gestank. Sogar im Alpenraum konnte die Schwefelkonzentration des isländischen Vulkans problemlos nachgewiesen werden.

20'000 Erdbeben pro Monat

Nach Angaben des Icelandic Met Office (IMO) schiessen jede Sekunde 150'000 Liter zähflüssiges Gestein hervor, das sich langsam nordwärts wälzt. Innerhalb eines Monats wurden mehr als 20'000 Erdbeben registriert – ein klares Zeichen dafür, dass sich einiges tut unter der Erde. Deshalb befürchten Experten, dass bald der grösste Vulkan Islands, die Bárðarbunga, ausbrechen könnte. Dieser liegt unter dem Gletscher Vatnajökull im Südosten des Landes und ist jetzt wieder aktiv. Besondere Sorge bereitet den Geologen das Einsinken des Vulkangipfels. Denn der Krater – die Caldera – ist um mehr als 20 Meter abgesackt. Dieser Vorgang lässt befürchten, dass bald eine weitere Eruption bevorstehen könnte.

Sollte der Vulkan Bárðarbunga tatsächlich ausbrechen, würde der über 800 Meter dicke Gletscher auf dem Berg die Lava zunächst blockieren. Sobald die Lava jedoch den Gletscher durchdringt, würden Explosionen grosse Aschewolken erzeugen, die den Flugverkehr behindern würden. Zudem würde das geschmolzene Gletscherwasser eine riesige Flutwelle verursachen.

Böse Erinnerungen geweckt

Die Situation erinnert stark an den Vulkan Krafla in den Siebzigerjahren. Auch damals gab es ein Zusammenspiel mit der Oberfläche, die sich absenkte mit gleichzeitigen Lavaausbrüchen in einer Spalte weiter weg. Das wäre allerdings so etwas wie ein Worst-Case-Szenario, denn der Ausbruch des Krafla dauerte damals neun Jahre.

Noch präsenter, der Vulkan Eyjafjallajökull. Vor vier Jahren mussten aufgrund der ausgetretenen Vulkanasche nach dessen Ausbruch weite Teile des europäischen Luftraums für sechs Tage gesperrt werden. Es gilt dies als beispiellose Beeinträchtigung des Luftverkehrs infolge eines Naturereignisses. Mehr als zehn Millionen Flugpassagiere waren davon betroffen und der finanzielle Schaden für die Luftfahrt bezifferte sich auf 1,7 Milliarden Dollar.