Tierwelt

Zwei weisse Gämsen: Urner Naturfilmern gelingen sensationelle Aufnahmen

Tony Gnos und sein Sohn Fabian haben in Uri zwei Albino-Gämsen mit ihren Kameras eingefangen. Das dürfte weltweit eine einzigartige Entdeckung sein.

Schon vor knapp 20 Jahren war es beinahe unglaublich: Damals gelang es dem Urner Tier- und Naturfilmer Tony Gnos Film im Schächental sowie im oberen Reusstal je eine schneeweisse Gämse zu filmen. Forscher gehen davon aus, dass solche Albino-Tiere nur alle paar Jahrzehnte zur Welt kommen. Doch nun konnte er diese Sensationsentdeckungen noch toppen.

«Die Erzählungen von den beiden weissen Gämsen am gleichen Ort verwirrten mich und machten mich als Tier- und Naturfilmer zugleich auch stutzig und neugierig», erzählt Tony Gnos. «Ich wollte der Sache auf den Grund gehen und das besagte Gelände genau erkunden.» Mit einem fünfzehn Kilogramm schweren Rucksack, voll beladen mit Kameras, Fotoapparaten, Verpflegung und Stativ ging die »Expedition weisse Gämsen» los. Mit dabei war auch Tony Gnos Sohn Fabian, der bereits ein erfahrener Fotograf ist.

Fabian Gnos unterstützt seinen Vater Tony bei Tieraufnahmen.

Fabian Gnos unterstützt seinen Vater Tony bei Tieraufnahmen.

Hühner bringen die Motivation zurück

«Das schöne frühlingshafte Aprilwetter trieb die Gämsen immer weiter nach oben», erzählt Gnos. «Für uns bedeutete diese Situation höher hinaufzusteigen. Doch von den weissen Gämsen fehlte jede Spur.» Als hätte sie der Erdboden verschluckt, so der Tierfilmer. Da Gämsen weite Strecken zurücklegen können, seien viele Standorte in Frage gekommen, was es für die Filmer schwierig machte. «Es war zu felsig und unübersichtlich und hinter jeder Vertiefung konnten die gesuchten Tiere versteckt sein.» Ausser ein paar Aufnahmen von gewöhnlichen Gämsen kam den «Jägern ohne Gewehr» nichts vor die Linse.

‹Also doch eine erfundene Geschichte›, dachten sich die beiden. «Der erste Erkundungstag war für uns beide kein grosser Aufsteller.» Ohne die weissen Gämsen gesehen zu haben, wurde der Abstieg in Angriff genommen. «Auf dem Rückweg haben balzende Birkhühner unsere Motivation wieder zurückgebracht», erinnern sie sich. Dabei seien ihnen einige tolle Aufnahmen gelungen.

Tierfilmer Tony Gnos hat zwei Albino-Gämsen vor die Linse bekommen.

Tierfilmer Tony Gnos hat zwei Albino-Gämsen vor die Linse bekommen.

«Wir glaubten unseren Augen nicht»

Das kribbelige Gefühl, es könnte doch etwas Wahres an der Sache sein, liess die beiden aber nicht mehr los. «Wir wollten nun erst recht den Dingen auf den Grund gehen.» Mit Feldstecher, Filmkamera und Fotoapparaten machten sie sich erneut auf den Weg, die beiden «Fabelwesen» zu finden. In der Nacht waren hoch oben 25 Zentimeter Neuschnee gefallen, was die Berge weiss gepudert zurück liess. Die Chance für die beiden Filmer, dass die Gämsen nochmals in tiefere Lagen gekommen waren, um an ihre Nahrung zu gelangen.

Hinter einem Felsbrocken versteckt, mit einem Tarnnetz überdeckt, um möglichst unsichtbar zu bleiben, suchten sie die gesamte Gegend ab. «Und da plötzlich tauchten die beiden Fabelwesen auf», erzählt Tony Gnos. «Wir glaubten unseren Augen nicht. Grenzenloses Staunen überkam uns. Die Überraschung und die Befriedigung waren für uns unbeschreiblich gross.» Geduld, Ausdauer und Beharrlichkeit hätten sich einmal mehr ausbezahlt. «Der grosse Aufwand und der Druck waren plötzlich nicht mehr spürbar, einfach wie weg geblasen.»

«Fabelwesen» verschwinden im weissen Schleier

Bald allerdings machte aufziehender Nebel die Sicht für das Filmen nicht mehr möglich. Immerhin gelangen Sohn Fabian einige Fotos, auf denen beide weissen Gämsen gleichzeitig zu sehen sind. Danach verschwanden die «Fabelwesen» im weissen Schleier. Die Aufnahmen für die jüngste Dokumentation «Unsere Wildnis» sind aber gesichert. «Und zudem wissen wir, wo die beiden Fabelwesen zu finden sind», sagt Gnos. Wo genau, behalten die beiden für sich, denn ihnen liegt es am Herzen, die Natur nicht zu stören.

Eine Legende schützt die Tiere

So sagt denn auch Gnos: «Als Tier- und Naturfilmer hoffen wir, dass die weissen Gämsen im Urnerland als Symbol der Schönheit im Tierreich dem Kanton Uri erhalten bleiben.» Dabei liegen die Hoffnungen der beiden auch auf einer Legende: Dieser zu Folge soll ein Jäger, der eine weisse Gämse erlegt, innerhalb eines Jahres sterben. So wird in Jägerkreisen erzählt, dass Erzherzog Franz Ferdinand 1914 in Sarajevo ermordet wurde, nachdem er eine weisse Gämse geschossen haben soll. «Wenn die Jäger das glauben, dann haben die weissen Gämsen gute Überlebenschancen», meint Tony Gnos.

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