1. Mai in Zürich
1. Mai in Zürich – Krawalle im Langstrassenquartier

Weniger Sachbeschädigungen am 1. Mai, dafür aber viele ganz junge Krawallbrüder Dem friedlichen 1.-Mai-Umzug mit 12 000 Teilnehmern folgten gewalttätige Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Demonstranten im Zürcher Langstrassenquartier.

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Um 15.25 Uhr setzten sich die schweren Fahrzeuge der Polizei Richtung Helvetiaplatz in Bewegung. Bis dahin hatte sich die Polizei in den Nebenstrassen im Hintergrund gehalten. Die Stimmung war ruhig - es sollte die Ruhe vor dem Sturm sein, wie sich zeigte.

«Herr Merz: Wir sitzen nicht im gleichen Boot»

Rund 12 000 Menschen nahmen am 1.-Mai-Umzug von 1.-Mai-Komitee und Gewerkschaftsbund teil - mehr als in den vergangenen Jahren. Unter dem Motto «Eure Krise zahlen wir nicht!» demonstrierten sie gegen Stellenabbau, Lohnexzesse und gegen das Austragen der Wirtschaftskrise auf dem Rücken der Schwachen. Die grösste Gruppierung am Umzug machten dieses Jahr die Tamilen aus. An der Schlusskundgebung auf dem Bürkliplatz fanden die Redner deutliche Worte für die in ihren Augen Schuldigen an der Krise. Paul Rechsteiner, Präsident des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes (SGB), wusste das Publikum auf seiner Seite, als er beklagte, dass das Parlament bei der Sprechung der milliardenschweren Finanzspritze für die UBS übergangen worden sei - dass aber die UBS-Aktionäre an der Generalversammlung über eine Annahme des Geldes hätten abstimmen können. Lautstarker Beifall bekam Rechsteiner als er rief: «Herr Merz, Herr Ospel, Herr Pelli: Wir sitzen nicht im gleichen Boot!» Zudem forderte er das Publikum auf, sich gewerkschaftlich zu organisieren.
Markige Worte fand auch Stiller-Has-Sänger Endo Anaconda, dem die Sympathien der Zuhörer zuflogen: «Mein Herz schlägt da, wo es anatomisch richtig ist, nämlich links», erklärte er zum Auftakt seiner Rede. Anaconda kritisierte, dass die Bürgerlichen die Finanzkrise als «Naturkatastrophe» darstellen wollten, die über sie hereingebrochen sei. Für ihn lag vielmehr nahe: «Diese Krise ist nichts anderes als eine Art Schweinegrippe des Finanzplatzes». Den Wirtschaftsführern warf er vor, sie seien nicht fähig längerfristig zu planen und sie verhielten sich «wie Dagobert Duck auf Crack». Anaconda rief die «Genossen» dazu auf, sich aktiv einzusetzen, anstatt die «Faust im Sack» zu machen. (ske)

Lage schien unter Kontrolle

Um halb vier sperrte die Polizei die Zufahrtstrassen zum Kanzleiareal ab und fuhr mit Wasserwerfern vor. Sie riegelte das Areal ab und umzingelte die dort Versammelten. Es kam zu den ersten Scharmützeln mit der Polizei. Nachdem diese Gummischrot, Wasserwerfer und Tränengas eingesetzt hatte, schien sich die Situation vorerst zu beruhigen. Doch im Verlauf des Nachmittags eskalierte die Situation wieder. An der Langstrasse gerieten Polizei und Demonstranten erneut aneinander. Immer mehr Chaoten und Schaulustige bewarfen die Sicherheitskräfte mit Flaschen und Steinen.

Neben den Scharmützeln mit der Polizei gerieten sich auf den Strassen rund um den Helvetiaplatz auch Vandalen gegenseitig in die Haare. Wie Polizeisprecher Marco Cortesi gegenüber «20 Minuten online» bestätigte, sollen an den Krawallen sowohl Links- als auch Rechtsextreme beteiligt gewesen sein, aber auch Hooligans.

Nach ersten Erkenntnissen der Polizei seien unter den Vandalen zahlreiche sehr junge Teenager gewesen, die ihr Tun mit dem Handy filmten. Hinzu kam, dass die Schaulustigen die Arbeit der Polizei erschwerten: Unzählige hatten sich im Gebiet Helvetiaplatz/Langstrasse eingefunden und bei vielen war die Neugierde und das Bemühen, einen möglichst guten Einblick auf die Zusammenstösse zu bekommen wichtiger, als jegliches Sicherheitsdenken.

So liefen sie immer wieder Gefahr, von heranfliegenden Flaschen der Chaoten oder durch die Gummigeschosse der Polizei getroffen zu werden. Das 1.-Mai-Komitee kritisierte am Abend die Polizei: nach anfänglicher Deseskalationsstrategie sei die Polizei zu einem rücksichtslosen Vorgehen übergegangen, heisst es in einer Stellungnahme.

Im Vergleich zum Vorjahr seien massiv weniger Sachbeschädigungen registriert worden, wie Stadtpolizeisprecher René Ruf mitteilte. Vereinzelt gingen Abfallcontainer in Flammen auf. Die Polizei kontrollierte etwa 50 Personen und verhaftete gegen Abend auch rund 30 Personen, vereinzelt auch Minderjährige. (ske)

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