80. Geburtstag

80 Jahre Christoph Blocher: Die grösste Partei im Land bröckelt– für ihn geht der Kampf weiter

Christoph Blocher an seinem Swimmingpool in Herrliberg. Die Aufnahme ist aus einem  Wahlkampffilm der SVP aus dem Jahr 2015.

Christoph Blocher an seinem Swimmingpool in Herrliberg. Die Aufnahme ist aus einem Wahlkampffilm der SVP aus dem Jahr 2015.

Christoph Blocher wird 80 Jahre alt. Seine Kräfte schwänden, sagt er. In der SVP rumort es. Aber ein Rückzug aus der Politik komme nicht in Frage.

Was für eine Aufregung! «Blocher verkündet Rückzug aus der Politik», meldet die Online-Ausgabe des «Blick» am Freitagmorgen. Hört der Übervater der SVP auf, jetzt, da er seinen 80. Geburtstag feiert?

Natürlich nicht. Ein Journalist des Schweizer Fernsehens hatte seinen Beitrag, der am Abend in der Sendung «10 vor 10» ausgestrahlt wurde, allzu offensiv angekündigt, auf Twitter.

Blocher war darob nicht amüsiert. «Ich ziehe mich aus der Parteipolitik zurück, aber nicht aus der Politik», sagte er dieser Zeitung wenig später am Telefon. Er werde dazu beitragen, dass der Rahmenvertrag mit der EU Schiffbruch erleide.

Blocher wird am Sonntag 80. Und in der SVP ändert sich nichts. Auch der Rückzug aus der Parteipolitik, von dem Blocher nun spricht, ist ein Gaukelbild. Er sitzt zwar in keinem Parteigremium mehr. Aber die grossen Linien der SVP gibt Blocher vor wie eh und je. Und vor wichtigen Personalentscheiden wird der Parteivater konsultiert. Manchmal stösst er sie auch an.

Stimmen zu Christoph Blochers 80. Geburtstag:

Blochers Dominanz war kein Problem, solange die SVP wuchs und wuchs. Nun fällt sie in den Wahlen zurück, schneidet schlecht ab in Volksabstimmungen  – und in der Partei wächst die Zahl derer, die sich einen anderen Kurs wünschen: weniger auf die Kritik an der Zuwanderung und an der EU ausgerichtet, weniger konfrontativ gegenüber anderen Parteien, kompromissbereiter.

Manchmal wirkt er wie jemand, der die Welt nicht mehr versteht

Blocher ficht das nicht an. «Es gibt nichts Neues unter der Sonne», sagt er. Er meint damit den Streit in der Partei, der ausbrach, nachdem er 1977 die Kantonalzürcher Sektion übernommen hatte. Blocher gab ihr eine nationalkonservative Ausrichtung – was vor allem in Bern auf Unverständnis stiess.

80 Jahre Christoph Blocher

Wir schauen zurück auf Blochers lange und aussergewöhnliche Polit-Karriere. Von seinem ersten grossen Erfolg, dem EWR-Nein 1992, über seine Zeit im Bundesrat und dem Krimi um seine Abwahl vier Jahre später.

Blocher zeigte dann, wie man strategisch ans Werk geht: Sein Verbündeter Ueli Maurer gründete als Präsident der SVP eine Kantonalsektion nach der anderen. Blocher und Maurer achteten darauf, dass in die neuen Parteiämter stets Politiker kamen, die auf ihrer Linie waren. So standen die Berner mit ihrer moderateren Ausrichtung bald alleine da. Und knickten schliesslich ein.

Blocher brachte die SVP auf fast 30 Wählerprozente, er machte aus dem Unternehmen Ems einen Milliardenkonzern, er war Oberst und Regimentskommandant – der Herrliberger spricht von der «Dreifaltigkeit des helvetischen Staates»: Unternehmer, Politiker, Militärkarriere. In allen Bereichen war sein Erfolg sehr gross. Ausserdem baute er eine bedeutende Kunstsammlung auf.

© CH Media

Es ist jedoch eine Generation herangewachsen, die andere Prioritäten setzt. Die sich eine Familienpolitik wünscht, die den Frauen die Teilnahme an der Arbeitswelt weniger erschwert. Die Jungen fordern Massnahmen gegen die Klimaerwärmung und Reformen in der Altersvorsorge.

Blocher kann damit nicht viel anfangen. Nach dem Abstimmungssonntag von Ende September, an dem die SVP gleich vier klare Niederlagen einstecken musste, sprach er von «Dekadenz». Er wirkte wie jemand, der nicht verstehen kann, dass die Welt nicht mehr gleich funktioniert wie früher.

Einen Nachfolger aufzubauen, das interessiert Blocher nicht

Im Zentrum steht für ihn nach wie vor die Unabhängigkeit des Landes und damit der Kampf gegen den vermaledeiten Rahmenvertrag. Darauf konzentriert Blocher seine Kräfte. Es zeichnet sich ab, dass er in der Ablehnung des Vertrages nicht mehr so alleine dastehen wird als 1992, als er seinen grössten politischen Erfolg errang: Die Schweizer Stimmberechtigten lehnten den Beitritt des Landes in den Europäischen Wirtschaftsraum ab.

Blocher sagt nun, er habe den Beitritt der Schweiz zur EU verhindert. So weit war man damals aber noch nicht. Zum Aufstieg der SVP trug die Abstimmungsschlacht von 1992 jedenfalls massgebend bei.

Die grösste Niederlage erlitt er 2007, als er aus dem Bundesrat abgewählt wurde. Ein Weggefährte meint, der «Mangel an Konzilianz», der den Blochers eigen sei, habe dazu geführt. Der Vater verlor die Stelle als Pfarrer, Bruder Gerhard ebenso.

Und Christoph Blocher habe in Bundesbern, wo er gründlich aufräumen wollte, allzu viele Menschen seine Geringschätzung spüren lassen. Im Bundesrat war man nicht unglücklich über seine Abwahl. Blocher hatte die Regierungskollegen Woche für Woche mit einer Flut von Mitberichten auf Trab gehalten.

Blocher traf die Abwahl tief. Es erfüllte ihn mit Missmut, dass er die Strategie seiner Gegner nicht antizipiert hatte. Die SVP verabschiedete sich in die Opposition, aber nur kurz. Nach zwei Jahren der Bedrückung richtete sich Blocher wieder auf. Parteipräsident Toni Brunner erwies sich als Glücksfall für die SVP. Und im Hintergrund zog Blocher die Fäden.

Ein Parteiexponent sagt, er wolle sich nicht vorstellen, was geschehe, wenn der Parteivater nicht mehr da sei. Personell sei die Partei zu wenig gut aufgestellt. Es drohten Konflikte auszubrechen, die jetzt unter dem Deckel gehalten werden könnten – zum Beispiel zwischen Magdalena Martullo-Blocher und Roger Köppel. «Die beiden sind völlig verschieden, aber in einem sind sie sich gleich: Der eine hält den anderen für überschätzt. Wechselseitig.»

Einen Nachfolger aufzubauen, das ist nicht Blochers Sache. Er tat das auch nicht bei der Ems. Als er in den Bundesrat gewählt wurde, standen seine Kinder bereit. Sie leiten die Unternehmen mit grossem Geschick. Wobei bei Magdalena Martullo-Blocher die Familientradition der fehlenden Konzilianz eine besondere Ausprägung erfahren hat.

«Das Leben ist ein unglaublicher Zufall, Glück, Fügung, Gnade», sagt Blocher in einem Interview. Manchmal dauert es einen Moment, bis ihm das richtige Wort einfällt. «Die Kräfte schwinden, das Gedächtnis lässt nach», meint er. Aber ein Abschied aus der Politik – das kommt nicht in Frage.

Blocher wird am Sonntag mit der Frau feiern, den vier Kindern, ihren Partnern und mit den zwölf Enkeln. Der Jubilar hat eine Maskenpflicht verhängt. In der SVP gibt Blocher die Macht nicht ab. Aber seit Corona zählt er zur Risikogruppe.

Ein Brief zum Geburtstag: Lieber Christoph Blocher,

Was bleibt von der Politik, wenn Sie nicht mehr sind? Sie haben die politische Dynamik der Schweiz immerhin geprägt wie kaum ein anderer in den letzten Jahrzehnten. Sie sind wie ein Fels, der da stand, in einem Meer, immer klar, immer gleich. Ein Mensch, an den man sich, je nach Gesinnung, anlehnen konnte oder an dem man sich leidenschaftlich aufrieb.

Sie brachten die wütendste, entschlossenste Opposition zusammen, die sich gegen Sie verbündete, und entfachteten für einige junge Menschen eine Leidenschaft für das von Ihrer Partei, der SVP, so gern zitierte Vaterland. Sie werden genauso verehrt wie gehasst, und sind insofern ganz und gar unschweizerisch.

Ich erinnere mich noch daran, wie Sie 2007 tobten, als Ihnen während der Nacht der langen Messer in Bundesbern der Dolch in den Rücken gebohrt wurde und Sie aus dem Nationalratssaal stürmten, begleitet von einem Tross an Kameras und Reportern. Was hat das mit Ihnen gemacht?

Ich würde mich gerne an einem verregneten Sonntagnachmittag zu Ihnen in die Stube setzen und ein paar Fragen stellen. Ich frage mich, was Ihnen durch den Kopf geht, bevor Sie einschlafen. Ob Sie als junger Mann verborgene Gedanken daran hatten, in eine linke Partei einzutreten, sich das aber dann schnell verflüchtigte.

Ich frage mich, was Sie noch vorhaben, jetzt, mit 80 Jahren, ob Sie schon ein Fazit ziehen und ob Sie sich denn einen Segen wünschen, wenn es so weit ist, und von wem.

Ich glaube, Sie schämen sich nicht schnell. Sie mögen tragfähige Beziehungen. Und Menschen, die anpacken. Sie haben es geschafft, sich volksnah zu geben, obwohl Sie sich in Herrliberg verschanzen wie ein Notenbankpräsident. Sie haben es immer geschafft, bodenständig zu wirken, obwohl Sie einer der reichsten Männer des Landes sind.

Sie haben es immer geschafft, werttreu und familienorientiert zu wirken, obwohl Sie die Öffentlichkeit ein Jahr belogen haben, als es um den Kauf der «Basler Zeitung» ging. Ich weiss nicht, wie viele Menschen Sie wirklich achten. Und ob Sie auch welche bewundern. Doch Ihre Balanceakte, die haben Sie nie an Popularität einbüssen lassen.

Ich erinnere mich an den Moment, in dem Sie im Dokumentarfilm «L’Expérience Blocher» von Jean-Stéphane Bron in der Limousine sitzen und aus dem Autofenster auf die vorbeiziehenden Felder blicken. Sie, der Mann, der gegen den Rat seines Vaters eine Bauernlehre absolvierte. Und der Ihnen irgendwann sagte: Was wirst du tun? Du hast kein Land.

Ihr Kampf um Land hat die Schweizer Politik jahrzehntelang geprägt wie kaum etwas anderes. Man kann Ihnen vorhalten, was man will, aber ich glaube, Sie sind sich selbst immer treu gewesen. Ich mag mit Ihnen nicht einig sein, wenn es darum geht, wen ich als schwarzes Schaf sehe, doch

Sie waren mir eine Leitplanke. Eine Figur. Eine Haltung. Sie haben durch Ihre Öffentlichkeit mitgeholfen, mich zu politisieren.

Alles Gute zum Geburtstag, Herr Blocher,

Ihre Anna Miller (Jg. 1987), Journalistin

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