Schweiz

Affäre um Schweizer Hochseeflotte: Das Schweigen der Oldtimer-Liebhaber

Anlass für gut betuchte Autofans in idyllischer Umgebung: Die Oldtimer-Rallye im Oberengadin.

Anlass für gut betuchte Autofans in idyllischer Umgebung: Die Oldtimer-Rallye im Oberengadin.

In der Hochsee-Affäre, die den Bund 350 Millionen kostet, spielen private Investoren eine Rolle. Doch viele von ihnen tauchen ab.

Das British Classic Car Meeting im Oberengadin ist ein beliebtes Treffen der gut betuchten Oldtimer-Fans, mit einer Rallye und einer Art Schönheitswettbewerb. 2007 war Reeder Hansjürg Grunder mit Gattin am Start. Mit einem Austin Healey 100M «Le Mans» BN2, Baujahr 1956. So steht es auf der «Star­ting List», abrufbar im Internet.

Die Teilnehmerliste der Ausgabe 2017 des Stelldicheins der Liebhaber britischer Edelkarossen schmückt der Berner Wirtschaftsanwalt Nicolas Koechlin samt Gattin, auf einem Aston Martin Baujahr 1953. Die Oldtimer-Freunde haben noch mehr gemeinsam. Sie sind oder waren an Hochseeschiffen beteiligt, die dem Bund viel Mühe und noch mehr Kosten verursachen.

Der Fall des ehemaligen Reeders Grunder ist bekannt. Seine Flotte von zwölf bundesverbürgten Hochseeschiffen ging pleite, was die Steuerzahler über 200 Millionen kostete. Im Juni muss sich Grunder vor dem Berner Wirtschaftsstrafgericht verantworten. Vorwurf der Berner Staatsanwaltschaft: Leistungsbetrug, Betrug, ungetreue Geschäftsbesorgung und Urkundendelikte. Deliktsbetrag: mehrere Millionen. Es gilt die Unschuldsvermutung.

Ein Schiff mit Waffen für Saudi-Arabien

Im Fall von Koechlin war es der von Grunder bereederte Frachter SCL Angela, der vom Bund notfallmässig verkauft werden musste. Im gleichen Aufwisch wie die Grunder-Schiffe. Der Bundesrat schrieb in den Nachtrag zum Voranschlag 2017: «In einem Fall, der SCL Angela, hat sich der Bund in Absprache mit der Eignerin entschieden, das Schiff aufgrund fehlender wirtschaftlicher Perspektiven, auch im Interesse der Schadensminimierung für die Eignerin und den Bund, in den Prozess der SCL-Gruppe einzubinden.»

Wie aus dem Bericht der Finanzdelegation der Räte hervorgeht, «honorierte» der Bund damals «die Bürgschaft der SCL Angela in Höhe von CHF 10628800».

Zehn Millionen für die «Angela». Sie ist eines von vier sogenannten «Investorenschiffen» aus dem Umfeld des Pleite-Reeders. Die anderen drei heissen «Basilisk», «Helvetia» und «Trudy». Die Schiffe gehörten nicht Grunder, sondern Investoren. Dem Vernehmen nach wurden sie einst über die UBS finanziert. In die «Angela» und die «Basilisk» hatte die Gruppe um Wirtschaftsanwalt Koechlin investiert. Der Frachter «Basilisk» machte im Sommer 2019 als «Thorco Basilisk» Schlagzeilen, weil er Waffen nach Saudi-Arabien transportiert haben soll. Anwalt Koechlin schweigt auf sämtliche Anfragen. Er gilt als Sammler von Aston Martins. Mehrere Dutzend dieser Bond-Vehikel habe er in einer Garage stehen, erzählt man sich in der Schiffsbranche. Einer von Koechlins Partnern in den Schiffsgesellschaften, der Zürcher Finanzplaner Felix Horlacher, hält auf Anfrage fest: «Als private Gesellschaft äussern wir uns nicht öffentlich.» Ein Verkauf der «Basilisk» sei «in nächster Zeit nicht geplant». Und: Dem Bund entstünden wegen des Schiffs «keine Verluste». In die «Helvetia» hatte Oskar Schwenk mehrere Millionen investiert. Er ist Patron der Flugzeugwerke Pilatus. Die «Helvetia» wird jetzt offenbar ebenfalls notverkauft. Der Vertrauensliquidator des Bundes, der Berner Anwalt Fritz Rothenbühler, ist kürzlich bereits in die fragliche Schiffsgesellschaft eingetreten. Auch bei der «Helvetia» dürften für den Bund Verluste von um die zehn Millionen resultieren. Schwenk antwortete dieser Tage nicht auf eine SMS-Anfrage zur Sache.

Der Pilatus-Patron hatte mitten in der Schifffahrtskrise in das Schiff investiert. Auf eine frühere Anfrage hatte Schwenk geantwortet: «Sie haben recht, ich bin mit der Swiss Cargo Line (SCL), die Herrn Grunder gehört, viel zu spät eingestiegen und wurde damals halt falsch informiert über die Aussichten.» Er betonte aber: «Die ganze Angelegenheit betrifft mich persönlich und hat nichts mit Pilatus zu tun.»

Ein Investor, der von Bundesbürgschaften profitiert und jetzt lieber abtaucht, ist Konrad Schnyder. Seine Familie wurde mit dem Schienenbauunternehmen Sersa reich. Ihm gehört die «Trudy». Kontaktversuche zu Schnyder scheitern. Auf die Frage, ob er sich dazu äussern könne, wie es zum Engagement kam und wie viel er und der Bund jetzt verlieren, heisst es bei einem Schnyder-Unternehmen: «Danke für Ihr Verständnis, dass wir weder den Inhalt Ihres E-Mail bestätigen noch als Auskunftspersonen dienen können.» Den Kontakt zu Schnyder will die Firma nicht herstellen.

Die «Trudy» ist, geht es nach Schiffskennern, ein etwas spezieller Frachter. Er verfüge über eine «luxuriös eingerichtete Eignerkabine», die für niemanden zugänglich sei ausser das Ehepaar Schnyder. Das sei unüblich, weil die Kabinen auf den Frachtern Mangelware seien. Unbenutzte Reederkabinen würden normalerweise Mitreisenden wie Inspektoren, Servicetechnikern oder Lotsen zur Verfügung gestellt.

Ein Mercedes, ein Jaguar, ein Boot und eine Jacht

Bisher kosten die gesammelten Schiffspleiten den Bund bis zu 350 Millionen Franken. Bürgschaften in etwa der gleichen Höhe stehen noch aus. Aber wenn es um ihre vom Bund subventionierten Schiffe geht, ziehen Investoren die Tauchstation vor. Dass das nicht immer geht, erlebte jetzt der ehemalige Reeder Grunder. Noch Ende 2017 sagte einer seiner Vertrauten im Gespräch: «Er hat kein Geld mehr.» Er könne sich nicht mal mehr eine Flugreise leisten.

Es kam dann doch noch ein bisschen Geld zum Vorschein. Aus einem Urteil des Berner Obergerichts geht hervor, dass die Behörden im Juni 2018 «das gesamte Vermögen» des Reeders beschlagnahmten. Konto- und Depotsperren seien verfügt worden, Grundbuchsperren zu Grundstücken an drei verschiedenen Orten, «Beschlagnahme zahlreicher Fahrzeuge, Boote etc.». Was konkret zu den Besitztümern des angeblich Mittellosen und seiner Frau gehörte, geht aus einem Entscheid des Berner Obergerichts vom Oktober 2018 hervor. Dort sind einige Vehikel aufgeführt, deren Herausgabe Grunder beantragt hatte, wie ein Mercedes-Benz D SL 500, ein BMW USA X3, ein Jaguar, eine Segeljacht und ein Motorschiff. Der Austin Healey aus St.Moritz fehlt auf dieser Liste.

Zwölf Privatkläger beteiligen sich am Prozess gegen Reeder Grunder. Einer ist der Bund. Es ist allerdings anzunehmen, dass der eine oder andere der oben genannten Investoren dazugehört und vom Reeder Geld zurückhaben will.

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