Interview

Afghanische Bürgermeisterin in der Schweiz: «Ich habe Angst, dass die Taliban mich töten»

Erst 27 Jahre alt und schon Bürgermeisterin: Zarifa Ghafari.

Erst 27 Jahre alt und schon Bürgermeisterin: Zarifa Ghafari.

Zarifa Ghafari führt in Afghanistan eine Stadt mit 14'000 Einwohnern. Nun besucht sie die Schweiz. Eine Begegnung.

Todesangst hatte Zarifa Ghafari das letzte Mal vor rund zwei Monaten, eine Gasexplosion im Haus ihrer Eltern in Kabul, Afghanistan, und sie, die versuchte, das Feuer an ihren Beinen zu ersticken. Ausgerechnet an einer Gasexplosion wäre sie fast gestorben, die 27-jährige Frau, der der IS und die Taliban androhen, sie zu ermorden. Ghafari wurde vor neun Monaten zur jüngsten Bürgermeisterin Afghanistans ernannt, vom Präsidenten persönlich.

Nun sitzt sie in Basel in ihrem Hotelzimmer, ein paar Stunden bleiben noch, bis sie am Swiss Peace Forum darüber sprechen wird, warum sie sich dieses Amt überhaupt antut. Sie hat ihren Schleier abgelegt, das Handy neben sich, und dieser Blick, der ganz ruhig ist, keine Spur von Angst.

Haben Sie Angst vor dem Tod?

Zarifa Ghafari: Nein, nicht wirklich, wir sind darin doch alle gleich: Wir werden geboren und müssen sterben, und dazwischen leben wir, länger oder nicht, das spielt eigentlich nicht so eine Rolle. Wirkliche Angst macht mir etwas anderes.

Was denn?

Dass die Taliban mich töten, bevor ich wirklich etwas zustande gebracht habe. Das könnte ich mir schlecht verzeihen. Ich muss rechtzeitig noch einiges anreissen, meine Stadt Maidan Shar zum Besseren verändern (dort ist sie Bürgermeisterin, die Red.). Ich wäre gern eine Heldin.

Eine Heldin?

Nicht in dem Sinne, dass ich einfach berühmt sein will, um berühmt zu sein. Das würde ja niemandem etwas nützen. Aber ­jemand, der über viele Jahre im Gedächtnis der Menschen bleibt, einer ganzen Nation. Ich will meinem Land dienen, und wirklich grosse Veränderungen erreichen. Und, vielleicht das auch noch: Ich würde gerne noch etwas Grösseres schaffen als alle Männer vor mir.

Als Frau, die ein politisches Amt innehat, sind Sie ja eine Ausnahme. Und ein Hass­objekt.

Ja, absolut. Aber ich lasse mich nicht einschüchtern. Ich stehe an der Front, oft ganz alleine, in so vielen Bereichen meines Lebens. Aber jemand muss vorangehen, damit die anderen folgen können. Meine Schwestern. Andere Frauen. Ich ebne den Weg hoffentlich für ein Afghanistan, das Fortschritt will, und worin Gleichberechtigung der Geschlechter und Frieden das Ziel sind.

Eigentlich hätte Zarifa Ghafari vor über einem Jahr ihr Amt antreten sollen. Sie hatte sich für das Amt des neuen Bürgermeisters von Maidan Shar beworben und überraschend gewonnen. Und sollte nun eine Stadt mit 14'000 Einwohnern in der Provinz Wardak führen, 45 Kilometer von der Hauptstadt Kabul entfernt. An ihrem ersten Tag im Büro wurde sie von einem Männer-Mob bedroht und daran gehindert, ihren Dienst anzutreten, die Männer waren mit Stöcken bewaffnet und warfen Steine nach ihr.

Eine 26-jährige Frau ohne politische Partei im ­Rücken, ohne Netzwerk und ohne finanzielle Mittel hatte das Bewerbungsverfahren gewonnen, das wollte niemand akzeptieren. Sie musste Sicherheitsschutz in Anspruch nehmen, Monate auf die Amtseinsetzung warten. Alle sagten zu ihr: «Zarifa, vergiss es, sowas wird es nicht geben, such dir einen anderen Job.» Doch der Präsident setzte sich persönlich dafür ein, dass sie zurückkommen konnte, und sie tat es. Sie wohnt in Kabul und pendelt jeden Tag zwei Stunden in ihren Geburtsort, weil es für sie zu gefährlich wäre, sich nach Einbruch der Dunkelheit dort aufzuhalten.

Warum ist es Ihnen wichtig, für die Rechte von Frauen zu kämpfen?

Weil das gerecht ist. Und weil die Frauen in Afghanistan zu Hause sitzen und nichts tun. Es ist doch so, als würden Sie ein Auto fahren, und nur zwei Räder laufen, und die anderen beiden stehen still. Kommen Sie so vor­an? Eben. Wenn 50 Prozent einer Bevölkerung das Land nicht vorantreiben, nicht partizipieren, dann kann es keinen wirklichen Fortschritt geben. Nicht für die Menschen, nicht für die Gesellschaft, nicht für ­Afghanistan als Land.

Was haben 30 Jahre Taliban-Herrschaft mit Ihrer Heimat gemacht?

Wir sind im ständigen Krieg, die Leute ziehen sich zurück. Sie glauben nicht mehr daran, dass man etwas erschaffen kann. Ich lebe mit diesem Zustand, seit es mich gibt, für mich gehören die Taliban sozusagen zum Stadtbild dazu. Für mich ist das nichts Aussergewöhnliches mehr. Und die gehen nicht so schnell weg. Also müssen wir doch anfangen, ihnen entgegenzutreten. Und langsam merke ich, wie ich Unterstützung erhalte. Von den Männern, die am Anfang am lautesten gegen mich waren. Das erfüllt mich mit Stolz.

Wie gefährlich sind Taliban und Islamische Staat IS nach Ihrer Einschätzung?

Gar nicht gefährlich. Überhaupt nicht, verstehen Sie. Natürlich, sie haben Waffen, aber im Grunde sind das doch einfach ein paar Männer, die den Menschen so lange drohen und ihnen Angst machen, bis sie sich nicht mehr trauen, sich zu wehren. Die Taliban zielen darauf ab, die Menschen psychisch zu terrorisieren. Dabei sind sie im Grunde doch nur eine Gruppe Terroristen, mehr nicht. Wie viele sind es schon? Eine Million, vielleicht, nicht einmal. Und wie viele Menschen hat dieses Land? Wenn sich jeder Einzelne von uns erheben würde, dann hätten sie nichts mehr auszurichten.

Wie steht es politisch um Afghanistan, derzeit?

Die Lage ist besser geworden, wir haben einen guten Präsidenten, der Frauen fördert, der an die Gleichberechtigung glaubt. Und der Frauen wie mich einsetzt, die nun versuchen können, in ihren Bezirken etwas zu ändern.

Wie wussten Sie, wie Regieren geht, wo Sie doch nie ein Amt inne hatten?

Ich habe Ökonomie studiert, ich wende nun einfach an, was ich dort gelernt habe. Geld muss reinkommen, und Geld muss ausgegeben werden. So verfahre ich. Ich nehme ein und investiere gut, und die Leute merken langsam, dass ich damit etwas Wertvolles für die Bevölkerung erwirke.

© CH Media

Zarifa Ghafari steht auf und geht ins Bad, die langen Haare bürsten, dann zieht sie sich für den Auftritt das Samtkleid an, bindet sich ihr Kopftuch und schaut nochmals in den Spiegel, letzte Sprachnachrichten übers Smartphone, die wunden Hände können nicht tippen.

Mit 27 Jahren wären Sie unter normalen Umständen längst verheiratet worden.

Ja, und ich hatte Glück, ich wurde liberal erzogen, ich darf machen, was ich will, und ich danke es meinen Eltern mit Respekt. Ich werde mir Zeit lassen, viel Zeit, ich bin erst 27 Jahre alt. Vielleicht finde ich einen Mann, der mich fördert und unterstützt in dem, was ich tue. Aber ich werde nicht heiraten, um dann zu Hause darauf zu warten, dass er mir sagt, was ich zu tun habe. Ich lebe für mein Amt. Ich habe in Indien studiert, dort haben sich alle über den raschen Wandel aufgeregt, und ich dachte mir: Hätten wir doch in Afghanistan überhaupt welchen. Dieser Moment war es, der mich politisiert hat. Und jetzt haben wir viel zu tun.

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