Coronakrise

Alles begann mit einem Fehltritt - doch seither läuft Alain Berset als Krisenmanager zu Hochform auf

Seine Auftritte verleihen ihm hohe Glaubwürdigkeit: Alain Berset, Gesundheitsminister.

Seine Auftritte verleihen ihm hohe Glaubwürdigkeit: Alain Berset, Gesundheitsminister.

Gesundheitsminister Alain Berset erhält viel Lob als Krisenmanager. Er überzeugt die Bevölkerung in Zeiten von Notrecht mit Transparenz. Und mit der Ruhe und gütig-strengen Eindringlichkeit eines Landesvaters.

Es lief so ziemlich alles schief an jenem 3. März, was schief laufen konnte. Das Treffen von Alain Berset mit zwölf Vertretern der kantonalen Gesundheitsdirektorenkonferenz (GDK) war schlecht vorbereitet. Berset führte die Sitzung zu lasch, die Kantone waren sich uneinig – es kam zum kleinen Chaos.

An der versehentlich angesetzten Medienkonferenz hatten Berset und GDK-Präsidentin Heidi Hanselmann kaum etwas zu sagen. Und zum Abschied schüttelte Berset Hanselmann auch noch die Hand - obwohl er eben erst die neuen Regeln des Social Distancing erklärt hatte.

Der missratene Auftritt vom 3. März ist bisher der einzige «Tolggen» im Reinheft des Gesundheitsministers. Seit fünf Wochen leitet er als Pandemie-Krisenminister die Geschicke des Landes und tritt auf wie ein Landesvater: ruhig und authentisch, aber auch gütig-streng und eindringlich.

Dafür erhält Berset viel Lob. «Der richtige Mann, zur richtigen Zeit, am richtigen Ort», betont etwa CVP-Präsident Gerhard Pfister. «Ein hervorragender Krisenmanager und Kommunikator.» Pfister attestiert dem gesamten Bundesrat «eine sehr gute Krisenführung».

Das W-Prinzip des Gesundheitsministers

Der Begriff Transparenz umschreibt Bersets Krisenmanagement am treffendsten. Wie jeder Journalist seine Artikel baut der Gesundheitsminister seine Medienkonferenzen nach dem W-Prinzip auf: Wer? Was? Wann? Wie? Warum? Wer ordnet was wann wie an - und auf welchen Erkenntnissen? Transparenz macht die Schreckensmeldungen erträglicher.

Transparenz wird noch wichtiger, wenn die direkte Demokratie wegen der ausserordentlichen Lage vorübergehend auf der Ersatzbank Platz nehmen muss. Bevor der Bundesrat am 16. März Notrecht ausrief, konsultierte Berset die Kantone. «Er will nicht mit Verboten arbeiten», sagt St. Gallens Regierungspräsidentin Heidi Hanselmann. «Er will die Leute überzeugen. Das rechne ich ihm hoch an.»

Berset bleibt selbst in dieser Situation ein überzeugter Verfechter demokratischer Prinzipien. Dass er seine neue Machtinstrumente behutsam einsetzt, zeigt sich an seinem Umgang mit dem Tessin. Als dieses die Baustellen eigenmächtig schloss, verwies er auf die besondere Lage des Tessins – als Tal der Lombardei. Er setzte auf Gespräche statt Verbote.

Berset will das Tessin nicht für zehn Jahre verlieren

Berset hat Politikwissenschaft studiert und weiss: Gelingt es ihm nicht, das Tessin mitzunehmen, wird es politisch für die nächsten zehn Jahre verloren sein. Das ist mit ein Grund, weshalb der Bundesrat für das Tessiner Baustellenverbot eine Ausnahmeregelung schuf.

Berset sei «tief in seinem Herzen ein überzeugter Demokrat», sagt Hanselmann. Der Gesundheitsminister erhält auch viel Lob aus dem Tessin. «Er war immer offen für den Dialog, sehr engagiert und dynamisch», sagt Regierungspräsident Christian Vitta. «Die Zusammenarbeit mit ihm war bisher positiv.»

Der Seitenhieb an Bundeskanzler Sebastian Kurz

Es sind seine Auftritte, die Alain Berset hohe Glaubwürdigkeit verleihen. An den Live-Schaltungen zu den Medienkonferenzen hingen ihm bis zu 440'000 Personen an den Lippen. Als er am 20. März das Verbot von Menschenansammlungen über fünf Personen verkündete, nutzte er den Moment zu einer Rede an die Nation. «Spektakel-Politik», wie er es bezeichnete, ist ihm zuwider. «Was zählt, sind nicht die 15 Sekunden der Ankündigung», betonte er. «Sondern dass die Massnahmen von der Bevölkerung umgesetzt werden – und zwar über mehrere Wochen hinweg.» Ein Seitenhieb, der an Österreichs Bundeskanzler Sebastian Kurz gerichtet war mit seinen markigen Ankündigungen in schneller Folge.

Als Gesundheitsminister hat Berset in dieser Krise drei Ziele. Erstens will er Gesundheitssystem und vulnerable Bevölkerung schützen. Parallel dazu soll die Immunität der Bevölkerung so hoch werden, dass sie einen allmählichen Ausstieg aus dem Lockout möglich macht. Und drittens will Berset, der auch einen Doktortitel in Wirtschaftswissenschaft hat, dass die Wirtschaft nicht allzu stark leidet.

Berset entstammt einer Familie von Laufsportlern

Berset entstammt einer Familie von Laufsportlern. Seine Mutter wurde 1987 Vize-Schweizermeisterin im Marathon. Sein Vater lief den Murtenlauf in 55 Minuten. Und er selbst wurde mit 17 Jahren Westschweizer Junioren-Meister über 800 Meter.

Kein Wunder, betont er zur Coronakrise: «Das ist kein 100-Meter-Lauf, sondern ein Marathon.» Am Dienstag beim Besuch des neuen Drive-In-Testcenters in Luzern bereitete er die Bevölkerung deutlicher als je zuvor darauf vor, wie lange die Krise anhalten könnte. Er sprach von Anfang oder Mitte Mai – oder sogar Anfang Juni.

Bescheidenheit, Flexibilität, Ruhe und Entschiedenheit seien wichtig in dieser Situation, sagte Berset in einem Interview mit «La Liberté». Angesichts eines Virus, über das man noch wenig weiss und das den Globus in geradezu atemberaubenden Tempo durchdringt.

Der frühere 800-Meter-Läufer Alain Berset jedenfalls kommt dann in absolute Top-Form, wenn es wirklich zählt: im Ernstfall.

Autor

Othmar von Matt

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